Eigentlich soll in den Zug von Hamburg nach Prag niemand mehr einsteigen. Er ist „hoch ausgelastet“, wie es im Bahn-Jargon heißt. Eigentlich hatten viele Passagiere auch geplant, ganz andere Züge zu nehmen. Da diese aber ausgefallen sind, bildet sich am Hamburger Bahnsteig eine kleine Schicksalsgemeinschaft, bestehend aus einer Dame um die 60 und mir. Beide wollen wir nach Berlin. Entschlossen erkämpfen wir uns einen Platz im Zug des tschechischen Eisenbahnunternehmens České dráhy, der uns in diesem Moment noch wie der letzte Hoffnungsschimmer erscheint.
Erschöpft, aber sehr anmutig nimmt sie Platz – auf dem Boden, denn Sitzplätze gibt es tatsächlich nicht mehr. Ihre Eleganz ist auch ihrem langen Hemdblusenkleid zu verdanken, das mit großen blauen Blumen bedruckt ist. Malerisch legt sich der Rock des Kleides um sie, als beginne hier ein Fotoshooting und keine chaotische Bahnreise.
„Was haben Sie für ein schönes Kleid an“, sage ich, und zum ersten Mal, seit wir uns am Gleis kennengelernt haben, lächelt sie. „Sie aber auch, wir passen doch gut zusammen“, sagt sie. Auch mein Kleid ist lang und blau, als hätte ich geahnt, dass es heute keine gute Idee wäre, wie sonst Weiß oder Beige zu tragen.
Viele Verbindungen sind unbefahrbar, so manches Outfit schlicht untragbar
Wenn es zwei Klischees über Deutschland gibt, deren wahrer Kern immer wieder zutage tritt, dann sind es die Unzuverlässigkeit der Bahn und die Zuverlässigkeit, mit der seine Einwohner sich selbst modisch aufgeben. Vor geschlossenen Bordbistros stehen Passagiere in offenen Trekkingsandalen, auf verspätete Züge wird in Funktionsjacken gewartet. Viele Verbindungen sind unbefahrbar, so manches Outfit schlicht untragbar.
Aber: Ausgerechnet auf Bahnfahrten, die regelmäßig zur Zitterpartie werden, kommt das Klischee von der Mode-Verdrossenheit ins Wanken.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Vor allem auf Strecken wie der von Hamburg nach Frankfurt oder von München nach Düsseldorf ist eine oft übersehene Spezies zu entdecken: Menschen, deren Garderobe Schnitt, Sitz und Situationsangemessenheit aufweist. Besonders hoch ist ihre Dichte am frühen Morgen und am späten Nachmittag in Fernzügen. Ihre (zugegebenermaßen oft lauten) Telefonate und ihr emsiges Laptop-Getippe lassen vermuten, dass sie auf dem Weg zu oder von geschäftlichen Treffen sind. Längst haben sie auch die zweite Klasse erobert; die Wirtschaftskrise verdammt alle zum Sparen.
Aus manchen Taschen ragt sogar ein Einstecktuch
Dort teilen sie sich mit Sitznachbarn Steckdosen für Handys und Haken für Sakkos und Blazer, die lieber aufgehängt werden wollen als in Rucksack-Ungetümen mit seltsamen Gurten und Wasserflaschenaußentaschen geknautscht.
An Herren sind Sakkos zu sehen, aus deren Brusttaschen bisweilen sogar ein Einstecktuch ragt. Im Sommer tragen viele ihre Sakkos über dem Arm; zu Hemden (ohne Werbeslogans am Kragen oder ohne halbierte Ärmel à la Olaf Scholz) kombinieren sie oft Stoffhosen.
Die meisten tragen Kombinationen, die Jüngeren aber setzen zunehmend auf Anzüge. Bei den Damen liefern sich Hosenanzüge mit Blazern, die locker sitzen, aber nicht mehr so „oversized“ wie noch vor einigen Jahren daherkommen, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit nicht zu eng geschnittenen Etuikleidern. Auch flatternde Plisseeröcke zu Blazern sind bisweilen zu sehen. Der Mut zu Farben und Mustern dürfte der größeren vorhandenen „Arbeitsfläche“ in Form von Röcken und Kleidern zu verdanken sein – so wie auch im Fall meiner Hamburger Bahnsteig-Bekanntschaft.
„Ein Glück, dass ich die dünne Anzughose und nicht die Jeans angezogen habe“
Mittlerweile sitzen wir in einiger Entfernung zueinander, sie im Eingangsbereich, ich vor dem Gepäckregal, beide auf dem Boden. Wir werfen einander aufmunternde Blicke zu, denn der Zug, der doch unser Hoffnungsschimmer war, bewegt sich seit einer Stunde gar nicht mehr. Ein kurzes, aber heftiges Unwetter mitten in der Sommerhitze hat einen Baum auf das Zugdach stürzen lassen; die Oberleitung und damit die Stromzufuhr wurden beschädigt. Die Türen sind verschlossen, die Klimaanlage hat aufgegeben. „Ein Glück, dass ich die dünne Anzughose und nicht die Jeans angezogen habe“, sagt ein älterer Herr zu seiner Begleitung.
Über mich klettert derweil eine Frau, die sich offenbar schon so zu Hause fühlt, dass sie sich barfuß auf den langen Weg zur letzten noch funktionierenden Zugtoilette macht. Obwohl mein Überlebensmodus bereits anspringt, weiß ich genau: Mit ihr werde ich keine Schicksalsgemeinschaft bilden.
Meinen Unmut über ihre Distanzlosigkeit besänftige ich mit Gedanken an das Schuhwerk, das ich auf meinen letzten Fahrten sah: bei den Herren vor allem Loafer (dieses Jahr ist besonders oft eine braune Wildledervariante mit Troddeln zu sehen) und klassische Schnürschuhe, bei den Damen ebenfalls Loafer (oft in Knallfarben) oder Ballerinas. Pumps sind zumindest in Zügen eher selten anzutreffen; womöglich warten sie ja in Reisetaschen und Trolleys auf ihren Einsatz.
Zum Glück erinnern immer weniger an Olaf Scholz
Auch ohne Absätze verwandeln sie Züge in Laufstege für Businessmode. Dabei lautet der inoffizielle Dresscode heute in vielen Büros schlicht „angemessen“. Offiziell heißt das Business Formal, Business Casual und Smart Business, aber wer neu in einem Unternehmen ist, muss erst herausfinden, ob auf der eigenen Hierarchie-Stufe Sneaker zum Anzug oder T-Shirt unter dem Sakko nun als Smart Casual gelten, als kreativer Stilbruch oder als Fehltritt.
Angesichts der zunehmend vagen Regeln bietet sich auf den einschlägigen Routen ein erstaunlich homogenes Bild. Da kann der Anblick eines überfüllten Bordbistros eher an alte Aufnahmen von anzugtragenden Herren rund um Adenauer, Brandt und Co. in ihren „Salonwagen“ erinnern als an Olaf Scholz’ Reise nach Kiew 2022. Der damalige Bundeskanzler war mit Mario Draghi und Emmanuel Macron im Sonderzug unterwegs: der Franzose im weißen, schmal geschnittenen Hemd zur dunklen Stoffhose, der Italiener im blauen Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt und weißem Hemd darunter, Scholz in Jeans und dunkelblauem Kurzarmhemd.
Das Hemd „nach deutscher Art“, wie es der „Corriere del Giorno“ nannte, wurde damals heiß diskutiert. Unfreiwillig schien Scholz zu beweisen, dass das deutsche Verhältnis zur Mode ebenso unterentwickelt ist wie jenes der Deutschen Bahn zur Pünktlichkeit. Im Juni dieses Jahres kamen gerade einmal 52,6 Prozent der Fernzüge pünktlich an; ist es besonders warm oder kalt, geht fast nichts mehr auf den Schienen. Reisende aus dem Ausland sind oft darüber erschüttert, was im Bahnverkehr alles möglich und vor allem unmöglich ist.
Wenig hebt die Stimmung so sehr wie ein Kompliment für ein Kleidungsstück
Auf meiner unterbrochenen Fahrt nimmt jetzt eine junge Australierin neben mir auf dem Boden Platz. Aus dem dunklen Zug heraus, dessen Beleuchtung mittlerweile auch aufgegeben hat, beobachten wir, wie Kinder, Kranke und Schwangere von Rettungskräften evakuiert werden. Um die Türen von außen zu öffnen, haben sie Bäume aus dem Weg sägen müssen. Bis wir den Zug verlassen dürfen, dauert es noch. Ob meine Sitznachbarin es rechtzeitig zum Berliner Flughafen schafft, um am frühen Morgen in ihre Heimat zu fliegen, ist ungewiss – und sie verständlicherweise unglücklich.
Weniger unglücklich wirken die Passagiere in Reisegarderobe, die Grund zu Komplimenten gibt. Wenig hellt die Stimmung so sehr auf wie ein Kompliment für ein besonderes Einstecktuch, eine auffällige Tasche oder ein schönes Kleid. Als wir Stunden später im brandenburgischen Karstädt endlich den Zug verlassen dürfen, entdecke ich zwischen den 630 Passagieren (diese Zahl erfahre ich am Tag danach aus der Zeitung) auch meine Hamburger Bahnsteig-Bekanntschaft. „Sie sehen immer noch großartig aus“, sage ich zu ihr, und wieder lächelt sie, diesmal zwar eher amüsiert als dankbar. Aber immerhin: Sie lächelt. Wenn die Mode hierzulande so positiv überraschen kann, schafft die Bahn es ja womöglich auch noch.
Der Großteil der Passagiere der so hoffnungsvoll angetretenen Fahrt verbringt die Nacht übrigens in einer Sporthalle. Einige, glücklicherweise auch meine australische Sitznachbarin und ich, können statt in diesem Notlager in einem Auto Platz nehmen und uns auf den Weg nach Berlin machen. Ihren Flug hat sie noch erreicht. Und als ich nach einer fast zwölfstündigen Reise endlich im Hotel ankomme und eingecheckt habe, bekomme ich tatsächlich noch ein Kompliment: „Schönes Kleid.“
