Heiner Müller gilt vielen als der größte Dramatiker, den die DDR hervorgebracht hat. Er starb am 30. Dezember 1995. Müller schrieb vor allem Theaterstücke und Gedichte. Dass er jedoch auch einmal ein Filmdrehbuch verfasst hat, darauf bin ich nur durch einen Zufall gestoßen.
In einem Interview hatte Müller einmal erwähnt, dass er 1963 aus Geldnot auf einer Baustelle in Leuna für eine Reportage recherchiert habe. Im Heiner-Müller-Archiv der Akademie der Künste (AdK) in Berlin sind fast alle Hinterlassenschaften Müllers digitalisiert und in einem Findbuch Stichpunkte dazu vermerkt. Maren Horn und das Team der AdK sind immer hilfreich; auch die Witwe Brigitte Maria Mayer gibt stets großzügig Anfragen zu Fundstücken frei. Im Archiv fand sich tatsächlich eine unveröffentlichte fünfseitige Radioreportage über die Qualifizierung auf dem Bau, die aus unerfindlichen Gründen nie ausgestrahlt wurde. Doch dabei blieb es nicht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Heiner Müller hat nie etwas weggeworfen. Jeden Schnipsel Papier, jeden Briefumschlag, jede Serviette mit einem Gedanken oder einem Vers hat er aufgehoben. Weil er ein Messie war? Oder eher, weil ihm klar war, dass seine Worte Gewicht haben? Schließlich sagte er einmal kokett: „Ich bin der beste lebende Dramatiker, das weiß jedes Kind.“ Vielleicht, weil er großmütig war und wusste, dass er Generationen von Germanisten auf der Suche nach Entdeckungen im Nachlass Arbeit verschaffen würde.
Was Müller aber nicht war, war ein Abhefter. All diese Dinge waren nämlich nicht sorgsam in Ordnern sortiert, sondern lagen in Stapeln auf Schreibtischen, Regalen, in der ganzen Wohnung herum. Nach seinem Tod haben die Archivare solche Stapel meist in eine Mappe gelegt, und diese Sortierung besteht noch heute. Zudem hat Müller Stoffe oder Pläne über Jahre verfolgt, zeitweise liegen gelassen und dann wieder aufgegriffen.
Das Projekt „Die Brigade“
Deshalb liegen in einer solchen Mappe auch parallel verfolgte Konzepte und Verweise auf andere Zusammenhänge. So stieß ich auf ein ominöses Projekt namens „Die Brigade“. Interessant, da ging es wohl um eine LPG, ein paar Jahre nur vor der Premiere des berühmten Theaterstückes „Die Umsiedlerin“ über die Zwangskollektivierung eines Bauerndorfes, das 1961 sofort verboten wurde und Heiner Müller berühmt machte. Es passte zu Müllers Bemerkung, dass er mal zusammen mit seiner Frau Inge ein Szenarium für die DDR-Filmgesellschaft DEFA schreiben sollte, über eine besonders schlecht funktionierende LPG.
Und tatsächlich: Im Bundesarchiv bin ich dann mit der Hilfe von Barbara Barlet von der DEFA-Stiftung fündig geworden: Dort liegen drei fertige Versionen des Projekts „Die Brigade“ vor, eine Materialskizze von zehn Seiten, ein Exposé von dreißig Seiten und das „Rohdrehbuch“ genannte fertige Produkt, 168 Seiten. Nebst Verträgen, Korrespondenz und allem Drum und Dran.

In den 1950er Jahren hatte man es aber noch mit Zureden versucht. Man wollte einen „neuen Arbeitsstil“ einführen, in dem jeder im sozialistischen Kollektiv mitarbeiten und mitgestalten und sich keiner irgendwie politisch raushalten sollte. Auf dem Dorf bedeutete das: Alle Bauern sollten in die LPG eintreten. Beschlossen worden war dies schon 1952, auf freiwilliger Basis, aber die Ergebnisse waren mager: Trotz allen Drängens ließen sich in sechs Jahren nur 30 Prozent der Bauern überreden.
Also begann man im Frühjahr 1958 eine groß angelegte Kampagne: Eigens vom Zentralkomitee (ZK) der SED zusammengestellte Brigaden fuhren durch das Land, besuchten Versammlungen, Betriebe und Dörfer, um dort bestehende Probleme zu beheben und den „neuen Arbeitsstil“ einzuführen – eine Art sozialistische McKinsey-Unternehmensberatung.

In das kleine Dorf Riesigk in der Nähe von Dessau rückten 15 Brigademitglieder aus Halle ein und blieben zwei Wochen, geleitet von einem ZK-Mitglied und begleitet von Reportern, die das Ganze mit Zeitungsartikeln dokumentierten. Der Rat des Bezirkes entsandte danach noch ein Jahr lang zehn „Aufklärer“, die agitieren sollten.

Die Arbeiterschriftstellerin Marta Nawrath hatte damals in einer Kurzgeschichte den heroischen Kampf der Brigademitglieder gegen christliche Einflüsse, reaktionäre Elemente und vor allem bösartige Großbauern gepriesen, die den Fortschritt verhindern – es sollte die Grundlage für das Drehbuch Müllers werden: Die Großbauern hatten die Jugend aufgewiegelt und sogar geplant, beim Tanz in den Mai die Brigademitglieder zu verprügeln. Doch diese machen sich Freunde im Dorf, gewinnen die Jungen für sich und versprechen, die katastrophal marode Dorfstraße zu sanieren.
„Auf dem Wege zum sozialistischen Dorf“
Die Frauen verpflichten sich, einen Kindergarten zu bauen. Als schwierigste Aufgabe erweist sich der Versuch, die Einzelbauern zum Eintritt in die LPG „Roter Oktober“ zu bewegen. Doch lange werden sie sich nicht mehr wehren können, das ist sicher, verspricht die Erzählstimme in hämisch-triumphierendem Ton. Am Ende marschiert auf der 1.-Mai-Demonstration eine Kampfgruppe, rote Fahnen wehen überall, und Riesigk ist „auf dem Wege, ein sozialistisches Dorf zu werden“.
In Zeitungsartikeln wiederum wurden auch mehrere Riesigker Bürger – Landwirte wie auch lokale Funktionsträger – namentlich genannt und teilweise geschmäht. Gerade haben wir eine Recherche begonnen, die Kinder dieser Genannten ausfindig zu machen und sie zu befragen. Zu bestätigen scheint sich, dass die Kampagne im Dorf tatsächlich, wenn auch nicht von allen, so doch von vielen abgelehnt und erheblicher Druck auf die Bauern ausgeübt wurde. Als die letzten von ihnen dann doch nachgeben mussten, haben sie – quasi als letztes Zeichen der Nichtunterwerfung – eine eigene, alternative LPG vom Typ I gegründet, in der sie nur den Boden, jedoch nicht ihr Vieh und ihre Maschinen teilten. Es deuten sich hier sehr schmerzhafte Erinnerungen an.

Die Kurzgeschichte von Marta Nawrath jedenfalls legt man also im Sommer oder Herbst 1958 dem 29-jährigen Heiner Müller vor, damit er daraus ein Drehbuch schreibt. Müller ist damals ein aufstrebender Jungschriftsteller, großes Talent und sozialistisch engagiert (wenn auch mit einem fatalen Hang zur Ehrlichkeit), der sich mit Stücken aus dem Fabrikmilieu einen Namen gemacht hat: Sein Durchbruch gelingt ihm 1956/57 mit „Der Lohndrücker“, später preisgekrönt, aber schon 1958 setzt es erste harsche Kritik für „Die Korrektur“, weil Müller darin freimütig beschreibt, wie die Arbeiter auf hohe Normen reagieren: indem sie einfach geschönte Produktionszahlen nach oben melden.
Die Defa zahlt gut
Den Filmauftrag nehmen die Müllers natürlich an, die DEFA zahlt gut, das kann ein Künstlerpaar in diesen noch schweren Jahren kaum ausschlagen. Beide fahren nach Riesigk und reden dort mit einigen Bauern, deren Erfahrungen in das Drehbuch einfließen.
Besonders eine Geschichte, die ihm ein älterer Landwirt erzählt, berührt Müller so, dass er sie in seiner Autobiographie nach mehr als 30 Jahren noch wiederholen kann: Er selbst wolle ja gern in die LPG eintreten, aber seine Familie sei dagegen, sein Sohn, weil es schließlich dessen Erbe sei, das er hier weggeben soll, und seine Frau, weil sie sich jahrzehntelang so geschunden hat, dass ihre Hände krumm und kaum zu öffnen sind. Beide wollen das hart Erarbeitete nicht einfach aufgeben.
Im endgültigen Drehbuch schreibt sich Müller etwas frei
Während Müller in seiner ersten Skizze im November 1958 und im Exposé vom März 1959 noch nah an der Vorlage bleibt, schreibt er sich dann im endgültigen Drehbuch etwas frei. Er streicht eine Fahrt zu einer Muster-LPG wie auch die Maifeier mit Fahnen und Kampfgruppen. Handschriftliche Notizen – eigene kritische Einschätzungen oder vielleicht Rückmeldungen, die er von außen bekommen hat – lauten: „Figuren zu einseitig“, „durchgängig feindselige Haltung der Bauern“, „Symbolik manchmal übertrieben“, „Konflikte der Einzelbauern schematisch“.

So versucht Müller dann, einige Motive der Landwirte nachzuvollziehen und ihre persönliche Hintergrundgeschichte zu erzählen. Auch er zeichnet fiese Großbauern, doch ebenso solche, die kompetent oder hin- und hergerissen sind. Wichtig sind ihm Frauenfiguren und deren Wunsch nach Gleichberechtigung, zum Beispiel eine verwaiste, mittellose Magd, die ihre Zukunft in der LPG sieht, oder Frauen, die den Bau des Kindergartens selbst in die Hand nehmen.
Die Brigademitglieder haben etwas weniger Substanz und sind, anders als in den Vorlagen, keine reinen Helden. „Was ihr falsch gemacht habt: alles“, müssen sie sich sogar vom Bürgermeister sagen lassen. „Ihr fallt hier ins Dorf ein, wißt von nichts, bloß was auf dem Papier steht, spielt euch auf wie Stalin persönlich, wollt das Dorf übers Knie brechen und in den Sozialismus im Galopp.“
Oneliner lockern die Dialoge auf
Zudem lockert Müller die ernsten Konflikte mit komischen Elementen auf, sowohl visuell als auch in den Dialogen, etwa mit Onelinern wie: „Die LPG kann sich kein Auto kaufen vor neunzehnhundertachtzig“ oder „Das ist keine Zigarre, das ist ein Kriegsgrund“. Müller ist durchaus vom Sozialismus und von den Vorzügen der LPG überzeugt – etwa Effizienz durch größere Flächen und durch gemeinsame Nutzung von Maschinen, Arbeitsteilung mit der Möglichkeit von Urlaubs- und Krankheitstagen. Aber er glaubt, dass es möglich und nötig ist, die Bauern zu überzeugen.
Am Ende erwischt er einfach ein unglückliches Timing: Statt das Drehbuch im August 1959 fertigzustellen, beantragt Müller eine Verlängerung bis Ende des Jahres, die er nochmals überschreiten wird. Denn im Wintersemester beginnt er an der Hochschule für Ökonomie mit den Proben und dem parallelen Weiterschreiben seines Stückes „Die Umsiedlerin“, das er schon jahrelang mit sich herumträgt. Es spielt ebenfalls hauptsächlich in der Phase der mehr oder weniger freiwilligen Kollektivierung der Landwirtschaft und zeigt als Hoffnungsfigur eine schwangere junge Frau aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die am Ende ein Stück Land erhält und es mit einer anderen, ebenfalls verlassenen Frau gemeinsam bewirtschaftet. Sie hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Magd aus dem Drehbuch; auch bei anderen Figuren gibt es leichte Überschneidungen.
Als Müller fertig ist, soll er lieber eine Komödie daraus machen
Als er das Drehbuch im März 1960 endlich einreicht, ist gerade die Zwangskollektivierung im vollen Gange, euphemistisch „sozialistischer Frühling auf dem Lande“ genannt. Müllers Überzeugungsarbeit ist damit hinfällig oder hat, wie der betreuende DEFA-Dramaturg ihm bescheinigt, „dem gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß seit 1958 bis heute nicht standgehalten“. Er empfiehlt Müller, aus dem Material eine Komödie zu machen, denn in der Komödie lösen sich Konflikte friedlich und laufen auf ein Happy End hinaus. Müller unterzeichnet einen neuen Vertrag, scheint ihn aber nie erfüllt zu haben.
Stattdessen arbeitet er weiter an der „Umsiedlerin“, auch über den Mauerbau am 13. August 1961 hinaus, dessen Auswirkungen auf die Empfindlichkeit der Zensoren er unterschätzt, denn „weder beim Schreiben noch beim Proben war uns bewußt, daß wir da eine Bombe gelegt haben. Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten, die Studenten auch.“
Das nun gefundene Drehbuch belegt diese Selbsteinschätzung eindrücklich, zeigt es doch, wie sehr der junge Müller damals bereit war, den Aufbau des Sozialismus, sei es auf dem Lande oder in der Produktion, kritisch zu begleiten und den didaktischen Auftrag an die Schriftsteller in diesem Prozess anzunehmen. Erst später verstand er, dass seine Stücke längst über die eigene Überzeugung hinauswiesen, denn „der Text ist klüger als der Autor“. Der befreundete Dramatiker Peter Hacks, der „Die Umsiedlerin“ für eine „große Komödie“ hält, ahnt es schon: „Sie werden dich politisch totschlagen, weil du sie entschuldigst.“ Und so kommt es dann auch.
Nach der Premiere am 30. September wird das Stück sofort abgesetzt und auf Jahrzehnte hin verboten, alle Beteiligten werden verhört, Müller aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und der Regisseur B. K. Tragelehn zur „Bewährung in der Produktion“ in den Braunkohletagebau geschickt. Es ist der größte Theaterskandal der DDR. Kein Happy End.
Die Autorin ist Vorstandsvorsitzende der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft und Akademische Direktorin des Durden-Dickinson-Bremen-Programms des Dickinson College an der Universität Bremen. Derzeit bereitet sie, mit Unterstützung von Alex Arnold, die Publikation des Drehbuchs vor.
