
Kein Windhauch bewegt die Blätter von Bäumen und Büschen. Träge lagern Hunderte von Menschen auf Picknickdecken oder den metallenen Bänken vor dem Musikpavillon des Frankfurter Palmengartens. Nur eine Libelle jagt eifrig auf Jagd nach Beute durch die Luft. Hot town, summer in the city.
„Summer in the City“ ist auch der Name der beliebten Konzertreihe, die das Künstlerhaus Mousonturm seit vielen Jahren im Palmengarten veranstaltet, mittlerweile eher mit dem Augenmerk auf das weite Feld der Electronica als jenes der Weltmusik, aber wie stets mit beachtenswerter Auswahl. Dazu zählt auch der isländische Singer-Songwriter Mario Armando Lavandeira, besser bekannt als Ásgeir, der sich 2014 mit seinem Debütalbum „In The Silence“ in die Herzen (und Gehörgänge) vieler Zuhörer gesungen hatte. Die oft im Falsett vorgetragenen, mit sanfter Electronica verwobenen Folk-Hymnen an die Natur hatte er vorher schon in seiner Heimatsprache Isländisch aufgenommen und die von seinem Vater, dem Dichter Einar Georg Einarsson, verfassten Texte von dem polyglotten amerikanischen Singer-Songwriter John Grant ins Englische übersetzen lassen.
Ásgeirs auch auf seinen späteren Alben zum Ausdruck gebrachte Liebe zur Natur setzte denn auch den richtigen Ton für einen Auftritt im Palmengarten, dieser Verbeugung vor der Schönheit der Flora, wenngleich sich die Anspielungen und Bezüge auf eine nordische Welt bei mehr als 30 Grad Lufttemperatur in Frankfurter Abendstunden etwas kurios anhören mochten, vielleicht aber auch für die eine oder andere Traumsequenz von kühleren Orten sorgte, selbst wenn sie wie in seinem neuen Song „Julia“ von den Schrecken des Eises und der Finsternis erzählen.
Mit der Unterstützung eines Bassisten und eines Schlagzeugers sorgte Ásgeir mal an den Keyboards, dann an akustischer oder elektrischer Gitarre eher für eine Atmosphäre der Ruhe denn aufgedrehte Spannung, eher an einem sachte schwingenden Groove als an überbordender Dynamik interessiert – ganz so, als liege in der Ruhe alle Kraft.
Seine leise Stimme, die mal an Bon Iver, mal an James Blake und mal an Peter Liddle von der englischen Band Dry The River erinnerte, tat ein Übriges, um bei diesen auf Englisch oder auf Isländisch vorgetragenen Songs an einen Troubadour zu denken, der von fernen, möglicherweise sogar ungeheuerlichen Welten kündet und doch ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, fast so, als singe er seinem andächtig lauschenden Publikum Märchen vor. Fast mucksmäuschenstill ist es manchmal, als wandere jeder einzelne der vielen Zuhörer in Gedanken durch eine menschenleere Landschaft, in der der Mond das einzige Licht ist, bis der Ruf einer in ihrer Ruhe gestörten Frankfurter Ente den Assoziationsfluss stoppt und die Konzertbesucher zurück in die heiße Stadt holt. Hot town, summer in the city.
