
Es gab den einen Moment im Leben Klaus Oesterlings, an dem sich sein Leben abrundete. Das war der 14. Juli 2016, als der Sozialdemokrat zum Frankfurter Verkehrsdezernenten gewählt wurde. Man sagt, ein Politiker müsse sich in einem Ressort, für das er neu zuständig werde, nicht auskennen, er müsse nur in der Lage sein, sich einzuarbeiten, wenn er Stadtrat oder Minister werde. Aber Oesterling musste sich nicht einarbeiten, nicht ein bisschen. Der gebürtige Frankfurter kannte seine Stadt aus dem Effeff, die Kommunalpolitik in all ihren Winkeln wie wenige und vor allem aber die Verkehrspolitik. Mit ihm konnte man nicht nur über den Frankfurter Nahverkehr diskutieren, sondern auch über den anderer Städte, über die Linien, die Fahrzeuge.
Zufall war das nicht. Sein Vater Helmut Oesterling war Betriebsleiter der Stadtwerke in der Zeit, als Frankfurt die erste U-Bahn-Linie baute, die 1968 unter der Eschersheimer Landstraße eröffnet wurde. Der Sohn nutzte fleißig die öffentlichen Verkehrsmittel, oft sah man ihn zu Fuß. Einen Führerschein besaß er nie.
Aus einer alten sozialdemokratischen Familie
Klaus Oesterling studierte Mathematik, doch seine Leidenschaft galt schon früh der Politik. Er stammte aus einer alten sozialdemokratischen Familie und trat 1975 der SPD bei. Bald engagierte er sich im Vorstand des Ortsvereins Niederursel, 1990 rückte er in die Stadtverordnetenversammlung nach. Es war eine Zeit des Aufbruchs für seine Partei: Im Jahr zuvor hatten die Bürger die CDU abgewählt, die Frankfurt seit 1977 allein regiert hatte. Das erste rot-grüne Bündnis, das darauf folgte, sollte der Stadt turbulente Jahre bescheren, bis es spektakulär scheiterte.
Als Oesterling 2002 Fraktionsgeschäftsführer und 2006 Vorsitzender der Fraktion wurde, war die Sozialdemokratie längst wieder in der Opposition. Eine Rolle, die Oesterling, ein guter und scharfzüngiger Redner, bestens ausfüllte. „Niemand im Stadtparlament kann so dramatisch ein anklagendes ,Sie, Frau Oberbürgermeisterin’ ausrufen wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Oesterling“, schrieb die F.A.Z. 2012 zu seinem sechzigsten Geburtstag. „Und kein anderer vermag die Magistratsbank und die Stadtverordneten der Koalitionsparteien CDU und Grüne so in empörte Aufregung zu versetzen wie dieser untersetzte Mann im weißen Hemd.“ Allgemein wurde ihm jedoch auch attestiert, dass er sich bestens auskannte – nicht zuletzt dank seines Fleißes. Nicht jeder im Plenum hatte die Magistratsberichte und sonstigen Vorlagen so gründlich studiert wie er.
2016 ging ein Lebenstraum in Erfüllung
Welchen Weg die Frankfurter Kommunalpolitik genommen hätte, wäre 2012 nach dem Ende der Amtszeit von Petra Roth (CDU) nicht Peter Feldmann, sondern Klaus Oesterling für die SPD angetreten, kann niemand sagen. Vielleicht wäre es ein besserer gewesen. Oesterling wusste vermutlich, dass er für die Arbeit im Bergwerk der Demokratie bestens geeignet war, nicht aber unbedingt für das Repräsentieren, das mit dem wichtigsten Amt im Rathaus verbunden ist. Jedenfalls warf er seinen Hut nicht in den Ring.
Dafür ging vier Jahre später sein Lebenstraum in Erfüllung. Nachdem CDU und SPD nach der Kommunalwahl jenes Jahres zueinander gefunden hatten, wurde er zum Verkehrsdezernenten gewählt.
In den fünf Jahren, die ihm bis zum vorzeitigen Aus in diesem Amt nach der Kommunalwahl 2021 blieben, kümmerte er sich um den Ausbau des Schienenverkehrs, um die Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 an beiden Endpunkten, die Verlängerung des Straßenbahnnetzes in die Nachbarstädte Bad Vilbel, Offenbach und Neu-Isenburg sowie die Regionaltangente West. Es waren langfristige Vorhaben: Manche ihrer Vollendung sehen sie erst jetzt entgegen, andere sind inzwischen aufgegeben worden.
Oesterling ging die Aufgaben mit dem ihm eigenen Elan an. Zugleich wusste er sehr wohl, dass es das Schicksal von Verkehrsdezernenten und Verkehrsministern ist, Projekte wegen der langen Planungs- und Bauzeiten zwar anstoßen, aber kaum je selbst zu Ende bringen zu können. Als er am 4. Oktober 2018 auf dem Fahrersitz eines historischen U-Bahn-Wagens Platz nahm, dessen Fahrt an die Eröffnung der ersten unterirdischen Linie ein halbes Jahrhundert zuvor erinnern sollte, an deren Entstehung sein Vater maßgeblich beteiligt gewesen war, sah man einen Stadtrat, der mit sich im Reinen war. Überflüssig zu erwähnen, dass er den Zug sicher ans Ziel brachte.
In der beginnenden Diskussion über eine „Verkehrswende“ in Frankfurt setzte Oesterling 2019 die probeweise Sperrung des nördlichen Mainufers für den Autoverkehr durch. Ein Vorhaben, bei dem Sachsenhausen im Stau versank und das deshalb aus guten Gründen nicht zur Dauerlösung wurde. Anders war es bei der roten Markierung der Fahrradwege und überhaupt beim Ausbau des Radwegenetzes. Auch gegen Widerstände trieb Oesterling ihn voran, ohne dass ihm jemand Eiferertum unterstellte.
Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) würdigte Oesterling am Samstag als „demokratisches Urgestein“ und sprach von einem „der brillantesten Köpfe, denen ich je begegnet bin“, sowie von einem wichtigen Ratgeber und Freund. Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke (CDU) bezeichnete ihn als hoch kompetenten Leiter mehrerer Ausschüsse und als überparteilich respektierten Dezernenten mit enormer Sachkenntnis und klaren Überzeugungen.
Nach langer Krankheit ist der Sozialdemokrat Klaus Oesterling, der sich um Frankfurt, um das Gemeinwesen verdient gemacht hat, ein prägender Politiker im Römer über Jahrzehnte, am Freitag im Alter von 74 Jahren gestorben.
