
Als die Rakete Langer Marsch 10B im Juli von ihrem Jungfernflug zurückkehrte, fiel sie nicht mehr wie Vorgängermodelle einfach ins Meer. Die Raketenstufe bremste ab und landete präzise in der Mitte einer schwimmenden Anlage im Südchinesischen Meer, wo sie von einem Netz aus Seilen aufgefangen wurde. Was Elon Musk mit seiner Firma SpaceX vor mehr als zehn Jahren als Erstem gelang, scheint Chinas Staatsunternehmen CALT nun bald ebenfalls zu können: Raketen wiederverwenden. Das senkt die Kosten, insbesondere für den Transport von Satelliten ins All. Die Startkapazität galt bislang als größter Engpass für Chinas allumfassende Satellitenstrategie.
Chinas zivil-militärische Weltraumfähigkeiten schreiten voran und stellen die Vorherrschaft der Amerikaner insbesondere im Bereich von Satelliten zunehmend auf die Probe. Ein neuer Bericht der amerikanischen Denkfabrik CSIS zeigt, wie die Zahl chinesischer Firmen für Satellitenkommunikation und Startdienste seit 2014 von wenigen Dutzend auf sechshundert angestiegen ist. China errichtet derzeit gigantische Fabriken für den Satellitenbau, die jedes Jahr gut fünftausend Satelliten fertigen könnten.
Dabei wende Peking eine Strategie an, die schon bei Elektrofahrzeugen und anderen für strategisch erachteten Produkten zur Geltung kam: zentrale Vorgaben, Industriesubventionen und eine selektive Marktöffnung. Diese Maßnahmen sollen auch im Satellitenbereich einen Konkurrenzkampf der Unternehmen befördern und China Dominanz im Weltraum verschaffen.
Zwei Firmen wollen je mehr als 10.000 Satelliten ins All bringen
Das Konzept der zivil-militärischen Integration ist dabei zu einem prägenden Merkmal von Chinas Entwicklung der Luft- und Raumfahrt geworden. Schon 2017 hat Staats- und Parteichef Xi Jinping dieses Konzept zur nationalen Strategie erhoben. Kommerzielle Innovationen müssen gleichzeitig die militärische Modernisierung, die industrielle Kapazität und die strategische Autonomie vorantreiben. Am Freitag verlangte Xi auf einer Politbüro-Sitzung nochmals eine engere Verzahnung von Militär- und Zivilindustrie: Diese sei der „notwendige Weg“ zum Aufbau moderner Streitkräfte.
Diese Strategie wurde durch aufeinanderfolgende Fünfjahrespläne festgelegt. Allein die beiden Firmen Guowang und Qianfan wollen jeweils mehr als 10.000 Satelliten ins All bringen. Das korrespondiere mit Chinas Entwicklung von Breitbandnetzwerken im niedrigen Erdorbit, die sich sowohl zivil als auch militärisch nutzen lassen, so CSIS.
Mehr und bessere Satelliten im All verschaffen China präzisere Aufklärungsdaten in Echtzeit, die durch die Zahl verfügbarer Satelliten zudem beständig über einem Schauplatz erhoben werden können und nicht mehr nur, wenn ein einzelner Satellit gerade darüberfliegt. Das untergräbt westliche Überlegenheit und bietet China wachsende Möglichkeiten. Seit 2024 hat die Volksbefreiungsarmee ein eigenes Weltraumkommando.
Satellitendaten für Iran, Huthi-Rebellen, Russland?
Im Irankrieg hat das amerikanische Außenministerium chinesischen Unternehmen bereits vorgeworfen, Teheran Satellitenbilder bereitzustellen, die Iran für seine manchmal überraschend genauen Angriffe auf amerikanische Einheiten genutzt haben könnte. Auch andere westliche Sicherheitskreise bestätigen diese Angaben. Dass viele der vermeintlich kommerziell operierenden Firmen eng mit dem chinesischen Staat zusammenarbeiten (müssen), wenn nicht gleich mit der Volksbefreiungsarmee, wird zunehmend zu einer sicherheitspolitischen Herausforderung für den Westen. Gleichzeitig hilft diese Konstruktion der Volksrepublik dabei, eine direkte Beteiligung an Konfliktzonen zu verschleiern.
Militärische Unterstützung für Teheran weist Peking zurück, ebenso wie Vorwürfe, es helfe den jemenitischen Huthi-Rebellen mit Satellitenaufklärung am Roten Meer. Ende Juli sagte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, China kooperiere mit Russland in der Satellitentechnologie und Lenkungstechnik, „um präzisere Angriffe gegen uns durchführen zu können“. Vor Monaten hatte Selenskyj ähnliche Vorwürfe erhoben, die Peking zurückwies: als „alte Taktik, um China in einen Konflikt hineinzuziehen“.
Die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS) veröffentlichte im Juli eine Studie, die mithilfe von Satellitendaten darlegt, dass von Iran herbeigeführte Schäden an amerikanischen Militärstützpunkten über die in US-Lageberichten zugegebenen Verluste „hinausgehen“. Fernerkundung als „unabhängiger Maßstab“ zur Klärung von Schäden gleiche „so die durch selektive Berichterstattung verursachte Informationsasymmetrie aus“, heißt es in der CAS-Studie. Die Chinesen berufen sich auf Daten europäischer Erdbeobachtungssatelliten. Eigene Satellitendaten machen sie nicht öffentlich.
Musks Starlink als Vorbild und Bedrohung
Ausdrücklich erwähnt die CAS das Verbot der USA für kommerzielle Satellitenfirmen wie Planet Labs, hochauflösende Aufnahmen vom Kriegsgebiet bereitzustellen. Amerika ziele mit seinem „Umfeld der Datenverweigerung“ darauf, die Informationsüberlegenheit in Kriegszeiten zu sichern. Unausgesprochen bleibt hier, dass Peking diese Informationsüberlegenheit zunehmend unterminiert.
Peking sieht auch Satelliteninternet als strategische Schlüsselindustrie, die China unabhängiger von westlicher Infrastruktur machen und die eigenen militärischen Fähigkeiten unterstützen soll. Als ein Beschleuniger für Chinas Bemühungen gilt die Rolle, die das von Elon Musk geführte Satellitenunternehmen Starlink im Ukrainekrieg spielt. Ein dichtes Netz von Satelliten bot dort die Möglichkeiten, Kommunikationsverbindungen auch unter Kriegsbedingungen aufrechtzuerhalten, Drohnen zu steuern und der Aufklärung zu helfen – selbst wenn die russischen Angreifer herkömmliche Kommunikationsnetzwerke unschädlich gemacht hatten. Starlink gilt in chinesischen Militärpublikationen deshalb gleichzeitig als Vorbild und als Bedrohung, heißt es in einer Analyse der Berliner Denkfabrik MERICS.
So baut China ein eigenes satellitengestütztes Internet im niedrigen Erdorbit auf, um ein ausfallsicheres Netzwerk für zivile wie militärische Anwendungen zu schaffen. Das umfasst alles von der Vernetzung autonomer Fahrzeuge nach chinesischem Standard über verschlüsselte Kommunikation bis zu militärischen Führungs- und Aufklärungsmöglichkeiten.
Laut der CSIS-Studie „legt Peking den Grundstein für eine parallele Internetarchitektur, die zunehmend unabhängig von westlichen Plattformen, Standards und Einflussbereichen operiert“. Südafrika etwa hat ein Abkommen über die Nutzung des Satellitenortungssystems Beidou geschlossen, dem chinesischen Konkurrenzsystem zum amerikanischen GPS. Schon jetzt hat Beidou mehr Satelliten im All als GPS. Chinesische Firmen haben in asiatischen und südamerikanischen Ländern bereits Lizenzen für Satelliteninternet erworben.
Auch vor diesem Hintergrund baut Europa sein Gegenmodell Iris 2 auf, um den Kontinent unabhängiger von außereuropäischen Anbietern zu machen. Bis Ende des Jahrzehnts will die EU 290 eigene Satelliten im All haben. Sie sollen Regierungen wie Streitkräften verschlüsselte Kommunikation ermöglichen und auch eigene kommerzielle Dienste anbieten. Es ist Europas Antwort auf Starlink und dessen chinesische Pendants. Aber die haben schon Tausende Satelliten im All.
