
Den Namen kennt jeder, der in Deutschland mit Jazz zu tun hat. Auch seine Musik kennt man. In Frankfurt ohnehin. Bob Degen lebt und arbeitet seit der Mitte der Sechzigerjahre in der Region, sieht man von gelegentlichen Unterbrechungen und einer kurzen Rückkehr nach Amerika um das Jahr 1999 ab. Über den Menschen, der den Namen trägt und der so lange schon so eindrucksvoll Klavier spielt, weiß man dagegen nicht viel. Das liegt an gewissen Eigenschaften des sympathischen Mannes aus Scranton in Pennsylvania, einem kleinen Ort im sogenannten Rust Belt, dem Hinterland der amerikanischen Ostküste, aus dem auch Joe Biden stammt. Er redet nicht viel, macht kein Aufheben von sich, ist überhaupt sehr zurückhaltend.
Keine guten Voraussetzungen, um ein Star zu werden. Das war auch nicht Bob Degens Ziel. Dem Sohn eines Gitarristen war stets bewusst, dass Jazz und Geld selten zusammenkommen. „Star“ ist freilich ein gutes Stichwort, wenn von seinem Werdegang die Rede ist. Es gibt nämlich noch einen anderen Jazzmusiker, ebenfalls Pianist, ebenso alt, aus derselben Gegend stammend wie er, der seine Zeit auch schon früh am Klavier verbrachte und später eine Ausbildung an derselben Eliteschule für angehende Jazzgroßmeister begann. Im halben Jahrhundert seiner Karriere wurde er zum Superstar. Sein Name ist Keith Jarrett.
Bob Degen würde wohl schon die Nennung seines eigenen Namens in einem Atemzug mit dem des Klaviertitanen als unangemessen empfinden, wie Keith Jarrett aus diametral entgegengesetzten Gründen vermutlich auch. Aber von musikalischen Begabungen und wie man sie der Öffentlichkeit attraktiv präsentiert, soll hier einmal nicht die Rede sein. Der Karrierevergleich zweier Musiker mit so vielen gemeinsamen Voraussetzungen mag Hinweise genug auf die ebenso undurchschaubaren wie verschlungenen Pfade zum Erfolg im Musikgeschäft geben.
Amerika und Europa
Bob Degen aus Scranton und Keith Jarrett aus Allentown, geboren 1944 und 1945, studierten etwa zur selben Zeit an der renommierten Berklee School of Music in Boston. Bob hielt bis zum Examen 1964 durch, nahm zusätzlichen Unterricht bei Margaret Chaloff, der legendären Privatlehrerin von Steve Kuhn, Chick Corea, Herbie Hancock und vielen anderen großen Künstlern, hatte somit die denkbar beste akademische wie externe Ausbildung für einen Jazzpianisten. Keith provozierte dagegen nach einem Jahr seinen Rauswurf, versuchte zunächst erfolglos in Boston und New York Spielpraxis zu erlangen und fand über die Bands von Art Blakey, Charles Lloyd und Miles Davis schließlich spielend den Weg zur eigenen großen Karriere.
Auf skurrile Weise kreuzten sich die Wege der zwei Pianisten später noch einmal. Degen war 1965 dem Ruf des deutschen Schlagzeugers Heinz von Moisy gefolgt, eines Kommilitonen in Boston, der ihm Auftritte in Westberlin verschaffte. Degen blieb zunächst in Europa, wo er mit der aufstrebenden Jazz-Elite des Kontinents, etwa mit Albert Mangelsdorff, zusammenspielte, verbrachte die nächsten Jahre dann teils in Deutschland, teils in Amerika, bis er sich, frustriert vom permanenten kulturellen Hochdruckklima New Yorks und den sonstigen Schwierigkeiten, im Jazz-Mutterland mit genuinem Jazz ein akzeptables Auskommen zu finden, wieder mehr nach Europa ausrichtete.
In Deutschland bildete Degen 1968 ein Trio mit dem Schlagzeuger Fred Braceful und dem Bassisten Manfred Eicher, mit dem er seine erste Aufnahme herausbrachte („Celebrations“, bei Calig). Kurz darauf gab Eicher jedoch seine gerade begonnene Laufbahn als Jazzbassist wieder auf, um in München ECM zu gründen. Das Label wurde schnell zur künstlerischen Heimat vieler amerikanischer Jazzmusiker, auch Jarretts, der sich, ebenfalls frustriert von der Kommerzialisierung des Jazz in Amerika, nach Europa orientierte, seinen Wohnsitz in Amerika jedoch beibehielt. Mittlerweile ist, wie man weiß, sein gesamtes, enzyklopädische Ausmaße annehmendes Œuvre bei ECM erschienen.
Was wäre, wenn?
Nun kann das Hätte-wenn-und-aber-Spiel zwischen Degen und Jarrett beginnen: Ist Learning by doing im Jazz nützlicher als ein profundes Hochschulstudium? Sollte man sich im Jazz-Nukleus New York durchbeißen und manche Show-Kröte schlucken oder doch lieber gleich in Frankfurt Hardcore-Jazz vor Leuten spielen, die sachverständig zuhören? Wäre aus dem kurzlebigen Bob Degen Trio vielleicht eine Supergroup des Jazz geworden, hätte der charismatische Manfred Eicher seinen Kontrabass nicht mit dem Mischpult, nicht zuletzt für Jarrett, vertauscht? Wäre dessen experimentelle, hypertrophe Musik ohne ECM überhaupt irgendwann einmal auf einem Plattenteller gelandet? Und was, wenn Albert Mangelsdorff seine klavierlose Zeit beendet und einen Pianisten wie Bob Degen auf Dauer in sein Quintett integriert hätte?
Zurück zur Realität. Bob Degen ist ein sehr guter Jazzpianist, aber kein Star geworden. Wenn man ihn jetzt in seiner kleinen, gemütlichen Wohnung im noch immer ländlich geprägten Frankfurter Stadtteil Seckbach trifft, wirkt er wie jemand, der – vielleicht gerade deshalb – mit sich im Reinen ist. Die Szenen aus dem bewegten Teil seiner Karriere kann man trotzdem nicht ohne Weiteres von seinen Lippen ablesen, man muss sie ihm schon mit Bedacht entlocken: wie er als Sechzehnjähriger mit seinem Vater jede Woche die anderthalb Stunden von Scranton nach New York fuhr, um im Birdland, im Village Vanguard oder in der Jazz Gallery Thelonious Monk oder Bill Evans zu hören, dessen Spiel ihn bis heute beeindruckt.
Später kam Degen, weil er sich eine Wohnung in New York nicht leisten konnte, bei einem Freund auf Long Island unter und fuhr regelmäßig mit dem Zug nach Manhattan oder Brooklyn, um Gigs zu bekommen oder Kontakte zu knüpfen. In Deutschland fand dann 1965 seine erste Begegnung mit Albert Mangelsdorff statt, als sie beide zwei Wochen lang zusammen im winzigen Old Eden an der Damaschkestraße in Berlin auftraten. Einige Jahre später, als er mit seiner deutschen Frau aus Berlin nach Sulzbach im Taunus gezogen war, holte Mangelsdorff ihn als ständiges Mitglied in das experimentelle Jazzensemble des Hessischen Rundfunks, dem er bis 1999 angehörte.
All die Namen, die im Gespräch mit Bob Degen fallen, kann man sich im Ohr zergehen lassen. Mit Dexter Gordon und Don Byas hat er auf der Bühne gestanden, mit Pony Poindexter, Paul Motian, Harvie Swartz und Art Farmer und natürlich immer wieder mit dem großen Heinz Sauer, allein oder mit dessen Quartett, wie ihn überhaupt Saxophonisten vom Format Sauers mit ihrer flexiblen Tongebung und einem reichen Klangfarbenspiel stets mehr inspiriert haben als Pianisten mit ihren im Jazz begrenzten Artikulationsmöglichkeiten.
Eine schwierige Zeit ergab sich nach dem Tod seiner ersten Frau im Jahr 1999. Degen ging zurück nach Amerika, lebte eine Zeitlang bei seinen Eltern in Lexington, Kentucky, kam aber jedes Jahr zu Tourneen nach Deutschland, vor allem mit Sauer oder Wolfgang Lackerschmid. Bis er bei einem Konzert der Jazzinitiative in Bornheim Dietlinde Ankenbrand kennenlernte, seine zweite Frau: „Da habe ich gesagt, jetzt bleibe ich endgültig hier. Eine gute Entscheidung.“ Freilich nicht nur privat, sondern auch für die Frankfurter Schule des Jazz, in der Bob Degen mittlerweile der Dekan ist, noch immer inspirierende Konzerte gibt und Aufnahmen wie „Two Geese by the River“ herausbringt, die preisgekrönte Einspielung mit dem Bassklarinettisten Burkhard Kunkel. Hört man diese witzigen, frei fließenden, nichts beweisenden, aber alles sagenden Duette, kommen einem die Worte von Marcus Miller über Miles Davis in den Sinn. Man könne nicht immer glauben, was er sage, aber man könne alles glauben, was er spiele. Das lässt sich für Bob Degen abwandeln: Auch wenn er nichts sagt, kann man alles glauben, was er spielt.
