Es war kein Abwehrsystem, sondern ein Busfahrer, der den Leipziger Flughafen womöglich vor einem folgenschweren Anschlag bewahrte. Am Dienstagabend, kurz vor Mitternacht, entdeckte der Mann in der Nähe der Start- und Landebahn „Südpiste“ eine Drohne. Sie schwebte in niedriger Höhe, der Busfahrer brachte sie mit einem Tritt zum Absturz. So wurde es den Mitgliedern des Innenausschusses im Bundestag nach Informationen der F.A.Z. inzwischen geschildert. Die Drohne blieb demnach am Boden liegen.
Das mit Sprengstoff beladene Gerät war zu diesem Zeitpunkt offenbar schon mehrere Stunden im Sicherheitsbereich des Flughafens. Ermittler haben die Aufnahmen von Überwachungskameras ausgewertet. Daraus ergibt sich nach Informationen der F.A.Z., dass die Drohne schon um 19.28 Uhr auf das Flughafengelände flog und auf dem Vorfeld landete. Als der Busfahrer sie entdeckte, schwebte sie in der Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge.
Wie wurde die Drohne gesteuert?
Mehreren Medien zufolge war die Drohne mit einer SIM-Karte ausgestattet. Auf diese Weise können sich unbemannte Fluggeräte in das lokale Mobilfunknetz einklinken und so auch aus großer Entfernung gesteuert werden. Üblicherweise werden Drohnen über eine direkte Funkverbindung zu der Steuereinheit navigiert. Im Ukrainekrieg haben aber sowohl Russland als auch die Ukraine ihre Drohnen teilweise so modifiziert, dass sie sich über SIM-Karten steuern lassen.
Das hat mehrere Vorteile: So ist die Reichweite theoretisch unbegrenzt, solange Mobilfunkempfang besteht – ein Drohnenpilot könnte sich also in einem anderen Land aufhalten und das Fluggerät auch wieder zurücksteuern. Außerdem nutzen solche modifizierten Drohnen andere Funkfrequenzen als übliche Modelle. Einige Abwehrsysteme können das Objekt nicht von einem Mobiltelefon unterscheiden.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen ist inzwischen bestätigt, dass für den Sprengsatz an der Drohne in Leipzig die Explosivstoffe Semtex und PETN verwendet wurden. Beide sind extrem leistungsfähig. Der Plastiksprengstoff Semtex wird bei militärischen und kommerziellen Sprengungen eingesetzt. Der zweite identifizierte Sprengstoff PETN (Pentaerythrittetranitrat) ist laut der Sprengstoffspezialistin Sabrina Wahler vom California Institute of Technology üblicherweise in Sprengschnüren und Zündern verbaut. Eine Kombination von PETN und Semtex sei nicht ungewöhnlich, sagte Wahler der „Welt“. Beide Sprengstoffarten werden auch auf dem Schwarzmarkt gehandelt und wurden schon von Terroristen und Kriminellen genutzt.
Warum kam es nicht zur Explosion?
Das ist noch unklar. Erste Medienberichte, wonach der Zünder defekt gewesen sein soll, wurden bislang nicht bestätigt. Spekulationen gibt es auch darüber, welche Art von Zünder verwendet wurde: In Betracht kommt etwa ein Aufschlagzünder, der bei sogenannten Kamikazedrohnen beim Auftreffen auf ein Ziel ausgelöst wird.
Stephan Kraschansky, ehemaliger Kommandeur einer österreichischen Drohnenabwehreinheit und Bereichsleiter der Drohnenabwehrfirma Aaronia AG, hält es jedoch auch für gut möglich, dass ein Fernzünder genutzt werden sollte. „Bei einem hybriden Anschlag will der Täter sein Fluggerät natürlich wieder zurückhaben“, sagte Kraschansky der F.A.Z. Auf der Drohne könnten sich demnach Hinweise über ihren Ursprung finden, etwa bestimmte Bauteile oder Fingerabdrücke. „Aus militärtaktischer Sicht würde man den Sprengsatz abwerfen, ihn fernzünden und dann mit der Drohne wieder zurückfliegen.“
Bestätigt ist das nicht. Und es gibt auch Überlegungen, wonach die Drohne gar nicht explodieren, sondern vor allem Angst in der deutschen Bevölkerung schüren sollte. Gewöhnliche Drohnen werden inzwischen auch in Deutschland so häufig gesichtet, dass diese Vorfälle längst nicht mehr für große Aufregung sorgen. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) sagte am Freitag im Podcast „Table.Today“, bei dem betriebenen Aufwand habe er die Sorge, „dass hier jemand einen Schritt weiter geht und es nicht nur um Verunsicherung geht, sondern wirklich auch um eine physische Attacke“.
Welches Ziel hatte die Drohne?
Die Antonow-Flugzeuge, in deren Nähe die Sprengstoff-Drohne entdeckt wurde, gehören einem staatlichen ukrainischen Unternehmen, das unter anderem militärische Transporte für mehrere NATO-Länder durchführt. Leipzig gilt als wichtiges Drehkreuz für militärische Hilfslieferungen an die Ukraine. Dass die Frachtmaschinen vom Typ An-124 tatsächlich Ziel waren, scheint ein weiteres Detail aus den Ermittlungen zu bestätigen: Wie der „Spiegel“ berichtet, wurde auf der Tragfläche einer Antonow ein Teil der Drohne gefunden. Das bedeute, dass die Sprengstoff-Drohne entweder knapp über die Tragflächen geflogen sein muss oder sogar dagegengestoßen sein könnte. In den Tragflächen befinden sich die Treibstofftanks des Flugzeugs. Es soll voll betankt gewesen sein.
Beladen waren die Antonow-Flugzeuge zu diesem Zeitpunkt nicht, auch das wurde den Mitgliedern des Innenausschusses mitgeteilt. Zuvor hatten NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf einen internen Polizeibericht gemeldet, dass sich in einem der Flugzeuge Munition befunden habe. Inzwischen heißt es, die Antonow habe kurz zuvor Munition aus Frankreich Richtung Osten transportiert, sei aber leer nach Leipzig zurückgekehrt.
Gab es eine zweite Drohne?
Auch am Freitag durchkämmten Dutzende Polizisten noch das Flughafengelände – offensichtlich auf der Suche nach den Überresten einer zweiten Drohne. Kurz nach dem Fund der Sprengstoff-Drohne war ein DHL-Frachtflugzeug in der Luft mit einem unbekannten Objekt zusammengestoßen. Vogelschlag schließen die Ermittler offenbar aus. Überreste einer zweiten Drohne scheinen bislang aber noch nicht gefunden worden zu sein.

Welche Sicherheitsvorkehrungen galten am Flughafen?
Es ist nicht bekannt, mit welchen spezifischen Abwehrsystemen der Flughafen Leipzig/Halle ausgestattet ist. Die Behörden halten sich bei dieser Frage üblicherweise bedeckt. Ein Detektionsgerät, das laut Fachleuten und Medienberichten installiert ist, schlug offensichtlich nicht an. Auch dies könnte darauf hindeuten, dass das Fluggerät über das Mobilfunknetz gesteuert wurde. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte, das Objekt sei so konzipiert worden, „um Drohnenabwehr umgehen zu können“.
Der Flughafenverband ADV kritisierte kurz nach dem Anschlagsversuch, dass der Flughafen Leipzig/Halle noch auf eine vom Bundesinnenministerium zugesagte vollumfängliche Ausstattung mit Drohnenabwehrsystemen warte. Dobrindt kündigte an, man werde „das Netz unserer Sicherheitsmaßnahmen immer weiter schließen“. Der sächsische Innenminister Schuster bedankte sich beim Bund zwar dafür, dass der Leipziger Flughafen bei der Ausstattung mit Drohnenabwehrsystemen prioritär behandelt werde. Aber auch er sprach in Zukunftsform: „Das wird uns sehr helfen.“
