
Es war Mittwochabend, etwa 20.15 Uhr, als ein Strandbesucher in Ostfriesland vergangene Woche zum Telefon griff. Er hatte einen Mann beobachtet, der mit einem Fahrrad im Watt vor Norddeich im Landkreis Aurich unterwegs war. Aus der Ferne wirkte es, als wolle der Mann mit dem Rad Richtung Juist. Die Insel liegt zehn Kilometer entfernt, und selbst bei Ebbe ist das Watt durchzogen von tiefen, unberechenbaren Prielen.
Der Strandbesucher verständigte die Feuerwehr, die aus Sorge vor einer „lebensbedrohlichen Situation“ sofort eine „Erkunderdrohne“ losschickte, wie sie später mitteilte. Die Drohne ist demnach an einem nahe gelegenen Flugplatz stationiert, wurde von einem Piloten der Feuerwehr gesteuert und entdeckte schon wenige Minuten nach dem Notruf mithilfe einer Wärmebildkamera den Mann im Watt: „Er befand sich fast einen Kilometer vom Strand entfernt.“
Allerdings schob der Mann das Rad da schon wieder durch den schlammigen Wattboden in Richtung Festland zurück. „Mit der Drohne war zu erkennen, dass sich der Mann körperlich in guter Verfassung befand und er seinen Spuren vom Hinweg zurückfolgte“, teilte die Feuerwehr mit. Eine akute Gefahr habe nicht bestanden, die Rettung wurde abgeblasen.
Wollte er nie nach Juist?
Aber wohin wollte der Mann im Watt denn nun? Die Feuerwehr schrieb in ihrer Mitteilung zunächst, dass der Mann sich „mit einem Fahrrad auf den Weg in Richtung Insel Juist gemacht hatte“. Medien berichteten entsprechend, bis sich der Mann bei einzelnen Medien meldete und diese Darstellung zurückwies.
Und auch die Sprecherin der Polizeiinspektion Aurich sagt am Montag am Telefon, dass der Mann nie gesagt habe, dass er nach Juist wollte. Den Polizisten, die ihn am Strand empfingen, habe er stattdessen ein „Schriftstück“ gezeigt, laut dem er „im Rahmen eines Küstenmonitoring-Auftrags“ unterwegs gewesen sei. Dieses Schriftstück prüfe man nun, sagte die Polizeisprecherin. Auch das „umgebaute Fahrrad“ werden sich Beamte wohl noch mal genauer anschauen.
Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der zuständig ist für die Beobachtung der Küste und des Wattenmeeres, teilte am Montag auf Anfrage mit: „Bei der Person, die am 29. Juli mit einem Fahrrad im Watt unterwegs war, handelte es sich nicht um einen Mitarbeiter des NLWKN.“ Der Mann sei auch kein Mitarbeiter eines Auftragnehmers, der aktuell vom NLWKN mit der Erfassung von Sedimenten im Watt beauftragt sei: „Die Beprobungen haben nach Aussage des Auftragnehmers zuletzt bei Wangerooge stattgefunden.“
Was auch immer der Mann also im Watt wollte, eins hat er auf jeden Fall erschaffen: Ein wunderbares Symbolbild für Menschen, die mit ganz großen Plänen aufbrechen – und dann kleinlaut wieder zurückkehren, den Spuren vom Hinweg folgend, halb im Matsch versunken.
