
Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, hat eindringlich davor gewarnt, dass der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo außer Kontrolle geraten könnte. Das Virus breite sich derzeit schneller aus, als die WHO darauf reagieren könne, sagte er am Mittwoch in Kinshasa, der Hauptstadt Kongos. Darum müssten die Anstrengungen gegen die tödliche Viruserkrankung „dringend und massiv ausgeweitet werden“.
Der WHO-Generaldirektor ist schon zum zweiten Mal in diesem Sommer nach Kinshasa gereist, um sich „mit unseren Partnern aus dem Gesundheits- und humanitären Bereich“ zu treffen, wie er sagte. Laut WHO hat sich in einigen Ebola-Brennpunkten im Nordosten des Landes die Zahl der Neuinfektionen allein in der vergangenen Woche verdoppelt. Nach aktuellen Daten des kongolesischen Gesundheitsministeriums wurden bis Montag 3874 Fälle bestätigt, darunter 1751 Todesfälle. Mindestens 717 Patienten befanden sich in Isolation, während 749 Patienten genesen sind. Die meisten Fälle, nahezu 90 Prozent, wurden demnach in der östlichen Provinz Ituri registriert, die an Uganda grenzt.
Nur die Epidemie der Jahre 2014 bis 2016 war tödlicher
Der 17. Ebola-Ausbruch in der Geschichte des Landes ist inzwischen der zweittödlichste aller Zeiten. Nur die Epidemie der Jahre 2014 bis 2016 war größer und tödlicher. Allerdings ist der aktuelle Ausbruch erst der zweite, der durch den Bundibugyo-Stamm verursacht wurde, gegen den es bisher keine zugelassenen Medikamente gibt.
Der erste Fall wurde Mitte Mai in der Provinz Ituri registriert, am 17. Mai, nach zwei labordiagnostisch bestätigten Ebola-Fällen innerhalb von 24 Stunden, erklärte die WHO den Ausbruch zu einer gesundheitlichen Notlage internationaler Tragweite. Experten gehen allerdings davon aus, dass das Virus in abgelegenen Regionen der Provinz schon mehrere Monate vor der ersten Diagnose grassierte und es auch zu Todesfällen kam, die nicht auf die eigentliche Erkrankung zurückgeführt wurden.
Nach Angaben des Leiters des afrikanischen Zentrums für Seuchen und Kontrolle (Africa CDC), Jean Kaseya, funktioniert die Kontaktverfolgung nicht. Etwa wenn Hunderte Passagiere auf einem überfüllten Schiff auf dem Kongo unterwegs seien und nachträglich bei einem Passagier Symptome des Ebola-Fiebers festgestellt würden. So würden immer mehr Fälle spät entdeckt, was die Überlebenschancen der Patienten verschlechtere.
Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die mit mehr als 1400 Mitarbeitern im Osten Kongos im Einsatz ist, warnte angesichts des Besuchs des WHO-Generaldirektors vor einer Verschlechterung der Lage. Die Situation sei kritischer denn je, sagte die stellvertretende medizinische Leiterin von Ärzte ohne Grenzen, Philippa Boulle, am Mittwoch. Trotz der unermüdlichen Bemühungen der medizinischen Teams verbreite sich die Krankheit in alarmierendem und beispiellosem Tempo.
„Keinerlei Anzeichen, dass sich der Ausbruch verlangsamt“
„Noch besorgniserregender ist, dass es keinerlei Anzeichen gibt, dass sich der Ausbruch verlangsamt“, teilte Boulle weiter mit. Neue Verdachtsfälle würden nahezu täglich aus neuen Orten gemeldet, jenseits von bereits identifizierten Übertragungsketten. „Die internationale medizinische Reaktion muss sofort aufgestockt und viele kritische Lücken müssen geschlossen werden. Jeder verlorene Tag verschafft dem Virus einen weiteren Vorsprung und kostet mehr Menschenleben.“
Ärzte ohne Grenzen betreibt sieben Ebola-Behandlungszentren und mehr als 15 Isolierstationen in den besonders betroffenen Provinzen Ituri, Nord-Kivu, Süd-Kivu und Tshopo mit einer Gesamtkapazität von mehr als 480 Betten. Seit Beginn des Ausbruchs wurden mehr als 1362 Patienten aufgenommen, unter ihnen 554 bestätigte Fälle. 282 Patienten haben die Erkrankung überlebt.
Ebenfalls am Mittwoch gab das amerikanische Außenministerium bekannt, dass es in Zusammenarbeit mit dem Kongress in Washington beabsichtige, zusätzlich 242 Millionen Dollar zur Unterstützung in der Region sowie humanitäre Hilfe im Zusammenhang mit dem Ausbruch bereitzustellen. Diese zusätzliche Finanzierung stehe im Einklang mit der Verpflichtung der amerikanischen Regierung auf dem G-7-Gipfel der Staatschefs am 16. Juni im französischen Evian, bis zu 500 Millionen Dollar für die Ebola-Bekämpfung bereitzustellen. Die Vereinigten Staaten bleiben damit weiterhin der größte Geldgeber, was den Kampf gegen Ebola angeht.
