Erst schien es, als wäre Marokko wieder in alte Reflexe verfallen. Von offizieller Seite gab es seit Donnerstag zunächst kein Wort zum Massenansturm auf Ceuta, nicht einmal eine Zahl der Toten. Wie bei ähnlichen Vorfällen in der Vergangenheit wurde Rabats Schweigen in Spanien von vielen als das stille Eingeständnis dafür verstanden, dass Marokko dahintersteckte. Doch am Sonntagabend meldete das marokkanische Innenministerium elf Ertrunkene (amtliche Angaben aus Spanien nennen bisher 88) und 40.000 Menschen, die die Grenze nach Ceuta überquert hätten.
Schuld an der Migrationskrise sei die „böswillige Ausnutzung des digitalen Raums und die Aktivität von Menschenhändlerringen“, teilte ein Sprecher des Innenministeriums mit. Zudem habe es „Fehlinformationen und Missverständnisse“ über das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens gegeben, das die sofortige Rückführung von Migranten untersagt hatte, die nach Ceuta schwimmen.
Auch in Marokko hält man das Gerichtsurteil für einen Pullfaktor
Marokko habe sich in der Krise als ein „verlässlicher und verantwortungsbewusster Partner“ erwiesen, betonte der Sprecher und bot Madrid und der EU an, weiter zusammenzuarbeiten. Ähnlich hatte sich bereits am Donnerstag die marokkanische Botschafterin in Madrid geäußert.
Auch in marokkanischen Medien wurde – wie in Spanien – das Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens vom 8. Juli als ein wichtiger Faktor genannt. Gegen ihre Expressabschiebungen an den Grenzen der Exklaven in Ceuta und Melilla hatten Migranten schon mehrmals erfolgreich geklagt und waren bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen.
Nun hatte das Gericht nach der Klage eines Algeriers entschieden, dass eine „heiße“ Rückführung, wie sie in Spanien genannt wird, nicht rechtens sei, wenn Migranten schwimmend über die Grenze nach Ceuta kommen. Solche Rückführungen seien nur für Migranten erlaubt, die den Grenzzaun auf dem Festland überwinden.
Marokko und Spanien hatten sich jedoch schon am Donnerstag auf eine schnelle Rückführung der neuen Ankömmlinge geeinigt. Soldaten greifen sie auf den Straßen Ceuta auf. In Militärlastwagen und Bussen bringen sie die Marokkaner an die Grenze, wo zeitweise auf der anderen Seite bereits Busse warteten, um sie in ihre weit entfernten Heimatorte zu bringen.
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez und sein Innenminister Fernando Grande-Marlaska betonten immer wieder, dass die Zusammenarbeit mit Marokko gut funktioniere. Offenbar traf das auf die Information aus Rabat, dass bis Donnerstag bis zu 100.000 Menschen in Richtung der 84.000-Einwohner-Stadt geströmt waren, weniger zu. Hier scheint es zu Fehleinschätzungen auf beiden Seiten gekommen zu sein.
Haben die Geheimdienste versagt?
Schon in den Tagen zuvor waren mehr als 1200 Marokkaner und Migranten nach Ceuta geschwommen – so viele wie lange nicht mehr. Die spanische Regierung war offenbar durch den Kampf gegen die verheerenden Waldbrände abgelenkt. Erst gegen Donnerstagmittag soll Grande-Marlaska laut Presseberichten mit dem marokkanischen Innenminister telefoniert haben, der ihn über den Ansturm informierte. Da waren schon Zehntausende an der Grenze.
Grande-Marlaska beteuert, die spanischen Geheimdienste hätten ihn nicht gewarnt. Die Opposition hält das für ein skandalöses Versagen, sollte es zutreffen. Am Donnerstag stellten sich dann die marokkanischen Polizisten der Menschenflut nicht entgegen. In Ceuta erzählen einige, dass Beamte den jungen Marokkanern sogar den schnellsten Weg zur Grenze gezeigt hätten. Im Internet kursiert ein Video, das angeblich zeigt, wie ein Polizist Dutzenden Männern von der Ladefläche eines großen Lastwagens hilft. Wann und wo es genau aufgenommen wurde, ließ sich aber nicht verifizieren.
Laut Augenzeugen haben die Beamten Grenzkontrollen eingestellt
Angeblich im Zusammenhang mit dem mehrtägigen Thronfest, das in Marokko am Mittwochabend begonnen hatte, sollen die marokkanischen Beamten laut Augenzeugen die Grenzkontrollen in Ceuta am Donnerstag zunächst auf ein Minimum reduziert und dann am Donnerstag zeitweise ganz eingestellt haben. König Mohamed VI. hielt sich zu dem Zeitpunkt nur gut 20 Kilometer südlich von Ceuta in seiner Sommerresidenz auf.
Während nicht nur in Spanien die Überzeugung wächst, das Regime habe den Ansturm organisiert, kommen die spanischen Geheimdienste zu einem anderen Schluss. Wie die Zeitung „El País“ am Montag berichtete, habe nach deren Einschätzung kein Plan dahintergesteckt. Stattdessen hätten die marokkanischen Behörden die Menschenmenge „nicht nur nicht aufgehalten, sondern ihr sogar den Weg freigemacht und aus der internationalen Resonanz des Vorfalls politischen Nutzen gezogen“.
Spanische Experten glauben nicht an eine Organisation durch Rabat
Den „digitalen Raum“, den die Migranten laut marokkanischem Innenministerium nutzten, hatte der sonst sehr effiziente und mit modernster Technologie ausgestattete Geheimdienst in jüngster Vergangenheit nicht unter Kontrolle. Im vergangenen Herbst waren Sicherheitskräfte und Politiker völlig überrascht von den wütenden Demonstrationen der „Generation Z“, bei denen überall im Land Zehntausende junge Marokkaner auf die Straße gingen. Sie hatten sich nicht über soziale Medien wie Instagram und Tiktok organisiert, sondern über die bis dahin in Marokko weitgehend unbekannte Gaming-Plattform Discord.
Die Proteste ebbten bald ab, aber die Frustration und die Hoffnungslosigkeit der jungen Bevölkerung sind geblieben. Fast ein Drittel der Marokkaner im Alter zwischen 15 und 24 Jahren ist nach offiziellen Angaben arbeitslos – viele, die nach Ceuta strömten, waren in diesem Alter. Sie erzählten, dass sie sich nach Berichten in den sozialen Medien, wonach die Grenze offen sei, auf den Weg gemacht hätten. Dass das Regime in der Lage ist, eine solche Onlinekampagne zu organisieren, halten spanische Marokko-Kenner für unwahrscheinlich.
Die Bilder aus Ceuta lenkten aber die internationale Aufmerksamkeit wieder auf die beiden spanischen Exklaven, die Marokko seit der Staatsgründung für sich beansprucht. So verwies jetzt das Onlineportal Le 360, das dem Königspalast nahesteht, auf die „geographische Anomalie“ von Ceuta und Melilla: Die Frage sei nicht, ob diese Exklaven „zu ihrem natürlichen Umfeld, Marokko, zurückkehren werden, sondern vielmehr, wie lange es dauern wird und wie viele Tragödien noch folgen werden“. Ähnliches war auf anderen Portalen zu lesen.
In Rabat verfolgt man aufmerksam, dass sich im Umfeld von US-Präsident Donald Trump Stimmen mehren, die verlangen, die beiden Städte als marokkanisch anzuerkennen, so wie er es 2020 mit der früheren spanischen Westsahara-Kolonie getan hatte. In Anspielung auf den Konflikt hatte Michael Rubin schon zu einem neuen „Grünen Marsch“ nach Ceuta und Melilla aufgerufen. Der einflussreiche amerikanische Analyst, der früher im Pentagon arbeitete, spielte damit auf den 6. November 1975 an, als aus Marokko Tausende Zivilisten in die damalige spanische Kolonie marschierten. Parallel dazu hatte der israelische UN-Botschafter Ceuta als eine „koloniale Enklave“ bezeichnet.
Auf großes Interesse in Marokko stieß offenbar auch das Abkommen zwischen der EU und Großbritannien über die ehemalige Kronkolonie Gibraltar, das am 15. Juli dieses Jahres in Kraft getreten ist. Die Öffnung Gibraltars zum Schengenraum war von einer Debatte über Souveränität begleitet, und mit einer Entscheidung, die in Marokko auf Empörung stieß: Die direkte Fährverbindung nach Marokko wurde eingestellt.
Am 20. Juli flog dann der spanische Ministerpräsident für einen Versöhnungsbesuch zu Marokkos regionalem Rivalen Algerien. Jahrelang hatte zwischen Madrid und Algier wegen des Westsahara-Konflikts diplomatische Eiszeit geherrscht. Algerien ist Schutzmacht der Polisario-Befreiungsfront, die für eine unabhängige Westsahara kämpft.
Sánchez ist Marokko weit entgegengekommen
Gleichzeitig befasst sich das spanische Parlament mit einem Gesetz, das Einwohnern der früheren spanischen Kolonie ein Recht auf die spanische Staatsangehörigkeit geben soll – ebenfalls ein diplomatisch sensibles Thema, weil es in Marokko als eine indirekte Anerkennung der Einheimischen verstanden werden könnte, die aus marokkanischer Sicht Marokkaner sind.
Der Streit um die Westsahara belastete die Beziehungen zu Spanien jedoch früher viel stärker als heute. Ministerpräsident Sánchez ist König Mohamed VI. weit entgegengekommen, als er die bisherige Neutralität Spaniens aufgab. Statt auf einem Referendum über die Unabhängigkeit zu bestehen, signalisierte er Unterstützung für eine Autonomie der Westsahara unter marokkanischer Kontrolle.
Dieser drastische Kurswechsel hatte eine Vorgeschichte in Ceuta, an die sich in diesen Tagen dort alle erinnern: Im Mai 2021 stellte die marokkanische Polizei die Grenzkontrollen ein, 8000 bis 10.000 Marokkaner strömten in die Stadt, um danach ähnlich schnell wieder zu verschwinden. Zuvor hatte die spanische Regierung dem Polisario-Chef heimlich erlaubt, seine schwere Corona-Erkrankung in Spanien behandeln zu lassen. Das hatte Rabat sehr aufgebracht.
Marokko nutzt Migranten immer wieder als Druckmittel
Pedro Sánchez ging danach sehr weit, um sich wieder mit Marokko auszusöhnen, das im Kampf gegen die illegale Migration und den internationalen Rauschgiftschmuggel auch für die EU ein Schlüsselland ist. Jetzt stellte man in Spanien erschrocken fest, dass auf den Partner nur bedingt Verlass ist – und wie verletzbar Ceuta und Melilla sind. Immer wieder hatte Marokko in der Vergangenheit Migranten als Druckmittel für seine politischen Interessen eingesetzt.
Das vermutete man schon im Zusammenhang mit einem Vorfall im Jahr 2014, als sich der marokkanische König während seines Sommerurlaubs unweit von Ceuta über eine Kontrolle durch die spanische Küstenwache ärgerte. Es kam nicht nur zu einem diplomatischen Eklat: Kurz nach dem Zwischenfall überquerten plötzlich mehr als 1200 Migranten, aus Marokko kommend, die Meerenge von Gibraltar und landeten in Spanien.
Dieses Mal lässt die marokkanische Führung jedoch den Kontakt nach Spanien nicht abreißen und betonte in ihrer jüngsten Erklärung die Bereitschaft, weiter mit Madrid und der EU zusammenzuarbeiten. Das müssen Spanien und Marokko in den nächsten Jahren auch tun, denn zusammen mit Portugal richten sie 2030 die Fußball-WM aus. Viele Fans werden zwischen der EU und Marokko hin- und herreisen.
