
Die Kunstreise von Ernst und Margarete Schneider beginnt am Tisch ihres Wohnzimmers. Die Schneiders heißen eigentlich anders. Sie wollen anonym bleiben. Zu groß ist die Sorge, durch das Öffentlichmachen der Diagnose von Ernst Schneider vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden. Ernst Schneider hat Alzheimer-Demenz.
Saxophonklänge breiten sich in dem sonnendurchfluteten Raum aus, sie hören das bekannte Jazzstück, „Dancing on the Stars“, eingespielt 1938 vom Johnny Hodges Orchestra. Während die Musik läuft, betrachtet das Paar auf einem Tablet das Gemälde „Stillleben mit Saxofonen“ von Max Beckmann. Auf dem Bildschirm taucht eine Frage auf: „Hören Sie gerne Musik?“ Ernst überlegt nicht lange. „Kommt darauf an, welche“, sagt er und lacht. Und es braucht nur eine Nachfrage seiner Ehefrau, dann ist er im Gespräch über seine Liebe zu gregorianischen Gesängen und anspruchsvollen Blasorchesterwerken.
Ernst, 85 Jahre alt, hat vor anderthalb Jahren die Diagnose erhalten. Seither ist vieles anders. Geblieben ist die Liebe zur Kunst. Gemeinsam mit Margarete wagt er an diesem Tag ein Experiment. Das Paar begibt sich auf eine Kunstreise. Und das ganz bequem vom Wohnzimmer aus. Auf dem Tablet haben sie das Ölgemälde von Max Beckmann ausgewählt und das Programm „Kunstgenuss – mit allen Sinnen“ gestartet. Das Gemälde ist eines von vielen Motiven aus dem webbasierten Kunstangebot „Artemis Digital“, das für Menschen mit Demenz und deren Begleitpersonen entwickelt worden ist. In Kooperation mit dem Arbeitsbereich Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt bietet das Städel Museum die Kunstreisen unter www.artemis.staedelmuseum.de seit einem halben Jahr an. Gefördert wird das Projekt von der Familie Schambach-Stiftung. Die barrierefreie App ist für Menschen mit Demenz und deren Begleitpersonen kostenlos. Gleiches gilt für speziell konzipierte Führungen für diese Zielgruppe durch das Städel.
32 Bilder aus Städel-Sammlung abrufbar
Ernst und Margarete, die sich schon immer für Musik und Kunst interessiert haben, sind seit der ersten Stunde dabei. Sie gehörten zu den Teilnehmenden einer wissenschaftlichen Studie, die unter Leitung von Chantal Eschenfelder, verantwortlich für die Kunstvermittlung im Städel, und Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische Gerontologie an der Goethe-Universität, vor dem Start von „Artemis Digital“ durchgeführt worden ist. „Es ist die erste digitale, kunstbasierte Museumsanwendung für Menschen mit Demenz im deutschsprachigen Raum“, sagt Pantel.
Neben der Kunstreise „Kunstgenuss – mit allen Sinnen“ stehen noch Motive aus den Kategorien „Gemeinschaft – Nähe und Familie“, „Gesichter – Emotion und Ausdruck“ sowie „Blau in Blau – eine Farbe im Fokus“ zur Auswahl. Insgesamt 32 Bilder aus der Sammlung des Städel finden sich in der App. Die Nutzer werden vorab mit ruhigen Videos durch die Räume des Museums geführt – fast wie bei einem echten Besuch. Gemeinsam ist allen Modulen, dass sie durch Geräusche und Musik die Sinne ansprechen, durch Fragen gezielt persönliche Erinnerungen anregen und mit leicht bedienbaren, interaktiven Elementen kleine Aufgaben gelöst werden können. Ergänzt wird das Angebot durch Vorschläge für sogenannte Atelierarbeiten. Passend zu den Themen können die Nutzer selbst kreativ werden und zum Beispiel Collagen anfertigen, modellieren oder selbst malen.
Kunstreise mehr als 53.500 Mal aufgerufen
Die Kunstreisen sind als Gemeinschaftserlebnis für Menschen mit Demenz und deren Betreuungspersonen konzipiert und können über Smart-TV, PC oder Tablet abgerufen werden. „Es geht darum, dass sich ein Gespräch zwischen beiden entwickelt, je nach Grad der Demenz muss die Betreuungsperson auch durch die Anwendung führen“, sagt Chantal Eschenfelder. Diese Interaktion sei entscheidend. Gerade wenn Angehörige einen Menschen mit Demenz betreuen, könne es zu einer „unglücklichen Dynamik“ kommen, sagt die Leiterin der Bildungsabteilung im Städel Museum. Oft schränkten sich für beide Seiten die sozialen Kontakte ein, es komme zu Überforderung, der Alltag drehe sich plötzlich nur noch um Betreuung und Pflege.
Auch für Margarete ist die Kunstreise eine schöne Abwechslung im Alltag und gibt neue Impulse. „Wir reden wieder miteinander über verschiedene und neue Themen“, sagt die Zweiundachtzigjährige. Ihr Mann lese noch immer sehr viel, am liebsten historische Bücher. „Und wir hören gemeinsam Musik, singen im Chor oder gehen auf Konzerte. Die Musik verbindet uns“, erzählt sie. Es liegt ihr am Herzen, ihren Mann weiterhin in den Alltag und Gespräche einzubinden, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, solange dies noch möglich ist. Als das Jazzstück „Dancing on the Stars“ erklingt, fragt sie ihn: „Woran erinnert Dich die Musik?“ Ernst zögert. „Darauf haben wir schon getanzt“, sagt Margarete. „Ja, das kann sein“, antwortet Ernst. Und plötzlich sind sie wieder da, die Bilder, wie sie beide einen Tanztee im Raum Frankfurt besuchten.
Die Kunstreisen hatten bis einschließlich Mai dieses Jahres schon mehr als 53.500 Aufrufe. Auch international ist das Projekt auf Interesse gestoßen. „Ein japanisches Pharmaunternehmen, das Medikamente gegen Demenz herstellt, hat unsere Anwendung auf seiner Homepage verlinkt“, berichtet Chantal Eschenfelder. Es sei geplant, die Kunstreisen künftig auch in englischer Sprache anzubieten.
Erste Ergebnisse der begleitenden Studie liegen vor
Noch in diesem Jahr soll die projektbegleitende Studie in Fachjournalen veröffentlicht werden. Rund 40 von Demenz betroffene Menschen und deren Begleitpersonen hatten daran teilgenommen, gut die Hälfte war bis zum Schluss dabei. „Bei der Lebensqualität kam es in der Selbsteinschätzung der Menschen mit Demenz zu signifikanten Verbesserungen“, nennt Pantel ein erstes positives Ergebnis der Studie. Die Begleitpersonen – befragt wurden Menschen, die ihre Angehörigen im häuslichen Bereich betreuen – wie auch professionell Pflegende haben nach Angabe von Pantel eine signifikante Verbesserung der Beziehungsqualität genannt. Eine Pflegefachkraft habe festgestellt: „Für viele war das die erste Begegnung mit Kunst seit Jahren. Man hat gesehen, wie sie aufblühen.“
Kulturelle und kreative Angebote würden in der Therapie von Menschen mit Demenz an Bedeutung gewinnen, sagt Professor Pantel. „Sie sollten viel stärker in Betreuung und Pflege integriert werden“, fordert der Altersmediziner. Wichtig sei die Entwicklung spezieller und passender Formate, die die Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigten. Als Beispiel nennt er auch Konzertformate, die für Pflegeheimbewohner entwickelt werden.
Auch für die Entwickler von „Artemis Digital“ haben sich viele Fragen gestellt: Sind alle interaktiven Flächen verständlich? Wie müssen die Filme geschnitten werden? Wie bereitet man die Themen zugänglich, aber nicht zu banal auf, damit auch die Betreuungspersonen angesprochen werden? Während der Testphase sei zum Beispiel ein anklickbares Element ergänzt worden, in dem die Begleitpersonen weiterführende Informationen zum Kunstwerk erhalten. „Beide sollen schließlich von der Kunstreise profitieren“, sagt Städel-Mitarbeiterin Chantal Eschenfelder.
Bei Margarete und Ernst geht dieser Plan auf. Sie haben sich eine knappe halbe Stunde durch die Informationen und Fragen zu Max Beckmanns Stillleben geklickt. Sie haben der Musik zugehört, einzelne Bildausschnitte betrachtet und einiges über die Geschichte des Jazz erfahren. An manchen Stellen ist Ernst das Gespräch und die Konzentration sichtlich schwergefallen, die vielen Details wird er schon kurze Zeit später nicht mehr erinnern können. Für die kulturinteressierte Margarete war die Kunstreise eine willkommene Abwechslung in einem Alltag, der sich immer mehr von einer Partnerschaft zu einer Betreuungsbeziehung wandelt. Was bleibt, ist ein kleiner und besonderer Moment der Nähe.
