
Durch den WM-Sieg baut Spanien seine starke Stellung im Profifußball aus. An deutschen Schulen gibt es eine interessante Parallele. Von einer spanischen Dominanz kann zwar keine Rede sein, vergleicht man die zuletzt rund 530.000 Spanischlernenden mit den sieben Millionen Englischschülern. Doch die Fremdsprache ist stark im Aufwind. Es lernen doppelt so viele deutsche Schüler Spanisch wie vor 20 Jahren. Dagegen ist das Interesse an anderen Fremdsprachen seither stark rückläufig: Die Zahl derer, die Latein lernen, ist von 820.000 auf 540.000 gesunken, am Französischunterricht sank die Zahl der Teilnehmer von fast 1,8 auf weniger als 1,3 Millionen.
Neben dem Fußball steht Spanien als Urlaubsland unverändert hoch im Kurs. Die Latinomusik entfaltet eine besondere Anziehungskraft. Spanisch gilt als zugänglicher und melodischer, als cooler und sexyer als Französisch. Zudem soll die Sprache im globalen Kontext nützlicher sein, stehen doch mehr als 600 Millionen Spanischsprechern „nur“ knapp 400 Millionen Französischsprecher gegenüber, die meisten davon in Afrika. Vor allem das spanisch dominierte Süd- und Mittelamerika sei ein riesiger Markt mit großen Jobchancen, heißt es.
Rein wirtschaftlich betrachtet überzeugt diese Argumentation nicht. Private Vorlieben sind jedem unbenommen, und grundsätzlich ist das Erlernen jeder Fremdsprache begrüßenswert. Beruflich spricht aber nach wie vor sehr viel mehr für Französisch, wenn man vor der Wahl steht. So ist die Wahrscheinlichkeit um einiges höher, als Deutscher im Arbeitsleben mit Französisch- statt Spanischsprechern in Berührung zu kommen. Das gilt nicht zuletzt für die Welt der Diplomatie, internationale Organisationen wie UN, NATO, OECD, UNESCO, IOC und ESA sowie allerlei EU-Institutionen in Brüssel und Straßburg.
Nicht immer Pflicht, aber immer von Vorteil
Auch in der freien Wirtschaft bleibt Französisch für Deutsche wichtiger. Deutschlands Verflechtungen mit Panama, Paraguay und El Salvador sind sehr überschaubar. Der Wert der Waren, die mit den bevölkerungsreichsten Spanisch sprechenden Ländern Südamerikas, Argentinien und Kolumbien, gehandelt werden, ist zusammen gerade einmal so groß wie der mit dem frankophonen Marokko. Mexiko steht in der Rangfolge der wichtigsten deutschen Handelspartner immerhin auf Platz 24. Doch auch hier betrug der Warenwert vergangenes Jahr bloß 25 Milliarden Euro. Spanien auf Platz zwölf kam auf 98 Milliarden Euro. Selbst das ist weit entfernt vom viertplatzierten Frankreich mit 186 Milliarden Euro.
Die drohende Präsidentschaft von Marine Le Pen besorgt viele Deutsche zu Recht. Doch ungeachtet dessen spricht einiges dafür, dass das zweitgrößte EU-Land auf der anderen Rheinseite noch wichtiger wird. In der geopolitischen Großwetterlage gibt es Ansätze eines zunehmenden „Nearshorings“, also der Verlagerung von wirtschaftlicher Aktivität ins benachbarte Ausland. Gemessen an der Zahl der Projekte waren deutsche Unternehmen vergangenes Jahr die größten ausländischen Investoren in Frankreich. Umgekehrt zieht es Frankreichs Luft- und Raumfahrtindustrie durch die neuen Rüstungstöpfe verstärkt nach Deutschland.
Diese Verflechtung bietet Deutschen reichlich Jobmöglichkeiten – in Frankreich selbst und in französischen Niederlassungen in Deutschland oder sonst wo auf der Welt. Mit den Luxus- und Kosmetikgüterriesen LVMH, Hermès und L’Oréal mangelt es der französischen Wirtschaft nicht an Weltmarktführern. Eine ganze Reihe hochprofitabler Großunternehmen beschäftigt jeweils Tausende Mitarbeiter in Deutschland, ob Saint-Gobain, Vinci, BNP Paribas, Axa oder Veolia, vom europäischen Musterkonzern Airbus ganz zu schweigen. Französisch zu sprechen, ist in diesen Unternehmen nicht immer Pflicht, aber immer von Vorteil – und kann auf der Karriereleiter unzählige Türen öffnen.
Der Stolz der Franzosen auf ihre Kultur ist groß, für Deutsche mitunter irritierend groß. Gerade deshalb sind profunde Sprachkenntnisse so wichtig. Sie helfen, Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen, und sie ermöglichen eine Verständigung mit Zwischentönen, die es mit Englisch als Lingua franca nicht gibt und erst recht nicht mit Übersetzungssoftware. Es ist eine bedenkliche Entwicklung, dass auch in Frankreich Deutsch als Fremdsprache, jahrzehntelang Pflichtprogramm an guten Schulen, auf dem Rückzug ist. Manch politische Verstimmung zwischen Berlin und Paris der jüngeren Zeit mag sich auch dadurch erklären. Wer die Sprache des jeweils größten Nachbarn nicht spricht, hat sich nicht so viel zu sagen, wie er könnte und sollte.
