Jetzt hängt es da: dieses in der prallen Sonne schimmernde Etwas aus Polymerfasern. Rote Fäden, blaue Fäden, ein Netz, das sich sanft bewegt. So tanzt es in der Luft in der Frankfurter Innenstadt. Und darunter, an der Konstablerwache, bewegen sich die Menschen, trinken sauergespritzten Äppler, essen Bratwürste mit Pommes, kaufen Käse, Kartoffeln, Pflaumen und Pflanzen.
„Was ist das?“, fragt ein staunender Junge an der Hand seiner Mutter. Die Antwort hängt stark vom Standpunkt ab. Die naheliegendste ist: ein Kunstwerk. Andere lauten: ein Politikum, ein Ärgernis. Oder: eine Landmarke, ein Aushängeschild.
Schon lange bevor die Installation mit dem Titel „A Sky Full of Hope“ der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman überhaupt auf dem zentralen Frankfurter Platz installiert wurde, gab es Kritik. Zu teuer, zu nichtssagend, hieß es über das Werk, das zum Programm des Großprojekts „World Design Capital“ zählt. Befürworter der geplanten Installation hielten dagegen: Echelmans Netz aus Fäden werde den unbeliebten Platz aufwerten. Es lade zum Staunen und zum Nachdenken ein.
„Das sieht aus wie ein Vorhang auf dem Balkon“
Doch was sagen die Menschen jetzt, nachdem das Kunstwerk aufgebaut ist? Was halten die Marktbesucher davon? Irritiert es sie? Begeistert es sie? Haben sie dazu eine Meinung?

Jürgen Schäfer, Rentner aus Hofheim im Taunus, 64 Jahre alt, hat sie. Und er macht daraus kein Geheimnis. „Ich bin geschockt“, sagt der gebürtige Frankfurter. Mit seiner Frau ist er zum Konstablermarkt gekommen, Apfelwein trinken, ein bisschen einkaufen. Schäfer liebt es, in die Stadt zu fahren. Wenn Bekannte zu ihm sagen, in die Frankfurter Innenstadt könne man nicht mehr gehen, dann widerspricht er laut. Selbst ins Bahnhofsviertel zieht es ihn. „Da gibt es Restaurants, die sind phantastisch, Perser, Italiener, da sind wir unheimlich gern.“
Aber für das neue Kunstwerk an der Konstablerwache hat Schäfer kein Verständnis. „Völlig sinnlos, ein Witz“, sagt er. „Das sieht einfach aus wie ein Vorhang auf dem Balkon.“ Und auch der Ort sei falsch gewählt worden. Auf dem Roßmarkt, mit der Frankfurter Skyline im Hintergrund, hätte das Kunstwerk vielleicht Wirkung entfalten können, meint Schäfer. „Oder man hätte es zwischen zwei Hochhäuser gespannt“, sagt seine Frau.

Ein paar Meter weiter steht Jürgen Bilkmann. Auch er ist Rentner, 69 Jahre alt. Er hat sein Smartphone hervorgeholt und fotografiert Echelmans Werk aus unterschiedlichen Perspektiven. Bilkmann ist „fasziniert“ vom Netz der Künstlerin. Für ihn wertet es den Platz auf, ohne Zweifel. „Dieses Farbspiel, wie das Netz auf den Wind reagiert, das gefällt mir ausgesprochen.“
Er ist extra aus Kilianstädten mit der Bahn in die Frankfurter Innenstadt gefahren, um sich das Kunstwerk anzusehen, über das er in den vergangenen Tagen schon so viel gelesen hat. „Ich kann nicht verstehen, dass sich so viele darüber aufregen.“ Kunst inspiriere ihn, sagt Bilkmann. Und dass er sich schon freue, wenn im nächsten Jahr in Kassel wieder die Documenta beginne. „Das schaue ich mir auf jeden Fall an.“
Johanna, 16 Jahre alt, und Antonia, 14, sind mit ihrem Vater zur Mittagspause auf dem Konstablermarkt verabredet. Er muss schon wieder arbeiten, sie haben noch Ferien. Nach dem Treffen wollen die Schwestern noch auf die Zeil, „zum Shopping“. Das Werk von Echelman haben sie schon von Weitem erblickt. Beide sind sich einig: Farbe und Kunst täten der sonst recht grauen Innenstadt auf jeden Fall gut. „So superauffällig ist das aber auch nicht“, meint Antonia. „Trotzdem schön.“

Was, glauben die beiden, hat Echelmans Installation gekostet? „Bestimmt ein paar Tausend Euro“, schätzt Antonia. „Vielleicht sogar Hunderttausend“, vermutet Johanna. Als sie hören, dass die Stadt mehr als zwei Millionen Euro für das Kunstwerk ausgibt, finden sie das „krass“. Das Geld, meinen sie, hätte man besser in die Frankfurter Schulen investiert. „Da wird es dringender gebraucht“, sagt Johanna.

Die Kosten für Echelmans Kunstwerk werden von allen, mit denen wir an diesem Donnerstag sprechen, als zu hoch empfunden – selbst von Jürgen Bilkmann, der die Installation in höchsten Tönen lobt. „Besser, es hätte eine Million gekostet“, sagt der Rentner mit dem großen Faible für zeitgenössische Kunst.
Auch Connor Schmitt, 29 Jahre alt, der als Verkäufer am Stand des Bad Vilbeler Biobauernhofs Dottenfelder Hof arbeitet, hält die Summe, die für das Kunstwerk ausgegeben wurde, für zu hoch. „Das ist hier groß im Gespräch, auch unter den Kunden“, sagt der Verkäufer. Viel mehr aber als die Kosten für das Kunstwerk ärgere ihn, dass „viele Probleme rund um die Konstablerwache schon länger nicht angegangen werden“.
Dass etwa lose Bodenplatten auf der Zeil und dem Marktplatz „seit Ewigkeiten“ nicht ersetzt werden, versteht Schmitt nicht. Ein großes Problem seien auch die vielen Dealer, die rund um den Platz ihre Drogen verkauften. „Konsumiert wird dann direkt hinter unserem Stand.“
Seine Kollegin Rebecca Urban sagt: „Es gibt hier vieles, das man angehen müsste.“ Welche Veränderungen in der Innenstadt würden sie sich besonders wünschen? „Mehr Grünflächen, mehr Hitzeschutz, mehr Sauberkeit“, antwortet Urban.
Mit der Zeit wird der Markt an der Konstablerwache immer voller. Vor allem an den Ständen, an denen Wein oder Äppler ausgeschenkt wird, ist bald kein Stehtisch mehr frei. Felipe Morales, 26 Jahre alt, Chemieingenieur, ist mit seinen Arbeitskollegen da. Ein „Feierabendbier“ trinken sie gemeinsam. Was hält er von dem neuen Netz aus Fäden über dem Platz? „So lala“, sagt Morales. „Aber ich bin auch nicht so der Kunstenthusiast.“
