
Zwei Worte: Späte Rache! Daran kann man dieser Tage öfter denken, wenn sich zwischen Haut und Stoff schon nach kurzem Aufenthalt in der Hitze eine Schicht Schweiß bildet. Wenn man mit Blick in den Kleiderschrank am wievielten auch immer Hitzetag in Folge nicht mehr weiß, was man noch anziehen soll. Der Grund in beiden Fällen: weil alles aus Polyester ist.
Dass die Sommer mit dem Klimawandel heißer werden, ist seit Jahren bekannt. Es muss aber erst heiß sein, damit wir über die Kühlung der Städte reden. Uns fragen, warum Kitas, Schulen und Altenheime noch immer ohne Klimaanlagen auskommen sollen. Oder uns über unser eigenes Einkaufsverhalten ärgern, wahlweise auch über die Modeindustrie überhaupt, denn die hält ja kaum etwas anderes als Polyester bereit.
Das Material hat schließlich ein paar Vorteile: Die Farben wirken bunter, die Muster feiner, und selbst wenn das Kleid gar nicht billig war, konnte es zumindest billig produziert werden. Beim Onlineshopping zählt zudem, wie ein Stück am kleinen Bildschirm aussieht. Wie es sich anfühlt, ist ohnehin nicht ermittelbar. Und ist es einmal da, nun, dann sieht es ja auch häufig gar nicht schlecht aus, vor dem Spiegel im kühlen Flur. Nur raus, in die Hitze, sollte man mit solchen Teilen besser nicht gehen.
Immer mehr Polyester, immer weniger Baumwolle
Ungeachtet dieser Problematik steigt die Kurve der weltweiten Polyesterproduktion noch steiler als die Temperaturkurve. Die jüngste Zahl des verarbeiteten Polyesters stammt aus dem Jahr 2024; damals hatte Polyester laut der amerikanischen Vereinigung Textile Exchange, die sich für mehr Nachhaltigkeit in diesem Bereich der Industrie einsetzt, einen Anteil von 59 Prozent an der Produktion von Stoffen. Im Jahr 2023 waren es 57 Prozent. Der Anteil recycelten Polyesters, das einen zwar nicht weniger schwitzen lässt, aber die Welt zumindest nicht noch weiter vermüllt, indem vor allem Plastikflaschen wiederverwertet werden, sank derweil von 12,5 Prozent auf 12 Prozent.
Wir können sommers nur schwer mit Polyester. Aber ohne ist Bekleiden auch zunehmend unmöglich. Wie kommen wir aus diesem Dilemma raus? Würde eine Obergrenze helfen, die festlegt, wie viel Polyester ein Hersteller anteilig maximal verarbeiten darf? Baumwolle, das laut Textile Exchange am zweithäufigsten verarbeitete Material, ist jedenfalls gerade auf dem Rückzug, 2023 lag der Marktanteil bei 20 Prozent, 2024 waren es 19 Prozent.
Oder begehren irgendwann doch genug Konsumenten auf? Der strauchelnde amerikanische Modekonzern GAP, der sich zum x-ten Mal an einem Comeback versucht, bekam es in diesem Sommer zu spüren. Angekündigt war eine Kollektion bunter Streifenteile. Ikonisch, weil die Stücke unter dem Namen „Happy Stripe“ liefen und eine Neuauflage der Streifenteile des Herstellers aus den Neunzigerjahren hätten sein sollen. Damals waren sie aus Baumwolle gefertigt. Heute versucht GAP seine Kunden mit Polyester abzuspeisen. Das Ärgernis war groß, immerhin.
