Der Wal liegt sterbend im Meer. Da eilt ein Arzt zu ihm in einem kleinen Boot, untersucht seine Wunde, streicht vorsichtig Salbe darauf, legt Mulltücher darüber, klebt Heftpflaster auf. „Wir müssen ihn schnell nach Hause schaffen“, sagt der Arzt. „Er muss geimpft werden, sonst bekommt er hohes Fieber.“
Die Szene stammt nicht etwa aus einem bisher unveröffentlichten Protokoll der Aktivisten, die im Mai vergeblich versucht hatten, einen Buckelwal zu retten, der in der Bucht von Wismar gestrandet war. Sondern aus einem DDR-Kinderbuch. Das aber weist frappierende Ähnlichkeiten zum Fall des Buckelwals auf. Sodass sich die Frage stellt, ob die Beteiligten das Buch nicht vielleicht einst gelesen haben, um Jahrzehnte später genau so zu handeln.
Wie im Fall von „Hope“ oder „Timmy“, wie die Aktivisten und der zuständige Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) den Wal wahlweise nannten, wollen die Akteure in dem Kinderbuch den Wal „Mobbi“ nicht sterben lassen. „Schnell ein Boot“, „wir wollen dem Wal helfen“, ruft ein Arzt.
Der Wal „Mobbi“ liegt – anders als „Timmy“ – verletzt im Meer, weswegen er von dort in den Hafen gebracht wird. Für den Transport knüpfen Matrosen aus Stricken und Netzen eine „Weste“ für „Mobbi“, in der er dann hinten an das Schiff gehängt und durch das Wasser gezogen wird.
Ein „Krankenbett“ hier, ein „Reisebett“ dort
Im Hafen kommt der Wal in ein Schwimmdock, „Krankenbett“ wird es in dem Kinderbuch genannt. Dabei handelt es sich um einen „offenen, riesengroßen Kasten“. Ein solcher kam auch im Fall des Buckelwals zum Einsatz, genau genommen war es eine Barge. Die „Bild“-Zeitung nannte sie stets „Timmys Reisebett“, aber der Begriff „Krankenbett“ hätte einen auch nicht verwundert.
Im Buch wird der Kasten auf der einen Seite geöffnet und der schlafende, kranke „Mobbi“ hineingeschoben. Im realen Fall zogen und zerrten die Aktivisten den kranken und geschwächten Wal mit Schläuchen von der Sandbank weg in Richtung Barge. Den letzten Rest der Strecke schwamm er selbst hinein. „Dann wurde das Tor wieder zugemacht, damit Mobbi, wenn er aufwachte, nicht wegschwimmen konnte“, heißt es im Buch. Gleiches erfolgte im realen Fall bei „Timmy“ beziehungsweise „Hope“.

Wie diesem werden auch „Mobbi“ menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Im Kinderbuch kommuniziert er, beschwert sich etwa einmal, als es ihm in dem Kasten zu eng ist, er brauche mehr Platz. „Guten Morgen, ich bin Mobbi“, sagt er ein anderes Mal. Im Fall des Buckelwals haben die Aktivisten wiederholt behauptet, dieser habe mit ihnen Kontakt aufgenommen. Der Schriftsteller und Aktivist Sergio Bambaren, der sich selbst als „Walflüsterer“ bezeichnet, hatte etwa in Poel behauptet, er habe „angefangen, mit dem Wal zu sprechen und zu singen“. Der Wal habe daraufhin seine Augen geöffnet und ihn „angestarrt“.
Auch Backhaus verfolgte einen „humanistischen Ansatz“ am Wal
Der zuständige Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns, Till Backhaus (SPD), sagte, nachdem er beim Buckelwal gewesen war: „Ich glaube an dieses Tier.“ Er habe ihm in die Augen gesehen und sogar mit ihm kommuniziert. Auch sagte er, „seine Rufe lassen mich nicht mehr los“. Weiter sagte Backhaus, er habe „Hope“ motiviert und zugerufen, dass er sich noch mal anstrengen solle und „bitte nicht wieder an einem anderen Ort auf eine Sandbank legen“ solle.
Die F.A.Z. fragte nun beim Ministerium von Backhaus nach, ob der Minister vielleicht in seiner Kindheit das Bilderbuch gelesen hat oder ob es ihm vorgelesen wurde. Vielleicht hat es ihn geprägt und zu dem „menschlichen Ansatz“ in Bezug auf den Wal veranlasst? Backhaus wurde 1959 in Neuhaus (Elbe) geboren, er lernte den Beruf des Agrotechnikers und arbeitete später in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Doch der Minister kennt nach Angaben seines Sprechers das Kinderbuch nicht.

Das Buch von Carlos Rasch, illustriert von Konrad Golz, erschien in der vorliegenden dritten Auflage 1974 in Leipzig. Heute ist es nur noch antiquarisch erhältlich; der Leipziger Kinderbuchverlag führt es auf seiner Backlist.
Rasch, der 2021 starb, arbeitete in der DDR als Journalist und schrieb Science-Fiction-Romane. Die Geschichte von „Mobbi Weißbauch“ geht laut Leipziger Kinderbuchverlag angeblich auf eine wahre Begebenheit zurück. Um was es dabei ging, bleibt unklar. Der Verlag antwortete auf mehrmalige Anfrage nicht.
„Mobbi“ wird verarztet und geimpft
Ähnlich wie nun im Fall des Buckelwals scheinen die Menschen in dem Buch einen sterbenden Großsäuger nicht ertragen zu können. Nachdem der Wal im Hafen ankommt, ziehen sich der Kapitän und der Arzt weiße Kittel an, mit Blinklicht und lautem Signal kommt ein Krankenauto angesaust, bringt ein „Riesenthermometer“, zudem Medizin und eine lange Spritze. Mit dieser wird „Mobbi“, der Fieber hat, dann „geimpft“ – er erhält mehrmals Penicillin.
Soweit bekannt, haben die Aktivisten dem Buckelwal in der Bucht von Wismar keine Spritze verabreicht. Bekannt ist, dass sie ihn eincremten, um seine angegriffene Haut zu heilen, ihn mit Tüchern bedeckten, um ihn vor der Sonne zu schützen, ihn versuchten zu füttern. Auch berührten sie ihn und zogen an ihm, um ihn von den Sandbänken herunterzubekommen, auf die er selbst immer wieder schwamm, um nicht zu ertrinken. Schließlich war er krank und schwach. Unter den Aktivisten waren mehrere Tierärzte, die sich mit Pferden auskannten, aber keine Biologen, die auf Wale spezialisiert sind.

Walfachleute hatten den Umgang der Aktivisten mit dem Tier und die Duldung des Vorgehens durch die Landesregierung scharf kritisiert. Sie hatten sich – auch in einem Gutachten – gegen jegliche Rettungsversuche ausgesprochen, da der Buckelwal krank und schwach war. Jeder Rettungsversuch würde ihm demnach zusätzliches Leiden verursachen und hätte nur geringe Erfolgsaussichten, prognostizierten sie – was sich später bewahrheitete, schließlich überlebte der Wal die „Rettungsaktion“ nicht lange.
Während „Mobbi“ im Bilderbuch in dem Kasten im Wasser gesundet und nach einigen Tagen wieder freigelassen wird (wobei er selbst ins Meer schwimmt, ein Polizeiboot zeigt ihm den Weg), wurde der Buckelwal von den Aktivisten in einer Barge quer durch die Ostsee bis in das Kattegat transportiert.
Zur Freilassung gibt es noch viele offene Fragen
Dort, in einer der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen überhaupt, ließ man ihn frei. Dafür wurde er offenbar an der Schwanzflosse aus der Barge gezerrt. Wie viele Tage das Tier noch lebte, ist unklar. Zwar hatten die Aktivisten einen Sender an ihm angebracht, aber dessen Daten sind immer noch nicht vollständig veröffentlicht – was Fragen aufwirft.
Erst anderthalb Monate nachdem der Wal freigelassen wurde, gab Backhaus einige wenige „Ortungsdaten“ bekannt, die demnach der Tracker gesendet hatte. Derlei Geräte senden nur, wenn der Wal an der Wasseroberfläche ist. Backhaus zufolge zeigten die Bewegungsdaten, dass der Wal nach seiner Freilassung am 2. Mai bis zum 6. oder 7. Mai lebte und tauchte. Allerdings zeigen die wenigen von Backhaus präsentierten Daten, dass der Tracker über eine Distanz von 215 Kilometer anfangs nur einmal am Tag sendete, später sehr viel öfter.

Walfachleuten zufolge sehen die bekannt gegebenen Daten nicht nach einem lebenden Wal aus, da dieser alle zehn bis fünfzehn Minuten beim Auftauchen hätte Daten senden müssen. Demnach könnten die vorliegenden Daten eher von einem toten Wal gesendet worden sein, der ab und zu im Wasser herumrollte und mit der Strömung getrieben wurde. Auskunft darüber, wie viele Tage der Wal tatsächlich noch lebte, können demnach nur die Tauchdaten geben, die der Tracker ebenfalls aufzeichnete.
Allerdings ist der Tracker im Besitz der Aktivisten. Die Tauchdaten liegen dem Landesumweltministerium nach Angaben eines Sprechers auch nun, mehr als zwei Monate nach der Freilassung des Tiers, noch nicht vor. „Die Initiative hat angekündigt, die Daten zu einem späteren Zeitpunkt auf einer Internetplattform veröffentlichen zu wollen“, teilt der Sprecher auf Anfrage mit. Wann das sein soll, sagt er nicht.
Auf die Frage, ob nicht der Verdacht naheliege, dass die Initiative etwas vertuschen wolle, da sie die Daten wenn überhaupt erst mit sehr großer zeitlicher Verzögerung veröffentlicht, antwortet der Sprecher: „Es werden hier keine Spekulationen über die Motivation der Initiative angestellt.“
