
In Zeiten der Dürre sind die Pegelstände des Rheins von nationalem Interesse. Die immer neuen Niedrigstände in europäischen Flüssen dominieren die Nachrichten, weil sie zeigen, wie abhängig Industrieunternehmen von diesem Verkehrsweg sind. Es ist deshalb richtig, dass der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) die aktuelle Situation am Donnerstag in einer Sonderkonferenz mit den Unternehmen diskutieren will. Aber schon jetzt ist klar, dass dies allenfalls der Anfang sein kann. Das Problem ist deutlich größer als ein paar freigelegte Felsen auf Deutschlands größter Wasserstraße.
Die Alternativen gehen aus
Die aktuelle Lage ist schlimmer als in früheren Jahren, weil der plötzliche Ausfall kaum mehr kompensiert werden kann. Die Qualität der Infrastruktur hat einen Tiefstand erreicht, der vor Kurzem für ein reiches Industrieland nicht möglich schien. Besonders sichtbar wird das auf der Schiene: Sie war einst der Hoffnungsträger für eine Verkehrswende. Jetzt kann man froh sein, wenn der Anteil des Schienengüterverkehrs im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern nicht noch weiter sinkt.
Während der Rhein erst seit einigen Wochen mit jedem heißen Sonnentag seine Verlässlichkeit als Transportweg einbüßt, wenden sich die Unternehmen von der Schiene bereits seit Jahren ab: Die notorische Unzuverlässigkeit der Bahn-Tochtergesellschaft DB Cargo ist für sie schon lange Thema, auch die privaten Wettbewerber des Staatskonzerns und ihre Kunden leiden unter den vielen Baustellen im Schienennetz und den damit verbundenen langen Umleiterstrecken.
Was sie dort erleben, übertrifft oft sogar die Leidensberichte der Passagiere im Fernverkehr: Viele Kunden des Güterverkehrs wären froh, wenn sich die Verspätungen nur auf einige Stunden beschränkten. Wegen der Generalsanierung zwischen Hamburg und Berlin mussten Güterzüge Umwege von mehreren Hundert Kilometern in Kauf nehmen. Jetzt verschlimmert die Grunderneuerung der Strecke am rechten Rheinufer zwischen Köln und Wiesbaden die Situation. Die Alarmstimmung in der Politik sollte sich deshalb nicht nur auf das Niedrigwasser im Rhein beschränken. Die Wirtschaft sitzt auch in ganz anderen Bereichen auf dem Trockenen.
