
In den meisten sozialen Situationen spielen Forderungen von Abwesenden eine maßgebliche Rolle. Die Teilnehmer sollen eine Entscheidung treffen, auf die anderswo schon gewartet wird, an der Herstellung von Automobilen für unbekannte Kunden kooperieren oder sich in ein Unterrichtsthema vertiefen, das von Dritten festgelegt wurde. In dieser Fernorientierung treten die Bedürfnisse der Anwesenden selbst mehr oder minder zurück, darunter vor allem das Bedürfnis, etwas von sich selbst zu zeigen und dafür soziale Resonanz zu finden. Der Sachbezug der Situation lässt das nicht immer zu.
Um sich von solchen Zumutungen zu erholen, gibt es verschiedene Formen eines zweckfreien Zusammenseins, die nun gerade den Darstellungsinteressen der Teilnehmer gerecht werden sollen: das Familienfest, die Kneipentour mit Freunden, das gemeinsame Essen im Restaurant. Im Anschluss an eine Literatur, die bis weit in die frühe Neuzeit zurückreicht, hat die Soziologie solcher „geselligen Interaktionen“ eine Reihe von Voraussetzungen dafür ermittelt, dass sie gelingen.
Wenn Gesprächsthemen für Ungleichheit sorgen
So beruht die Geselligkeit darauf, dass die Beteiligten einander als Gleiche behandeln. Die etwa vorhandenen Differenzen an gesellschaftlichem Status oder formalem Organisationsrang müssen also, ähnlich wie im Gesellschaftsspiel, für die Dauer der Zusammenkunft neutralisiert werden. Würde dies nicht geschehen, hätte der Ranghöhere automatisch die besseren Chancen, das Gespräch zu bestimmen. Er könnte zugleich länger, selbstgefälliger und mit höherer Immunität gegen Kritik reden als andere. Der soziale Einfluss wäre schon vorab ungleich verteilt und könnte sich nicht nach dem Wert der Beiträge für die Gesprächsentwicklung richten.
Aber vorgegebene Rangunterschiede sind nicht die einzige Hürde vor einer Begegnung auf Augenhöhe. Auch das Gesprächsthema kann die Gleichheit der Anwesenden stören, und zwar einfach dadurch, dass es einigen bessere Darstellungsmöglichkeiten bietet als anderen. Sind nur einige der Gäste ausgebildete Juristen, sollte man folglich versuchen, Themen aus der Gerichtswelt zu meiden, und dasselbe würde gelten, wenn Jurastudenten neben Amtsrichtern sitzen.
Schnelle Entmischung ist vorprogrammiert
Einen indirekten Beweis für den guten Sinn dieser beiden Regeln bietet nun der Forschungsbericht über ein alljährlich stattfindendes Fest, das sie in langer und fester Tradition ignoriert. Als Gastgeber firmiert ausgerechnet eine soziologische Fakultät, nämlich die im norwegischen Trondheim, und zu den Gästen zählen neben den Professoren auch die Studenten. Die ganztägige Veranstaltung beginnt mit einer Reihe von kürzeren Vorträgen aus Forschungsartikeln und studentischen Hausarbeiten, danach folgt ein geselliger Umtrunk. Den Übergang bildet ein Quiz, bei dem Mannschaften aus Professoren und Studenten gegeneinander antreten, um soziologische und andere Wissensfragen zu beantworten.
Auch wenn das Quiz dazu bestimmt sein mag, sie aufzulockern, wird die Statusdifferenzierung zwischen Professoren und Studenten in der akademischen Leistungsschau so deutlich erkennbar, dass sie dann auch im geselligen Teil der Veranstaltung nicht gut ignoriert werden kann. Außerdem fällt es beiden Seiten, da sie ja normalerweise nur über wissenschaftliche Themen sprechen, nicht leicht, irgendwelche anderen zu finden. Den Professoren bietet das gute Darstellungschancen, aber die Entfremdung der Studenten, die ihnen stumm zuhören, wächst nur. Statt wie auf einer Party, bei der es auf das ungleiche Wissen der Trinker und Tänzer nicht ankommt, fühlen sie sich wie in einer mündlichen Prüfung mit Bierausschank.
Einen viel beschrittenen Ausweg aus dieser leidvollen Situation eröffnet die Größe der Veranstaltung. Sie macht es unvermeidlich, dass sich spätestens nach dem Ende der Bühnenshow kleinere Kreise bilden, und die können gesprächsgünstiger zusammengesetzt sein. Dabei ist es vor allem der starke Fluchtdrang der Studenten, der für Entmischung sorgt. Teils ziehen sie sich schon früh in nahe gelegene Kneipen zurück, um den Blicken ihrer Lehrer und Prüfer zu entrinnen. Teils schließen sie sich in größeren Gruppen zu vorzeitigem Aufbruch zusammen. Lange vor dem Ende der erhofften Verbrüderung mit den Studenten sind die Professoren dann wieder unter sich.
Solche Beobachtungen legen die Frage nahe, warum die Studenten überhaupt teilnehmen. Die Antwort darauf rundet den trostlosen Eindruck ab: weil sie sonst ihren Seminarschein nicht bekämen.
