Es ist vorerst ihr letzter Besuch im „Globus“-Supermarkt gewesen. Ein Ladendetektiv hatte den Franzosen kurz zuvor beim Diebstahl erwischt. Der Mann bekam Hausverbot, bat aber darum, mit seinem Sohn vor dem Verlassen des Marktes zumindest an der „Heißen Theke“ noch einen Zwischenstopp einlegen zu dürfen. Der Detektiv hatte wohl Mitleid mit dem Gespann; er erlaubte es.
Eine Verheißung für einen Euro
Man würde denken, es wäre keine allzu große Härte, jemandem einen Imbiss zu verwehren. Mit dem Fleischkäsweck jedoch verhält es sich anders. Über dem Markt, weithin sichtbar, prangt ein Bild von ihm. Von der Verheißung für nur einen Euro.

Im Saarland hält man sich eine besonders feine Esskultur zugute. Das hat auch mit der Nähe zu Frankreich zu tun. Fast jeder Saarländer kommt irgendwann auf die Ausflüge ins Nachbarland zu sprechen, auf die tolle Qualität der Lebensmittel (das Gemüse! Die Austern!). Im Saarland selbst gibt es überdurchschnittlich viele Spitzenrestaurants. „Hauptsach, gudd gess“, sagen sie hier: Essen hat Priorität, soll das wohl heißen. Der Fleischkäsweck will dazu erst mal nicht passen: fettig, salzig, billig. „Hauptsach, günstig gess“? Das Angebot bei „Globus“ sei Kult, versichert ein Landespolitiker, will aber lieber nicht namentlich zitiert werden. Politikervorsicht. Doch als die Supermarktkette aus Sankt Wendel vor vier Jahren den Preis für den Weck auf 1,20 Euro erhöhte, gab es einen Sturm der Entrüstung. Bürger starteten eine Petition, „Globus“ erhielt so viele wütende Zuschriften wie nie zuvor. Ein Imbiss als Ausflugsziel, das man extra anfährt – so etwas lässt man sich ungern wegnehmen.
Geschäftsführer Matthias Bruch erinnert sich noch gut an die Preiserhöhung. Die Kosten für den Fleischeinkauf seien einfach so stark gestiegen, dass man keine andere Wahl gehabt habe, sagt er. Wenige Wochen später lenkte Bruch aber ein. Wohl auch, weil sich das Unternehmen durch den Protest der Werbewirkung des Produkts noch mehr bewusst wurde und dafür auch Verluste in Kauf nahm. Die Kosten seien, so Bruch, wieder etwas gesunken, das habe man an den Kunden weitergeben wollen. Seitdem gibt es eine „Preisgarantie“, die Bruch jedes Jahr wiederholt. Medien berichten darüber. Kostenlose Werbung.
Der Fleischkäseweck ist ein einfaches Produkt, das eigentlich nur zwei Komponenten hat, meist ergänzt um Senf oder Ketchup. Es braucht anders als für Bratwürste keinen Grill, ein Ofen genügt zur Zubereitung. Einmal erwärmt, liegt der Fleischkäse oft in der Theke; nach Stunden dort schmeckt er nicht unbedingt besser, erfüllt aber immer noch seinen Zweck: ein saftig-warmes Stück Fleisch zwischen Brötchenhälften. Es braucht keinen Salat, keine Tomaten, keine Zwiebeln oder Soßen, die im Preis gestiegen sind und leicht verderblich sind. Kenner behaupten, das Brötchen dürfe nicht zu crunchy sein; so kann es mit dem Fleisch zu einem organischen Ganzen werden. Die Röststoffe der Kruste geben einen kleinen, aber eben nicht feinen Kick. Fertig ist eine Mahlzeit, die auch Leute, die sonst im Biomarkt einkaufen, zu sich nehmen können: als guilty pleasure – als kleines Laster, über das man ungern spricht.
Der Fleischkäse stammt aus der hauseigenen Fleischerei
Geschäftsführer Bruch führt durch den Saarbrücker Markt. Bei „Globus“ gibt es alles für den Wocheneinkauf, dazu noch Bügelbrett oder Kaffeemaschine. Wer ganz zum Ende des Geschäfts läuft, steht an einer riesigen Fleischtheke; dahinter befindet sich die eigene Fleischerei. Nachdem Schuhe und Hände desinfiziert, Einwegkittel und Haube übergeworfen sind, ist der Blick frei auf Rinderhälften und ganze Schweine. Täglich werden sie von einem Partnerbetrieb in Belgien angeliefert, so Bruch; seit Jahrzehnten arbeitet man zusammen. Die Metzger zerlegen die Tiere. Aus den besonders schönen Stücken werden Steaks und Koteletts geschnitten, vieles geht in die Wurstproduktion. Lyoner, frische Mettwürstchen. Und Fleischkäse.
Für diesen werden Rind- und Schweinefleisch zunächst im Wolf zerkleinert, dann kommen sie mit Gewürzen und Eis in den Kutter. Vom Zerlegen bis zur hellrosa Fleischmasse dauert es vielleicht zehn Minuten. Einer der Metzger greift, die beiden Hände zur Schale formend, hinein und legt die Masse in Metallformen. Darin gart der Fleischkäse zweieinhalb Stunden, bevor er verkauft wird. „Alles ganz frisch“, sagt der Leiter der Metzgerei, Maxim Boutintsev. Was in der Mittagszeit warm in der Theke liegt, sei am Morgen hergestellt worden.
Als sich die F.A.S. ankündigte, um mit ein paar Kunden an der „Heißen Theke“ zu sprechen, bot das Unternehmen gleich den Rundgang an. Wohl auch, weil alles in der Fleischerei gegen ein Vorurteil spricht: dass ein Produkt für einen Euro irgendwie schlecht sein müsse.
Eine halbe Million Fleischkäsebrötchen im Jahr
Veganer würden vermutlich kritisieren, dass für die halbe Million Fleischkäsebrötchen, die jährlich allein im Saarbrücker Markt verkauft werden, viele Tiere sterben. Stimmt. Ernährungsberater würden bemängeln, dass der Snack viel Fett und wenig Ballaststoffe hat. Stimmt. Aber der Fleischkäse besteht vor allem aus dem, was er verspricht: Fleisch.
„Das ist ein Qualitätsprodukt“, sagt Bruch. Keineswegs mache man damit Verluste, um die Kunden in den Markt zu locken. Den niedrigen Preis erklärt er damit, dass „Globus“ die gesamte Produktion in der Hand habe. Die Brötchen werden nebenan in der eigenen Bäckerei gefertigt.

Vor dem Fleischkäse war der Leberkäse. Erfunden worden sein soll er vor mehr als 200 Jahren in München. Kurfürst Karl Theodor kam 1776 aus der Pfalz in den Süden und brachte einen Metzger aus Mannheim mit. Er soll die Idee zur Pastete gehabt haben, die aufgrund der weichen Konsistenz auch mit damals oft schlechten Zähnen gegessen werden konnte. Wenn es in der gehobenen Küche heute gerne heißt, ein Gericht sei ursprünglich ein „Arme-Leute-Essen“, hat der Leberkäse den umgekehrten Weg gemacht. Er ist adligen Ursprungs.
Leber oder Käse waren damals offenbar nicht enthalten. Der Name bezog sich auf die Form eines Laibbrots, das umgangssprachlich zur „Leber“ wurde, und „Kas“ wird im Bayerischen eine kompakte essbare Masse genannt. Bis heute kommt bayerischer Leberkas ohne Leber aus, im Rest Deutschlands muss Leber enthalten sein. So schreibt es das Lebensmittelrecht vor. Verzichtet man darauf, muss das Produkt Fleischkäse heißen.
Was im Saarland „Fleischkäsweck“ heißt, kennt man woanders unter anderem Namen. In Bayern und Österreich ist es die „Leberkässemmel“, in Franken das „Leberkäsweckla“, in Schwaben der „Leberkäswecken“. Die Mahlzeit ist dasselbe, die Loyalität gegenüber dem jeweiligen Regionalnamen ist es auch – wer in München nach einem „Fleischkäsweck“ fragt, erntet womöglich Blicke.
Hier zählt vor allem Preis-Leistung
In der Schlange bei „Globus“ stehen zwei Freundinnen Ende 20, die heute freihaben und mal wieder einen Fleischkäseweck essen wollten. „Den gab’s früher schon, wenn ich mit meinen Eltern einkaufen gegangen bin“, sagt eine von ihnen. Die andere lobt, dass das weiche Brötchen mit der Scheibe eins werde. Ein Handwerker steht für sich und seine Kollegen an. Für ihn zählt, ebenso wie für den Vertriebler dahinter, eins: „Preis-Leistung“, sagt er.

Ein Lehrer und ein Schüler warten auch. Nach einem Klassenausflug am Morgen wollen sie das Mittagessen holen. Die anderen Schüler einer neunten Klasse sitzen draußen im Reisebus auf dem Parkplatz. Der Lehrer sagt mit strahlenden Augen: „Es ist so günstig. Und so ein Fleischkäsweck schmeckt ja jedem.“ Einzelne wollten lieber ein Schnitzelbrötchen, das mit zwei Euro nur etwas teurer ist. Vegetarier gebe es nicht in der Klasse, sagt er. Veganen Fleischkäse gibt es im Supermarkt zu kaufen, aber nicht zum direkten Verzehr. Die Nachfrage fehlt wohl. Am Ende gehen sie mit zwei vollen Plastiktüten zum Parkplatz.
Während der Döner in den vergangenen Jahren immer teurer wurde, inzwischen vielerorts acht bis zehn Euro kostet, gibt es den Fleischkäse oder Leberkäse im Brötchen auch in vielen anderen Metzgereien und Bäckereien im Süden und Südwesten schon für 1,50 Euro.
Für viele Metzger waren die „Heiße Theke“ und ihre Varianten schon vor Jahrzehnten eine Rettung. Für Wurst und Fleisch gingen die Kunden oft zum Discounter, wo die Preise niedriger sind und die inzwischen auch mit besserer Tierhaltung werben. Der Vorteil der Metzger war es, dass sie Mitarbeiter haben, die verzehrfertige, warme Produkte anbieten können. Der Mittagstisch für kleines Geld, allemal günstiger als in den meisten Gaststätten, kam hinzu und stabilisierte die Verluste. Die Kunden sind bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen als für die Frischwaren, sagt ein Metzger aus dem Norden von Rheinland-Pfalz, der nur ein Geschäft hat.
Einmal, erinnert er sich, sei er vor Jahren auch mal „beim Globus“ gewesen. Er selbst verkauft den Fleischkäseweck heute für zwei Euro; anders rechne es sich für ihn nicht. Deshalb war er skeptisch, als er beim großen Konkurrenten für die Hälfte aß. Und wie war der Geschmack? „Ziemlich in Ordnung.“
