
Die Drohne befand sich im Sicherheitsbereich: an der Start-und-Lande-Bahn „Südpiste“, in unmittelbarer Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs vom Typ Antonow, das dort geparkt war. Ein Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle entdeckte das Gerät in der Nacht zum Mittwoch. An der Drohne hing ein verdächtiges Paket. Die Bundespolizei setzte einen ferngesteuerten Sprengstoffroboter ein, Experten des Entschärfungsdienstes entfernten den Zünder der „unbekannten Sprengvorrichtung“, wie die Ermittler später mitteilten. Am Mittwoch übernahmen dann das Landeskriminalamt Sachsen und die Zentralstelle Extremismus bei der Generalstaatsanwaltschaft Dresden die Ermittlungen.
Fast gleichzeitig mit der Drohne nahe der „Südpiste“ war nach Polizeiangaben auch ein „unbekanntes Flugobjekt“ in der Luft entdeckt worden. Um kurz vor Mitternacht wurde der Flugverkehr deshalb vorübergehend eingestellt. Ein DHL-Frachtflugzeug, das aufgrund der gesperrten Landebahn wieder durchstarten musste, stieß in der Luft mit etwas zusammen, mutmaßlich einer zweiten Drohne. Das Flugzeug landete leicht beschädigt in Hannover. Wenn sich der Verdacht erhärtet, war es die erste bekannte Kollision eines Verkehrsflugzeugs mit einer Drohne in den vergangenen Jahren. Im Mai 2024 war im bayerischen Manching ein Eurofighter bei der Landung mit einer Drohne zusammengestoßen.
Der Flughafen Leipzig/Halle ist eines der wichtigsten Drehkreuze für Luftfracht in Europa. Er wird zudem von mehreren NATO-Staaten militärisch genutzt. Sie kooperieren dabei mit dem ukrainischen Unternehmen Antonov Logistics SALIS, das nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 mehrere Antonow-Transportflugzeuge dauerhaft nach Leipzig verlegte. Von dort aus fliegen sie weltweit Hilfs-, Industrie- und Schwerlasttransporte, unter anderem für mehrere NATO-Länder.
2024 wäre es fast zur Katastrophe gekommen
Schon im Juli 2024 schreckte ein Vorfall in Leipzig die Sicherheitsbehörden auf. Damals geriet im Logistikzentrum Leipzig ein DHL-Paket in Brand. Beim vorherigen Durchleuchten war die Brandvorrichtung nicht aufgefallen. Die Flughafenfeuerwehr konnte den Brand löschen, doch schnell wurde klar, dass man nur knapp einer Katastrophe entgangen war: Das Flugzeug, in welches das Paket verladen werden sollte, war verspätet. Wäre das Paket in der Luft in Brand geraten und explodiert, so schilderte es der damalige Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang, hätte das Flugzeug abstürzen können. „Die Trümmer hätten hier in Deutschland auch all die Menschen treffen können, die mit Putin und seinem Regime sympathisieren“, sagte Haldenwang.
Haldenwang, aber auch andere Chefs deutscher Nachrichtendienste vermuteten Moskau hinter dem Vorfall. „Wir beobachten ein aggressives Agieren der russischen Nachrichtendienste“, fasste es Haldenwang zusammen. Sabotage und Spionage durch Agenten des Kreml und ihre Handlanger nähmen in Deutschland zu. Russland nehme dabei „die Gefährdung von Menschenleben in Kauf“. Der damalige BND-Präsident Bruno Kahl sagte, Moskaus Bereitschaft zu verdeckten Maßnahmen habe ein „bisher unbekanntes Niveau“ erreicht. Putin wolle die roten Linien des Westens austesten. Damit steige auch das Risiko, „dass sich irgendwann die Frage eines NATO-Bündnisfalls stellen könnte“, warnte Kahl.
Fast jeden Tag ein Vorfall mit einer Drohne
Aufgegeben worden war das gefährliche Paket damals in Litauen. Derzeit läuft dort ein Prozess gegen fünf Männer, die zusätzlich auch etliche weitere Pakete mit selbstgebauten Sprengsätzen über Kurierdienste in andere EU-Länder und nach Großbritannien versandt haben sollen. Die Angeklagten stammen aus Litauen, der Ukraine und Russland. Auch die litauischen Ermittler gehen davon aus, dass die Aktionen von Menschen mit Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst organisiert und koordiniert wurden.
Zu Behinderungen durch Drohnen kommt es an deutschen Flughäfen inzwischen fast jeden Tag. Im ersten Halbjahr 2026 meldete die Deutsche Flugsicherung 145 Fälle. Im vergangenen Jahr waren es laut einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt insgesamt 226 gemeldete Vorfälle mit Drohnen, von denen 116 zu vorübergehenden Sperrungen am jeweiligen Flughafen führten. Meist sind es Piloten, die Drohnen in An- und Abflugschneisen sehen. Auch am Flughafen Leipzig/Halle nahm in den vergangenen Jahren die Zahl der Zwischenfälle zu, allein im ersten Halbjahr 2026 waren es 18.
Die Bundesregierung hatte Ende vergangenen Jahres eine neue Drohnenabwehreinheit geschaffen. Zudem sollen acht Flughäfen, die wegen ihrer Bedeutung im Passagier- und Frachtverkehr als kritische Infrastruktur eingestuft sind, mit Drohnenabwehrtechnik ausgestattet werden. Durch verschiedene Systeme wie eine Beeinflussung der Drohnensteuerung sollen die Flugobjekte gesichert werden.
Der Flughafenverband ADV mahnte am Mittwoch zur Eile. Der Vorfall in Leipzig sei ein „Weckruf“, sagte ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Abwehrsysteme müssten „schnellstmöglich installiert und vollständig einsatzbereit gemacht werden“. Aktuell warteten die Flughäfen in Berlin, München, Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, Leipzig/Halle und Köln/Bonn noch auf die vom Bundesinnenministerium zugesagte Ausstattung. Aus Branchenkreisen hieß es, lediglich in Frankfurt sei die Installation abgeschlossen, in München laufe sie derzeit.
