Kann das funktionieren? Es ist nun vier Jahre her, dass die Organisatoren des bedeutendsten Radrennens der Welt die Tour de France für Frauen wieder aufleben ließen und sich diese Frage stellten. Heute trudeln bei Marion Rousse Beschwerden ein. Die Direktorin der Rundfahrt erntet Kritik, weil nur drei von neun Etappen komplett im Fernsehen übertragen werden.
Überrollt vom Erfolg: Ein bisschen wirkt es hin und wieder so, als wäre der Veranstalter A.S.O. noch immer überrascht über die Begeisterung, die dieses Rennen auslöst.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das mag seine Gründe haben. Eine erste Frauen-Tour gab es schon 1955. Die Tour de France féminin und ihre Nachfolgerinnen wurden immer wieder eingestellt. Mal wegen mangelnden Zuschauerinteresses, mal wegen fehlender Gelder – mal wegen beidem.
Ein Teil des Problems: Die Frauen wurden viel zu lange an den Männern gemessen. Dieser Vergleich führt nicht nur zu nichts. Er kann sogar schädlich sein, wie das im Dezember neu aufgelegte „Battle of the Sexes“ im Tennis gezeigt hat. Die Frauen schreiben ihre eigene Geschichte. Und die ist nicht nur in diesem Jahr bei der Tour spannender als die der Männer.
Keine Ausweitung um jeden Preis
Das liegt vor allem am Kampf um die Krone, der deutlich offener ist. Es liegt an der Qualität in der Spitze, die zugenommen hat. Und an den unvorhersehbareren Rennverläufen. Die Teams umfassen nur sieben Fahrerinnen. Es gibt derzeit keine Mannschaft, die das Rennen so kontrollieren kann wie die Equipe von Männer-Dominator Tadej Pogačar. Und durch die kürzere Renndistanz mit weniger Bergetappen können verschiedene Fahrerinnentypen die Tour gewinnen.
Dass die Frauen weniger Kilometer zurücklegen, mag auch heute auf den ersten Blick noch den Eindruck erwecken, dass sie hinter den Männern liegen. In Wahrheit sind sie ihnen auch deshalb mit Blick auf die Spannung voraus.
Die Tour der Frauen ist eine Erfolgsgeschichte. Es ist an der Zeit, dass sich das in Zahlen widerspiegelt. Dass die Siegerin nur ein Zehntel des Männer-Preisgeldes erhält, scheint bei der Begeisterung kaum zu rechtfertigen. Dass die Organisation signalisiert hat, ernsthaft über einen Ausbau der TV-Sendezeiten nachzudenken, ist hingegen ein gutes Signal.
Nur bei der nächsten Ausweitung der Rundfahrt sollte man vorsichtig sein. Der Frauen-Radsport braucht Zeit, um sich in der Breite zu entwickeln. Da ist sich die Szene weitgehend einig. Mittelfristig scheint es durchaus sinnvoll, das Rennen auf zwei Wochen zu strecken. Aber womöglich nicht sofort. Und nicht um jeden Preis.
Der größte Fehler, den die Tour de Femmes machen kann, ist es, den Männern blind hinterherzufahren. Für ein gutes Rennen, das Zuschauer in seinen Bann zieht, braucht es weder drei Wochen noch acht Fahrerinnen pro Team.
