Heiterer als der englische Humor – ist nur der schottische. Hoch oben im Norden, dort, wo das Land aufhört, hat Britannien Großes und Ernstes vor: Auf den Shetlandinseln entsteht einer der führenden Weltraumbahnhöfe Europas, der auch der Verteidigung dienen soll. Wer das Projekt besucht, muss aber zunächst schmunzeln. Der erste Satz auf den Warnschildern ist noch erwartbar: „Aus Sicherheitsgründen ist Unbefugten der Zutritt zum Gelände nicht gestattet.“ Dann aber folgt: „Aliens werden der Weltraumpolizei gemeldet und zum Mars gebracht.“
Ausgedacht hat sich die augenzwinkernde Drohung Frank Strang, ein schottischer Tausendsassa und Gründer des Raketenstandorts auf Unst, der nördlichsten bewohnten Insel Großbritanniens. Er war die treibende Kraft hinter einem der ungewöhnlichsten Raumfahrtvorhaben der vergangenen Jahre. Ende 2023 erhielt er für den kargen Landstrich an der Steilküste die erste Lizenz in Westeuropa für vertikale Raketenstarts. Der ehemalige Offizier der britischen Luftwaffe Royal Air Force ist vor einem Jahr verstorben. Aber seine englische Ex-Frau Debbie und ihre Kollegen führen das Projekt voller Elan weiter.
Private Initiative gegen China, Russland und die USA
Mit etwas Glück werden sie in diesem Jahr die ersten Früchte der jahrelangen Anstrengungen ernten. Dann könnten Testraketen von der Shetland-Station Saxavord aufsteigen, was nicht nur einen Durchbruch für die europäische Raumfahrt bedeuten würde, sondern auch für die Privatwirtschaft. Denn trotz Förderung stecken vor allem nicht staatliche Ideen- und Geldgeber hinter den weitreichenden Ambitionen – darunter auch deutsche.
Es geht darum, kleine Satelliten ins All zu befördern, um Mächten wie Russland und China zivil und militärisch etwas entgegenzusetzen. Und es geht darum, unabhängiger von den Amerikanern und dem Marktführer SpaceX zu werden. Schottland spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Herstellung der Minisatelliten. Keine andere Stadt in Europa, so wirbt die Regierung, produziere mehr davon als Glasgow. Die würfelförmigen „Cube Sats“ lassen sich zu größeren Einheiten kombinieren. Die kleinste wiegt nur so viel wie eine Milchtüte und ist so winzig, dass kaum eine Apfelsine hineinpasst.
Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse sind vorn dabei
Die preisgünstigen Wunderwürfel können Internet und Navigation in jeden Winkel der Erde bringen. Mit ihnen lassen sich Gletscher und Ernten überwachen, Schiffe und Flugzeuge verfolgen sowie zivile und militärische Daten sammeln: zur Ausbreitung von Waldbränden ebenso wie zu Truppenverlegungen.
Deutschland ist in Schottland federführend mit dabei. Zwei junge innovative Unternehmen aus dem Süden wollen diejenigen sein, die zum ersten Mal von Saxavord aus in die Luft gehen: die Rocket Factory Augsburg sowie Hyimpulse aus Neuenstadt am Kocher nahe Heilbronn. Beide werden zur New-Space-Generation gezählt. So nennen sich private Initiativen, die Raumfahrttechnik schneller, günstiger, marktnäher und oft in kleineren Dimensionen entwickeln als eine öffentliche Organisation.
In Europa ist das die zwischenstaatliche European Space Agency ESA, die vom entfernten Französisch-Guyana aus mit den großen Ariane-Raketen schwere, zumeist geostationäre Satelliten aussetzt. Vom Äquator aus nutzen die Trägersysteme die Erdrotation, die Satelliten bewegen sich dann im Gleichklang mit der Weltkugel von West nach Ost.

Erster Orbitalflug noch in diesem Jahr
Es gibt außerhalb Schottlands weitere vielversprechende New-Space-Akteure und Abschussplätze in Europa. So hat Isar Aerospace aus Ottobrunn im März 2025 vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen aus einen Versuch unternommen. Doch noch hat es keine Rakete vom europäischen Kontinent außerhalb Russlands in eine Umlaufbahn geschafft. Das soll in diesem Jahr erstmals gelingen: in Schottland mit einem deutschen Fluggerät.
Worin liegt der Unterschied zwischen einem orbitalen und einem suborbitalen Flug? Ersterer erreicht so viel Tempo, dass die Satelliten die Erde umkreisen. Eine suborbitale Rakete steigt zwar auch in große Höhen, schafft aber nicht die nötige Schnelligkeit und fällt wieder zurück.
Hyimpulse hat im Oktober zunächst einen Suborbitalflug vor. „Aber in einem Jahr wollen wir von Saxavord aus auch unsere Orbitalträgerrakete starten“, sagt Mitgründer Konstantin Tomilin. Die Kollegen aus Augsburg streben schon in diesem Sommer einen Orbitalstart an. In der Branche heißt es, das Zeitfenster reiche vom 10. August bis zum 11. September.
In den Bombenkratern baden Seeotter
Die Verantwortlichen in der Rocket Factory setzen auf die Shetlands, obwohl sie im wahrsten Sinne gebrannte Kinder sind. Vor zwei Jahren ging bei einem Bodentest eine Stufe in Flammen auf. Von dem Feuerball existieren spektakuläre BBC-Aufnahmen, die Folgen hielten sich jedoch in Grenzen. Verrußte Raketenteile liegen wie eine stille Warnung vor menschlichem Übermut noch immer in der Nähe des Startpodestes. An diesem selbst aber entstand kaum Schaden. Menschen waren ohnehin nie gefährdet, da das Areal vor allen Fernzündungen geräumt wird.
In der Kombination aus britischer Infrastruktur und deutschen Raketen liegt eine historische Pikanterie. Dort, wo die Rocket Factory Augsburg hoch hinausstrebt, die sich RFA abkürzt, lag früher ein Stützpunkt der RAF, der Royal Air Force. Dieser war im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gerichtet, die noch sichtbaren Bunker sollten die Wehrmacht abwehren. Der Küstenabschnitt erhielt im Krieg einige Bombentreffer. In einem der Einschlagkrater baden manchmal Fischotter, berichtet Debbie Strang. „Heute sind die Deutschen unsere besten Partner, es war uns immer klar, dass unsere Kunden von dort kommen würden“, sagt sie.

Erst Militär, dann Ökotourismus und Gasindustrie, jetzt Raumfahrt
Wenn Debbie erzählt, wird schnell deutlich, wie steinig der Weg für sie und ihren Ehemann war. Die beiden lernten sich bei der Air Force kennen, heirateten 1991 und trennten sich 2023. Frank war Sportausbilder, eine Zeit lang trainierte er die schottische Mannschaft für Skiakrobatik. Wegen eines Fallschirmunfalls verließ er die Truppe und hatte zeitweilig in den USA zu tun, unter anderem mit der zivilen Umwidmung eines Militärflugplatzes. Diese Idee brachte er zurück nach Großbritannien, wo das Verteidigungsministerium ebenfalls unnütze Liegenschaften loswerden wollte.
Die Strangs griffen selbst zu: Als Erstes kauften sie ein aufgelassenes Gelände in der Nähe von Aberdeen, später den 2006 geschlossenen RAF-Stützpunkt auf Unst. Hier setzten sie zunächst auf grünen Fremdenverkehr. „Wir waren ein Ziel für Wanderer, Vogelkundler, Fotografen und alle, die in der Weite am Meer abschalten wollten“, erinnert sich Debbie. Unterkünfte gab es genug, zum Militärgelände gehören mehr als 20 Gebäude. „An Raumfahrt hat damals noch niemand gedacht“, sagt die ehemalige Offizierin.
Die Wikinger und ein Gräberfeld aus der Bronzezeit
Auch Archäologen kamen nach Saxavord, altnordisch für „der Steinhaufen des Riesen Saxa“. Später wurde in unmittelbarer Nähe zum Raketenstartplatz ein bronzezeitliches Brandgräberfeld entdeckt. Frank kalauerte damals mit Bezug zum – deutlich jüngeren – Wikingererbe, Unst verkörpere „den Weg vom Langschiff zum Raumschiff“.
Doch der Tourismus lief nur leidlich. Das lag auch daran, dass es wenig wirtschaftliche Anreize auf den Inseln gab, sich zu vermarkten, Infrastruktur auszubauen oder den Stellenmarkt in diese Richtung zu lenken. „Alle arbeiteten in der Fisch- oder Schafzucht und vor allem für die wohlhabenden Öl- und Gaskonzerne“, erinnert sich Debbie Strang. „Es war nicht leicht für uns, eine Nische zu finden.“
Hier gibt es nur Schafe, Ponys und viel Meer
Letztlich versuchte das Paar die Quadratur des Kreises: Bis 2016 brachten sie Hunderte Bauarbeiter für das neue Sullom-Voe-Gasterminal bei sich unter, verköstigten sie und transportierten sie auf den lang gestreckten Shetlands hin und her, wofür es gutes Geld gab. „Die Leute aus der Gasindustrie wohnten Tür an Tür mit den Ökotouristen“, sagt die Einundsechzigjährige mit einem Schulterzucken. „Wir mussten diesen Weg gehen, damit wir weitermachen konnten.“ Die Eheleute gründeten damals auch eine Gin-Brennerei, die nördlichste im Königreich, die bis heute besteht.
2017 tat sich eine neue Tür auf. Ein staatlich beauftragter Bericht, der „Sceptre Report“, kam in einem Vergleich möglicher britischer Raketenstandorte zu dem Ergebnis, dass Saxavord am besten geeignet sei.
Zum einen ist die Region kaum besiedelt. Auf einer Fläche, die größer als Sylt ist, leben zwar viele Schafe und Shetlandponys, aber nicht einmal 700 Einwohner. In Startrichtung Norden liegt nur Meer, es sind keine Umwegmanöver oder „Hundebeinflüge“ (Dog-leg Turns) nötig. Schließlich lassen sich so hoch im Norden mit relativ geringem Aufwand Satelliten in polare und sonnensynchrone Bahnen bringen.
Im „Space Race“ half die Regierung den Falschen
Das bedeutet, dass sie von Pol zu Pol fliegen, während sich die Welt unter ihnen dreht, und sie somit fast die ganze Erdoberfläche in den Blick nehmen können. Mit „sonnensynchron“ ist gemeint, dass der Satellit dieselben Orte immer zu einer ähnlichen Zeit mit ähnlichen Lichtverhältnissen überquert. Damit fällt der Vergleich leichter, etwa für Klima-, Wetter- oder Agrarmessungen.
„Ich konnte sonnensynchron nicht einmal aussprechen“, sagt Debbie und lacht. „Aber der ‚Sceptre Report‘ brachte neue Dynamik in die Sache, auch wenn es erst einmal ein Space Race gab, einen Wettbewerb zwischen den Standorten.“
Denn anfänglich unterstützte die schottische Regierung das drittplatzierte Projekt namens Sutherland: weil es sich auf dem besser angeschlossenen Festland befand und weil dort Weiterverwendungsmöglichkeiten für ein ehemaliges Kernkraftwerk und dessen Mitarbeiter gesucht wurden. Für den lokalen Strukturwandel gab es zusätzliches Geld.

Adlerbrutgebiet und geschützte Moorlandschaft
Obwohl Millionen Pfund an Steuermitteln nach Sutherland flossen, konnte sich der Standort auf der Halbinsel A’ Mhòine nicht durchsetzen. Man scheiterte unter anderem an Umweltbedenken in diesem Brutgebiet von Stein- und Seeadlern am Rande einer UNESCO-geschützten Moorlandschaft.
Hinzu kam: Raketen hätten Richtung Norden immer um die Färöerinseln herumfliegen müssen, was mehr Treibstoff erfordert und die Nutzlast verringert hätte. Inzwischen sind der Sutherland Spaceport und seine Muttergesellschaft Orbex insolvent.
Saxavord hingegen hat Oberwasser, hier konzentrieren sich die britischen Aktivitäten. Mittlerweile hat das Projekt zehn Millionen Pfund staatliche Hilfe erhalten, die Privatwirtschaft brachte viermal so viel zusammen. Wichtigster Investor mit rund 80 Prozent der Anteile ist der dänische Modemilliardär Anders Holch Povlsen.
Erinnerung an den ermordeten Sohn des Haupteigners Povlsen
Er gilt als größter privater Landbesitzer Großbritanniens neben König Charles. In Erinnerung an Povlsens Sohn Alfred heißen das Maskottchen des Weltraumbahnhofs und einer der drei Raketenstartplätze Fredo: Der Fünfjährige und zwei seiner Schwestern starben 2019 bei einem Terroranschlag auf Sri Lanka.
Saxavord hat eine Lizenz für 30 Starts im Jahr. Derzeit wartet die ganze Branche gespannt auf den Erstflug, auch wenn sich Debbie Strang erstaunlich gelassen gibt. „Unsererseits sind wir fertig, wir sind im Grunde ja nur ein Flughafen: Wir vermieten die Startplätze als Runways für unsere Kunden“, sagt sie. „Die Raketenunternehmen sind wie Airlines, mit ihrer Technik haben wir nichts zu tun.“
Und für die Zukunft? Debbie, die vier Prozent der Anteile an Saxavord hält, malt sich aus, dass in fünf Jahren sechs Startplätze in Betrieb sein könnten. Wenn alles gut geht, werde die Basis Satelliten nach festen Flugplänen und ohne großes Aufsehen ins All schießen. „Die Anwohner heben dann wahrscheinlich kaum noch die Köpfe bei einem Start“, erwartet sie. „Vielleicht sagen sie einfach nur: Ach ja, das ist die 11-Uhr-Rakete.“
