Transparent und zugleich geheimnisvoll ist das neue Haus, das an der Oberamteistraße in der Reutlinger Altstadt steht. Einerseits passt sich der Neubau durchaus an sein mittelalterliches Umfeld an. In Höhe und Breite gleicht er den benachbarten Gebäuden. Wie sie trägt er ein Satteldach, und zur Straßenseite hin springt die Fassade auf Erdgeschosshöhe zurück.
Fenster und Türen sucht man indes vergeblich. Zwar gibt es einen Durchgang, doch der verbirgt sich im Stil einer Tapetentür gekonnt vor den suchenden Blicken. Trotzdem wirkt das Haus nicht verschlossen, denn die Hülle lässt das Innere ein wenig erahnen. Möglich macht das die ungewöhnliche Materialwahl. Vom Giebel bis zum Grund decken mehr als 28.000 Biberschwanzziegel aus Glas das Haus. Nicht nur das Dach, auch sämtliche Außenwände ummanteln das gläserne Schuppengewand.
Wirklichen Einblick gewährt die Fassade allerdings höchstens ansatzweise. Das bruchsichere Spezialglas lässt nicht zu, dass man umstandslos ins Innere sehen kann. Muss man auch nicht. An diesem Ort mit Geschichte habe er mit dem Thema Erinnerung spielen wollen, sagt Architekt Tobias Wulf, dessen Büro das Glashaus entworfen hat. Erinnerungen sind oft verschwommen. So ähnlich verhält es sich auch mit der Fassade. Je nach Lichteinfall, Tageszeit, Reflexion und innerer Beleuchtung scheint mehr oder weniger durch sie hindurch. Das ist viel schöner als ungetrübte Einsicht und hat beinahe etwas Märchenhaftes: ein neues Haus, das fasziniert und Rätsel aufgibt. So etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen, schon gar nicht in einer Altstadt, die selbst schon Jahrhunderte erzählt.
Reutlingens Altstadt ist ein Schmuckkästchen

Die Idee für den Neubau entsprang der Notwendigkeit, das denkmalgeschützte Ensemble vor dem Einsturz zu bewahren. Dort, wo jetzt das Glashaus steht, hatte sich bis Anfang der Siebzigerjahre das „Steinerne Haus“ befunden. Es wurde abgerissen. „Wir hatten einen sehr handfesten, pragmatischen Ausgangspunkt“, sagt Architekt Wulf. Es ging nicht darum, weitere Ausstellungsräume für das Museum zu schaffen, sondern in erster Linie die in Schieflage geratene Zeile zu stützen.
Wie aber geht man das an, zeitgemäß, städtebaulich sinnvoll und am Ende als Gewinn für die Altstadt? Die Antwort lautete, ein Gebäude zu entwerfen, dessen Gestalt zur Umgebung passt. Das eine gewisse Volkstümlichkeit ausstrahlt, ohne bieder zu wirken, das aber zugleich die bedrückende Enge nicht noch zusätzlich verstärkt, die mittelalterlichen Gassen zu eigen sein kann. Diese Überlegungen führten schließlich zur Idee, gläserne Biberschwanzziegel zu verwenden. Ein normales Glashaus zu entwerfen, wäre zu banal gewesen und würde dem Ort nicht gerecht, sagt der Planer.
Für den Bau war besonderes Glas nötig
Einen Hersteller für die Ziegel zu finden, war nicht ganz einfach. Schließlich übernahm ein Betrieb jenseits der Grenze im Elsass den Auftrag. Das Glas ist besonders robust und soll auch Graffiti-resistent sein. Die einzelnen Ziegel lassen sich austauschen – und fürchten, dass es in einem Sommer wie diesem im Inneren unerträglich heiß werde, müsse man nicht, verspricht Tobias Wulf. Denn es handele sich um eine poröse, offene Haut, durch die die Luft zirkulieren könne. Im Winter allerdings werde es dann kalt.

Die Kernaufgabe als Stütze übernimmt das darunterliegende Fachwerk aus Weißtanne, von der insgesamt 115 Kubikmeter verbaut wurden. Das Tragwerk bildet die Form eines Hauses nach. Das klingt einfach. Doch die Holzstruktur zu entwickeln war eine geometrisch komplexe Aufgabe, zumal möglichst viele Holz-Holz-Verbindungen das Fachwerk zusammenhalten. Hinzu kommt, dass der Neubau dem kreislaufgerechten Cradle-to-Cradle-Prinzip folgt. Das bedeutet, kurz gefasst, dass ein Produkt am Ende seines Lebenszyklus möglichst keinen oder nur wenig Abfall hinterlässt. Sämtliche Verbindungen sind daher geschraubt, sodass sich alle Teile einzeln und sortenrein auseinandernehmen lassen. Beton wurde nur dort verwendet, wo es statisch und bautechnisch keine andere Lösung gab.
Wenn das Glashaus aber vor allem als Stütze für das Museum dient, welche Rolle spielt dann der so entstandene Raum? Eigentlich keine weitere, außer dass er nun einen barrierefreien Zugang zu den Altbauten ermöglicht und künftig für kleinere Veranstaltungen wie Empfänge, Lesungen und Konzerte genutzt werden soll. Das hat, man ahnt es, während der Planungs- und Bauphase zu teils scharfer Kritik an dem Vorhaben und dem Vorwurf der Verschwendung geführt. Den Angaben nach hat das Glashaus mehr als sieben Millionen Euro gekostet.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ein 08/15-Bau wäre dem Standort in der Reutlinger Altstadt nicht gerecht geworden, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck in einem Beitrag des SWR anlässlich der Eröffnung. Das Haus aus Glas beschert dem alten Quartier jedenfalls neue Aufmerksamkeit – ein Besuch dort lohnt sich jetzt noch mehr.
