„Sind Sie oder waren Sie Mitglied der Kommunistischen Partei?“ Was muss diese Frage für ein beklemmender und beschämender Schock gewesen sein, für Regisseure und Autoren, aber auch für Schauspieler. Gestellt wurde sie von den Hexenjägern des „Komitees zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung“ (House Committee on Un-american Activities, HUAC). Seit Oktober 1947 mussten Filmschaffende vor diesem Ausschuss, der in ruppig-arroganter Attitüde und aufgeheizter Atmosphäre einem Schauprozess glich, Auskunft über ihre politischen Überzeugungen geben – eigentlich Privatsache, für die man niemandem Rechenschaft schuldig ist.
Währenddessen klickten die Fotoapparate, begleitet von sensationslüsternen Schaulustigen, die zum einen ihre Stars sehen wollten, zum anderen aber auch auf vermeintliche Abgründe hofften. Senator Joseph Raymond McCarthy sowie seine Helfer, die Vorsitzenden John E. Rankin und J. Parnell Thomas, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, auch in Hollywood die „Feinde der amerikanischen Demokratie“ ausfindig zu machen und die „rote Gefahr“ zu bannen. Samthandschuhe waren ihre Sache nicht. Es begann, so Lillian Hellman kurz und bündig, „die Zeit der Schurken“. Zwischenrufe, Feindseligkeiten und Tumulte vergifteten die Atmosphäre; wer sich weigerte zu antworten und die Rechtmäßigkeit des Ausschusses infrage stellte, wurde wegen Beleidigung angeklagt und zu einem Jahr Haft plus Geldstrafe verurteilt. Das betraf zehn Männer, die „Hollywood Ten“, darunter der Autor Dalton Trumbo und die Regisseure Herbert Biberman und Edward Dmytryk.
Eine der turbulentesten Zeiten im amerikanischen Kino
Nun widmet sich die Retrospektive des Locarno Film Festival von diesem Mittwoch an bis zum 15. August unter dem Titel „Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist“ den schwarzen Listen, auf die Filmschaffende in Hollywood fortan gerieten, eine der wohl turbulentesten und politisch unruhigsten Zeiten in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Kurator Ehsan Khoshbakht, der vor zwei Jahren bereits die schöne Columbia-Retrospektive in Locarno verantwortete, hat mehr als 40 Filme von Regisseuren und Autoren ausgesucht, von John Garfield über Dalton Trumbo und Dorothy Parker bis Charles Chaplin und Joseph Losey.
Es laufen bekannte Filme wie Fred Zinnemanns „High Noon“, „Broken Arrow“ von Delmer Daves, „Crossfire“ von Edward Dmytryk oder „On the Waterfront“ von Elia Kazan, nicht zu vergessen Michael Curtiz’ „Mission to Moscow“ oder Luis Buñuels „The Young One“, aber auch selten gezeigte Werke. Dokumentarfilme wie John Berrys „The Hollywood Ten“ (1950) oder „Red Hollywood“, 1995 von Thom Anderson und Noël Burch inszeniert, liefern Hintergrundinformationen und vertiefen die Thematik.
Die Hoffnungen der Hollywood Ten, dass sich die Kollegen solidarisch zeigen würden und es zu einer breiten Kampagne gegen die HUAC kommen würde, erfüllten sich nicht; fast niemand hatte den Mut, sich entschlossen gegen die Anordnungen des Komitees zu stellen, schon gar nicht die Produzenten, die um ihre Einnahmen fürchteten. Die Angst ging um. Dutzende Filmschaffende wurden entlassen, Autoren arbeiteten unter Pseudonym, Schauspieler versuchten ihr Glück am Theater oder zogen sich in den Ruhestand zurück, Regisseure wie Jules Dassin und Joseph Losey verließen das Land.
Hollywood beraubte sich seiner Talente
Hollywood beraubte sich so eines großen Teils seines kreativen Talents, ein nicht wiedergutzumachender Verlust. Schlimmer noch: Die Idee der „Traumfabrik“, die unbeschwerte Unterhaltung lieferte, platzte wie eine Seifenblase. Ein besonders trauriges Kapitel dieser Hexenjagd ist die Vorladung „verdächtiger“ Zeugen wie Elia Kazan und Edward Dmytryk, die sich zu ihrer linken Vergangenheit bekannten und Kollegen, sogar Freunde denunzierten. So hofften sie darauf, selbst ungeschoren davonzukommen.
Was sind das nun für Filme, die in Locarno laufen? Welche Themen streifen sie, wie spiegeln sie die amerikanische Wirklichkeit? Betreiben sie mehr oder weniger unverhohlen kommunistische Propaganda und rufen zum Umsturz auf? Oder haben sich die Ankläger alles nur eingebildet? Interessant ist bei vielen Filmen der kritische Blick auf Amerika, aber immer mit dem Vertrauen auf die Stärke der Demokratie; Themen von politischer und gesellschaftlicher Brisanz setzten sich durch.
So erzählt Joseph Pevneys „Shakedown“ (1950) die Geschichte eines ehrgeizigen, skrupellosen Pressefotografen, der für ein aufregendes Foto alles tun würde, um Karriere zu machen. Er hilft weder Unfallopfern, noch schreckt er vor Erpressung zurück. Am Schluss schießt er das letzte Foto seines Lebens – seinen eigenen Mörder. Dieser Film noir rechnet mit dem amerikanischen Erfolgsstreben und dem Missbrauch der Macht, die die Presse mitunter verleihen kann, ab.
„Sound of Fury“, auch bekannt als „Try and Get Me“ und 1950 von Cy Endfield (auch er musste Amerika verlassen) gedreht, erzählt die Geschichte eines arbeitslosen Familienvaters, der sich von einem Ganoven dazu überreden lässt, als Fluchtfahrer bei einer Entführung zu helfen – mit tragischem Ausgang. Ein makelloses Meisterwerk, das Klassenunterschiede und Neid thematisiert. Filmhistoriker Jonathan Rosenbaum zufolge einer der besten Film noirs, von dem man nie gehört hat.

Ein Meisterwerk ist auch Joseph Loseys „The Prowler“. Der Film von 1951 erzählt die Geschichte einer unzufriedenen Ehefrau (dargestellt von der wunderbaren Evelyn Keyes), die wegen eines Eindringlings die Polizei ruft. Mit dem diensttuenden Cop beginnt sie eine Affäre, doch der tötet ihren Ehemann, um so das Erbe zu kassieren. Eine beklemmende Variante von „Double Indemnity“, cool inszeniert und hervorragend gespielt. Den Ehemann spielt übrigens Dalton Trumbo, der, ungenannt, auch am Drehbuch mitschrieb.

1951 erlebte McCarthys Hysterie der „Roten Gefahr“ mit weiteren Anhörungen einen unrühmlichen Höhepunkt, 1952 war „ein Jahr der Angst“, so der John-Garfield-Biograph Howard Gelman. „Wir fürchteten die Russen, wir fürchteten die atomare Vernichtung, wir hatten Angst vor Spionen und Saboteuren, die unsere Ordnung unterminierten, und wir fürchteten sogar einen Angriff aus dem Weltall“, so Gelman weiter. Ende 1953 hörten die Anhörungen unvermittelt auf, in den späten Fünfzigern war das Blacklisting Geschichte, der Spuk vorbei.
Doch das dunkelste Kapitel Hollywoods hinterließ tiefe Narben bei jenen, die diesen Irrsinn durchleiden mussten. Die politischen Attacken auf freie Meinungsäußerung und künstlerische Freiheit sind, darauf verweist auch Locarnos Festivalleitung, wieder von hoher aktueller Brisanz. Trumps Drohungen gegen kritische Zeitungen, seine Beschimpfungen und Justizvorladungen gegen missliebige Journalisten und seine Anfeindungen kultureller Institutionen vergiften das gesellschaftliche Klima im Land. Doch seine eigentliche Agenda geht noch weiter. In seiner Rede zum 250. Geburtstag der USA wetterte er am 4. Juli in Washington gegen „Kommunisten“, die er sogar mit einem „Krebsgeschwür“ verglich. Mit einem Mal sind sie wieder da: die menschenverachtende Wortwahl McCarthys und die Hysterie vor einer angeblichen „kommunistischen Bedrohung“. Trump reißt die alten Wunden wieder auf.
