Österreich gilt als eines der wasserreicheren Länder Europas. Doch die Hitzewelle zeigt, dass auch große natürliche Reserven nicht davor schützen, dass Trinkwasser örtlich knapp werden kann. Wie in Deutschland werden in vielen Gemeinden die Bürger inzwischen aufgefordert, Wasser zu sparen. Schwimmbecken sollen nicht befüllt, Autos nicht gewaschen, Gärten nur zurückhaltend bewässert werden.
In einzelnen Fällen reichen Appelle nicht mehr aus. Dort werden zeitweise Verbote verhängt. Selbst Wien, dessen Versorgung derzeit als gesichert gilt, musste einige Gemeinden, die an die Wiener Hochquellenleitung angeschlossen sind, von der Belieferung ausschließen, um den eigenen Bedarf verlässlich zu decken.
Die Entwicklung zeigt, dass Wasserversorgung zunehmend zu einer Frage von Infrastruktur, regionaler Verteilung und Lastspitzen wird. Der österreichische Gemeindebund betont zwar, die Versorgung funktioniere insgesamt gut. Zugleich sind die Grundwasserstände niedrig, und niemand kann sicher sagen, wann ergiebige Niederschläge kommen. Besonders kleinere Versorger geraten unter Druck, wenn Hitze, Trockenheit und hoher Verbrauch zusammenfallen. In Traunkirchen in Oberösterreich kann die Versorgung der Haushalte derzeit nur mithilfe der Nachbargemeinde Altmünster ausreichend gesichert werden. Die örtlichen Quellen liefern immer weniger Wasser.
In der Steiermark und in Niederösterreich ist die Lage im Ganzen stabil, doch einzelne Gemeinden können bei Verbrauchsspitzen Probleme bekommen, den Leitungsdruck aufrechtzuerhalten. Die Trinkwasserversorgung in Österreich ist großflächig gesichert“, hieß es aus dem Umweltministerium. „Jedoch können anhaltende Trockenheit und Hitze kleinräumig zu Engpässen und Notversorgungen in Einzelfällen führen.“
Die Zahlen zeigen das Paradox. Österreich nutzt jährlich rund 2,6 bis 3,1 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das entspricht etwa drei Prozent des nutzbaren Wasserangebots von rund 84 Milliarden Kubikmetern. Der Rest fließt über Bäche, Flüsse und Grundwasserströme ab, ein großer Teil über die Donau in Richtung Schwarzes Meer. Das Land hat also kein generelles Mengenproblem. Es hat ein Verteilungs- und Speicherproblem. Niederschläge und Grundwasserressourcen sind regional ungleich verteilt. Im Westen gibt es meist reichlich Wasser, im Osten und in manchen Tälern treten Trockenperioden häufiger auf. Zugleich steigt der Bedarf an heißen Tagen sprunghaft, wenn viele Haushalte gleichzeitig Gärten bewässern, Schwimmbecken füllen oder mehr Wasser im Alltag verbrauchen. Fast ein Viertel des gesamten Bedarfs verbrauchen Haushalte, mehr als zwei Drittel Industrie und Gewerbe. Vier Prozent benötigt die Landwirtschaft, zwei Prozent ausgewählte Dienstleistungen wie Beschneiung im Winter und Golfplatzbewässerung.

Für die Wasserwirtschaft ist das eine strategische Herausforderung. Leitungsnetze, Pumpen und Speicher sind nicht beliebig belastbar. Auch wenn im Gesamtsystem genügend Wasser vorhanden ist, lässt es sich nicht jederzeit schnell über weite Strecken in jede betroffene Gemeinde transportieren. Eine Besonderheit der österreichischen Wasserversorgung ist, dass das Trinkwasser nahezu vollständig aus Grund- und Quellwasser gewonnen wird. In vielen anderen Ländern muss Wasser aus Flüssen, Seen oder Talsperren mit aufwendigen Verfahren und teilweise unter Einsatz von Chemikalien aufbereitet werden.
Hohe Wasserqualität
In Österreich fließt dagegen aus dem Wasserhahn – in Wien ebenso wie in vielen ländlichen Kommunen – Trinkwasser, das auch zum Kochen, Wäschewaschen, Putzen und für die Toilettenspülung verwendet wird. Diese hohe Qualität ist ein großer Vorteil, macht die Versorgung aber auch besonders abhängig von stabilen Grundwasserständen und ergiebigen Quellen.
Sinken die Grundwasserspiegel oder versiegt die Schüttung kleiner Quellen vorübergehend, betrifft das nicht nur einen abstrakten Rohstoff, sondern unmittelbar das Trinkwassersystem. Grundwasserstände sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken. Im Mittel sanken diese um 30 bis 50 Zentimeter, belegt eine Untersuchung im Auftrag des Umweltministeriums. Regional variieren die Veränderungen der Grundwasserstände. Auf das gesamte Bundesgebiet umgelegt, bedeutet dies jedoch eine markante Trendänderung im österreichischen Wasserhaushalt. Diese Abnahme steht einerseits im Zusammenhang mit der erhöhten Verdunstung, andererseits mit geringeren Niederschlagsmengen im Sommer.
Riesenspeicher wird ausgebaut
Wien investiert deshalb langfristig in die Strategie „Wiener Wasser 2050“. Geplant sind unter anderem ein neues Wasserwerk auf der Donauinsel, zusätzliche Speicher und die Erweiterung des Rohrnetzes. Der schon jetzt zur Riege der weltgrößten Trinkwasserspeicher gehörende in Neusiedl am Steinfeld in Niederösterreich soll auf bis zu eine Milliarde Liter Fassungsvermögen ausgebaut werden. Er dient dazu, Verbrauchsspitzen abzufangen und Schwankungen der Hochquellenleitung auszugleichen.
Die Trockenheit hat zudem wirtschaftliche Folgen über die Haushalte hinaus. Niedrige Pegelstände der Donau beeinträchtigen die Güterschifffahrt erheblich. Die aktuelle Niedrigwasserperiode wird mit den Jahren 2003 und 2018 verglichen. 2018 sank das Transportaufkommen um ein Viertel. Auch in diesem Jahr ist mit einem Knick zu rechnen. Damit wird Wasser nicht nur zur kommunalen, sondern auch zur industrie- und verkehrspolitischen Frage. Der bisher selbstverständliche Luxus, in Haushalten fast jede Nutzung mit Trinkwasserqualität zu bedienen, bleibt möglich. Aber es wird teurer, ihn abzusichern.
