
Wir sollten heute weniger Süßes essen, damit wir in Zukunft nicht zu viel Pfunde auf den Hüften haben. Wir sollten heute weniger Alkohol trinken, damit wir in Zukunft nicht abhängig werden. Wir sollten, wir sollten, wir sollten. Schaut man in die aktuellen Debatten, scheint die Gesundheitsvorsorge nur eine reine Frage des richtigen Wollens zu sein. Sind wir Menschen aber wirklich gut darin, für weit in der Zukunft liegende Dinge vorzusorgen?
Um sich dieser Frage zu nähern, lohnt ein Blick in ein neurowissenschaftliches Prinzip, das man als Delay Discounting bezeichnet. Im Gehirn konkurrieren zwei Systeme: das Belohnungssystem, das über den Botenstoff Dopamin aus dem Mittelhirn gesteuert wird, und das Kontrollsystem, das in den vorderen Gehirnregionen lokalisiert ist. Während das Belohnungssystem auf unmittelbar verfügbare Belohnungen wie etwa Zucker oder Alkohol anspringt, hält das Kontrollsystem dagegen – es unterdrückt unsere Impulse und wägt zukünftige Folgen ab. Delay Discounting (übersetzt etwa als Verzögerungsabwertung oder zeitliche Diskontierung) ist ein Maß dafür, wie stark eine Belohnung, die in der Zukunft liegt, abgewertet wird. Delay Discounting ist umso stärker, je stärker das Belohnungssystem aktiv ist beziehungsweise je schwächer das Kontrollsystem arbeitet.
Bei Jugendlichen ist das Phänomen besonders häufig, weil ihr Kontrollsystem im Vorderhirn noch nicht vollständig ausgereift ist. Ebenso verschieben Schlafmangel und Stress die Balance in Richtung sofortige Belohnung. Aufgrund dieses biologischen Prinzips fällt es uns so schwer, heute auf das Stück Kuchen oder den Alkohol zu verzichten: Beide bieten sofortige sichere Belohnung, während der zukünftige Preis, wie etwa ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Diabetes oder eine Suchterkrankung, unsicher und abstrakt in der Ferne liegt und daher diskontiert wird.
Es ist zunächst einmal eine gute Nachricht, dass Delay Discounting nicht unveränderbar ist. Übungen des Episodic Future Thinking, bei dem man sich die eigene Zukunft lebhaft und bildlich vorstellt, reduzieren das Delay Discounting erwiesenermaßen. Es kann auch dazu führen, dass wir unser Verhalten ändern – also beispielsweise weniger Kalorien zu uns nehmen oder weniger fett essen. Und in funktionellen Bildgebungsstudien konnte gezeigt werden, dass sich die Abwertung reduziert, wenn die Verbindungen zwischen den frontalen Hirnregionen und den Gedächtnisregionen des Hippocampus (also quasi da, wo man sich „die Zukunft vorstellt“) gestärkt werden.
Vernunft und Wille reichen oft nicht
Mit Vernunft und Wille allein ist dem Gehirn aber oft nicht beizukommen. Das sieht man in extremer Form bei den Suchterkrankungen, bei denen das Delay Discounting besonders stark ausgeprägt ist. Und so ist es aber eben auch bei Kindern und Jugendlichen und bei bildungs- und sozioökonomisch schwächeren Bevölkerungsschichten, bei denen die Bereitschaft und oft auch die finanziellen Möglichkeiten zur Gesundheitsvorsorge gering ausgeprägt sind.
Da erscheint es schon zynisch, wenn die Lebensmittelindustrie die freie Wahlentscheidung gegen die hohen Zuckergehalte in unserer Nahrung und den leichten Zugang zu Alkohol in Position bringt. Zucker und Alkohol sind dermaßen stark belohnend, dass es zugespitzt eigentlich nur zwei Möglichkeiten gibt, um Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, dauerhaft zu starken Delay Discountern mit allen negativen Folgen für ihre Gesundheit zu werden: Entweder haben sie Eltern oder andere Bezugspersonen, die ihnen helfen, wenig Zucker und Alkohol zu konsumieren.
Übernehmen die diese Verantwortung nicht, können Kinder und Jugendliche wohl am besten durch Regulierungen vor den Gefahren von Zucker und Alkohol geschützt werden, etwa indem der Zugang zu Alkohol weiter erschwert und dafür gesorgt wird, dass der Zucker in Getränken und in der Nahrung drastisch gesenkt wird.
Colton E, Connors M, Mahlberg J, Verdejo-Garcia A. Episodic future thinking improves intertemporal choice and food choice in individuals with higher weight: A systematic review and meta-analysis. Obes Rev. 2024 Oct;25(10):e13801. doi: 10.1111/obr.13801 Peters J, Büchel C. Episodic future thinking reduces reward delay discounting through an enhancement of prefrontal-mediotemporal interactions. Neuron. 2010 Apr 15;66(1):138-48 You J, Wan Z, Huang Z, Yang X, Chen Y, Fang D, Zi Y, Yan F, Cao X. The effects of episodic future thinking interventions on cardiovascular health behaviors: A meta-analysis. Int J Nurs Stud. 2026 Jun 12;182:105619. doi: 10.1016/j.ijnurstu.2026.105619
Literatur:
Colton E, Connors M, Mahlberg J, Verdejo-Garcia A. Episodic future thinking improves intertemporal choice and food choice in individuals with higher weight: A systematic review and meta-analysis. Obes Rev. 2024 Oct;25(10):e13801.
Peters J, Büchel C. Episodic future thinking reduces reward delay discounting through an enhancement of prefrontal-mediotemporal interactions. Neuron. 2010 Apr 15;66(1):138-48
You J, Wan Z, Huang Z, Yang X, Chen Y, Fang D, Zi Y, Yan F, Cao X. The effects of episodic future thinking interventions on cardiovascular health behaviors: A meta-analysis. Int J Nurs Stud. 2026 Jun 12;182:105619.
