
Oje, oje! Die armen Radprofis. Bereiten sich das ganze Jahr akribisch vor, quälen sich in Höhentrainingslagern, wiegen ihr Essen grammgenau ab, um sich fit zu machen für die Spanien-Rundfahrt – und haben die Rechnung dann doch ohne den Wirt gemacht. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr: Seitdem die Leistungsdaten und der Kalorienverbrauch präsenter im Kopf der Fahrer sind als das Einmaleins, ist der Radsport zum Rechenspiel geworden.
Wer nun also eins und eins zusammenzählen kann, kennt schon das Ergebnis der nächsten Sause. Denn die größte Nummer des Radsports hat sich kurzfristig entschieden, an die Startlinie zu rollen. Ende August wird wieder Zahltag sein, wenn Tadej Pogačar bei der Vuelta a España mit den größten (Watt-)Zahlen jongliert.
Pogačars offene Rechnung
Sie ahnen wahrscheinlich bereits, warum er sich das nach seinem Triumph bei der Tour de France überhaupt noch antut: Er hat noch eine Rechnung mit diesem Rennen offen, weil er bei seinem Grand-Tour-Debüt 2019 nur Dritter in Spanien geworden war, was – Achtung! – bis heute sein schlechtestes Ergebnis bei einer dreiwöchigen Rundfahrt ist. Aus einer Gleichung mit vielen Unbekannten wird deshalb wieder mal eine Aufgabe auf Grundschulniveau, wenn die Frage im Raum steht, mit welchem Sieger zu rechnen ist.
Der Radsport, so viel lässt sich im August 2026 konstatieren, ist berechenbar geworden. Einseitige Rennen bei den großen Rundfahrten sind der gemeinsame Nenner. Jonas Vingegaard gewann den Giro d’Italia (in Abwesenheit von Pogačar) mit einer ebenso dominanten Vorstellung wie Pogačar die Tour de France. Etwas Außergewöhnliches brauchte es, um einen weiteren Triumph des Slowenen bei der letzten Grand Tour des Jahres zu verhindern. Ein Wunder würde es vielleicht auch tun. Aber die gibt’s in der Mathematik nicht. Oder?
Vom Amateur geschlagen
Das dachten wir auch, bis wir am Wochenende auf eine Meldung stießen, die an allen Gesetzen der Mathematik zu rütteln schien. Diverse Medien überschlugen sich mit einer Nachricht, die unterschiedlich formuliert war, aber stets den gleichen Inhalt transportierte: Tadej Pogačar wurde geschlagen – von einem Amateur. Es gibt sie also doch noch, die Wunder!
1177 Hobbyradler hatten mitgemacht bei der „Pogi-Challenge“, einem Rennen, das von Pogačar ins Leben gerufen wurde für einen guten Zweck. Sie alle fuhren nacheinander in den Berg in der Heimat des Slowenen hinein, der zu bezwingen war. Und natürlich kam es, wie es kommen musste: zu einem Stau, in dem Pogačar feststeckte. Das kostete ihn wertvolle Zeit. Knapp vier Minuten hinter dem deutschen Amateur Frederik Nießen erreichte er das Ziel. Das einzige Problem mit Blick auf die Vuelta: Stockenden Verkehr wird es in Spanien nicht geben.
Man müsste nun also den Stau und die Zeit am Berg gegeneinander aufrechnen, um daraus etwas ableiten zu können. Doch, so ehrlich müssen wir sein, ans Ziel führen würde auch das nicht, weil wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, noch etwas anderes mitteilen müssen, was wir bei der weiteren Lektüre erfahren haben: Pogačar ist diesen Berg 2024 schon einmal rund elf Minuten schneller hinaufgefahren. Und er ist an diesem Tag sieben Minuten nach den Amateuren gestartet. Die „Pogi-Challenge“ und das, was daraus gemacht wird, ist eine Milchmädchenrechnung. Unterm Strich bleibt damit vor der Spanien-Rundfahrt nur eine kaum Mut machende Erkenntnis: Mit der Hoffnung auf ein echtes Wunder sollte man im Radsport von heute leider nicht mehr rechnen.
