Dieser Zugvogel hat lange gebraucht. 1943 kam Iwan Heilbuts Roman „Zugvögel“ auf Englisch in New York heraus, jetzt, 83 Jahre später, liegt er auf Deutsch vor, in der Sprache, in der Heilbut das Buch verfasste. Er tippte es in New York, das er mit seiner Frau Charlotte und seinem kleinen Sohn Francis auf der Flucht vor den Nazis im Januar 1941 erreicht hatte.
Zuvor hatte der Autor im Pariser Exil den Westfeldzug der Wehrmacht, die Internierung als feindlicher Ausländer durch die französische Regierung, die Freilassung in letzter Minute und die anschließende Flucht aus Frankreich erlebt. „Wir sind in Lissabon“, schrieb er am 26. September 1940 an Freunde: „In der vorigen Nacht kamen wir an, nach einer langen Reise durch Spanien, nach einem Spaziergang, mit Francis auf dem Arm, über die Pyrenäen.“
Die „Zugvögel“ schrieb Heilbut dicht am Erleben seiner kleinen Familie entlang. „Wie im Falle vieler anderer Schriftsteller deutschen Ursprunges griffen die Zeitereignisse nicht nur in mein Privatleben, sondern auch in die literarische Arbeit ein“, schreibt er dazu. Ende Juni ist der Roman bei Claassen erschienen, was passt, denn der Verlag gehört zu Ullstein, und bei Ullstein kam vor 1933 einer der Romane des erfolgreichen Berliner Journalisten heraus. In der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt stellte Programmleiterin Miryam Schellbach das Buch nun vor. Dort bewahrt das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 Heilbuts Nachlass, zu dem auch die Typoskripte dreier Fassungen der „Zugvögel“ gehören.
Flucht nach Paris, Marseille, Portbou und Lissabon
Herausgegeben hat die 652 Seiten des Romans der Verleger und Lektor Peter Graf. Er hat vor einigen Jahren auch den Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz wiederentdeckt, der bei Klett-Cotta seit 2018 zahlreiche Auflagen erlebt hat. Von Heilbuts Roman hält er viel: „Was man bei ihm unmittelbar fühlt – er ist einfach ein Menschenfreund, der mit viel Liebe auf das Leben und seine Mitmenschen blickt.“

Zur Welt kam Heilbut 1898 in Hamburg als Kind einer alteingesessenen jüdischen Familie. Nach einem Literaturstudium schrieb er von 1923 an für Berliner Tageszeitungen. 1928 veröffentlichte er den Roman „Triumph der Frau“, dem „Kampf um Freiheit“ und „Frühling in Berlin“ folgten. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrierte er über Prag nach Frankreich, dort war er als Kulturkorrespondent der Basler „National-Zeitung“ tätig. 1936 heiratete er in Paris, im Oktober 1939 kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Vergeblich bemühte sich das Paar um die Ausreise in die USA. Dann kam der Krieg nach Frankreich.
Auch diese Zeit des Wartens auf den Konflikt, der Polen schon erfasst hat, kommt vor in den „Zugvögeln“. Ein sehnsüchtiger Parisroman ist das Buch dem frisch in New York angekommenen Autor beim Tippen geworden. Von der Seine handelt er, die Rachel, die Heldin des Romans, kurz vor ihrer Niederkunft noch einmal vom Taxi aus sehen will, aber auch vom Polizisten, der ein paar Tage zuvor für sie den Verkehr angehalten hat, als sie am Théâtre de l’Odéon die Straße zum Jardin du Luxembourg überqueren will. Am Teich im Park setzen sie und ihr Mann Edvard sich auf eine Bank und schauen den Kindern zu. „Hier wird er sein Segelboot schwimmen lassen“, sagt Rachel: „Und wenn die Blumen eingesetzt sind, werde ich sie ihm zeigen.“

Tätigkeiten, denen man als Pariser Bürger oder Tourist im Luxemburg-Garten bis heute nachgehen kann. Aber dem kleinen Kind ist nichts davon vergönnt, denn die Deutschen kommen. Die Ausländer im Wohnhaus an der Rue de Tournon werden von den alteingesessenen Nachbarn mit Misstrauen betrachtet: „Und die Luft ist voll von Verdächtigungen.“ Beamte der Polizeipräfektur gehen in der Concierge-Loge ein und aus.
Weswegen der Roman auch einer über den französischen Polizisten ist, der Edvard wenige Wochen später Auskunft gibt, wie er mit dem Bus zum Internierungslager kommt, in das man ihn als Ausländer eingewiesen hat. Die Taxifahrer am Stand weigern sich, ihn hinzufahren. Der Polizist hilft weiter: „Aber der Ton war Spott und der Blick Verachtung.“ Ein Liebesroman über ein Paar, das sich humorvoll aufzieht, und ein Roman über ein von den Eltern viel geliebtes Kind ist „Zugvögel“ aber ebenfalls. „Dass wir ihn noch bekommen haben“, sagt Rachel. Und wendet sich dem kleinen Sohn zu: „Dich soll es einmal nicht gegeben haben.“

Francis wurde später Pianist. 1996 gab er den Nachlass seines Vaters an das Exilarchiv in Frankfurt, erst vor wenigen Wochen ist eine letzte Lieferung mit Briefen eingetroffen. Mit ihnen zusammen umfasst der Nachlass 131 Archivschachteln. Francis starb 2006, von den drei Überlebenden, die es Ende 1940 aus Europa nach New York schafften, erlebt keiner den Frankfurter Abend, der Heilbuts Rückkehr in den gesicherten Bestand der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts markieren soll. Zeugen werden nur die Besucher im weiträumigen, trotz Sommerferien und warmer Abendsonne bestens gefüllten Vortragssaal der Nationalbibliothek mit seinen knapp 400 Plätzen.
Unter den 52.000 Einheiten, die in den 131 Archivschachteln ruhen, sind die Fassungen der „Zugvögel“, aus der letzten hat Graf den Text der deutschen Erstausgabe erstellt. Aufbewahrt hat Heilbut aber auch viele Dokumente, die den Alltag der Exilanten fassbar machen. Zu ihnen zählt die Rechnung des Grand Hotels Miramar in Portbou, dem kleinen Ort gleich hinter der spanischen Grenze, in dem Walter Benjamin nach der Flucht aus Frankreich Suizid beging, weil er befürchtete, am folgenden Tag von den spanischen Behörden an die Nationalsozialisten ausgeliefert zu werden.
Zwei Limonaden und zwei Abendessen bestellen Iwan Heilbut und seine Frau Charlotte, die die Überquerung der Pyrenäen mit Unterstützung von Fluchthelfern hinter sich gebracht haben und nach Portugal weiterwollen, wo es Schiffe nach Amerika gibt.
Heimkehr ins Nachkriegsdeutschland
Nach dem Ende des Krieges hat Heilbut sein Sprachbild von den Zugvögeln ernst genommen und den Versuch gemacht, nach Deutschland zurückzukehren. Er hielt Vorträge, schrieb für Zeitungen und Rundfunk. 1953 wurde ihm die amerikanische Staatsbürgerschaft entzogen, weil er sich länger als erlaubt im Ausland aufgehalten hatte. Das Misstrauen gegenüber Flüchtlingen war noch nicht zu Ende. Erst 1961 sah er Charlotte und Francis wieder.
Sein Leben blieb unstet. Er lebte in zahlreichen deutschen und Schweizer Städten, 1965 veröffentlichte er in München sein letztes Buch, den Erzählungsband „Höher als Mauern“, in dem er zu den Zeiten und Gestalten der „Zugvögel“ zurückkehrt, sich an Joseph Roth erinnert, den Nachbarn in der Pariser Rue de Tournon, und an Walter Benjamin. 1972 starb Heilbut bei der Durchreise in Bonn. Danach – nichts.
2006 stieß Hans Magnus Enzensberger im Deutschen Literaturarchiv Marbach auf Heilbuts Gedicht „Welt und Wanderer“ und veröffentlichte in der F.A.Z. den Text „Heilbut? Nie gehört!“ Seine Wiederentdeckung blieb ohne Folgen. Die Literaturgeschichte sei vergesslich, schrieb er, und sah für Heilbut eher schwarz: „Wahrscheinlich wird nie wieder jemand seine Schriften drucken.“ Nun ist es anders gekommen, dank des Engagements von Graf, Schellbach und Sylvia Asmus, der Leiterin des Exilarchivs. Sowie der literarischen Meriten eines Romans, dem viele Leser zu wünschen sind. Im Nachlass liegt noch mehr.
