
Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Logistikzentren von Wildberries häufen sich. In der Nacht auf Freitag ging ein Lager des größten russischen Online-Marktplatzes in Wolgograd in Flammen auf. Auch eines in Selenodolsk in Tatarstan wurde angegriffen, schon zum zweiten Mal, indes vermutlich erfolglos. Erst am Donnerstag waren Lager im Gebiet Pensa, im udmurtischen Sarapul und in Perm im Ural attackiert worden, Brände brachen aus.
Seit die Ukraine am 18. Juli die Serie mit Attacken begann, die das Wildberries-Logistikzentrum in Elektrostal nahe Moskau zerstörten und das in Kotowsk 430 Kilometer südöstlich der Hauptstadt beschädigten, sind etliche weitere Lager mindestens so getroffen worden, dass sie die Arbeit einstellen mussten, so im westrussischen Gebiet Woronesch sowie in Krasnodar und Newinnomyssk in Südwestrussland. Auch aus Sankt Petersburg, wo zwei Lager getroffen wurden, stieg der tiefschwarze Rauch auf, der zu einem apokalyptischen Bild dieses Sommers geworden ist.
Die Ukrainer folgen mit ihren Angriffen der Taktik der russischen Aggressoren, die seit Langem die ukrainischen Anbieter Ukrposhta und Nova Post attackieren. Dabei werden immer wieder Zivilisten getötet, wie jetzt auch in Russland. Kiews Streitkräfte begründen das neue, zivile Ziel damit, dass über Wildberries von den Invasoren genutzte Waren wie Schutzwesten, Helme und Glasfaserkabel für Drohnen vertrieben werden.
Doch der Chef des ukrainischen Rüstungsunternehmens Fire Point, Denys Schtilerman, hat weitergehende Ziele angedeutet: Er hebt hervor, es gelte, einen „Zusammenbruch des russischen Bankensystems“ zu verursachen. Wildberries sei einer der größten Schuldner des Landes. Insbesondere für die Staatsbank VTB, die ganz auf Wildberries setze, seien Kredite in Höhe von umgerechnet vielen Milliarden Euro „unwiederbringlich verloren“.
Ein erschüttertes Geschäftsmodell
Tatsächlich erschüttern die Angriffe das Geschäftsmodell von Wildberries zutiefst. Der Konzern handelt mit den Waren Hunderttausender „Seller“, meist kleiner und mittlerer Unternehmer, die den „Marketplace“ (in Russland werden diese Anglizismen gebraucht) für alle Dienstleistungen bezahlen. So dafür, dass die Waren angenommen, aufbewahrt, an ein Netz von im Franchise-System von Kleinunternehmern betriebenen Ausgabepunkten oder direkt an Kunden ausgeliefert und gegebenenfalls zurückgenommen werden.
Zwar können die „Seller“ ihre Waren auch selbst aufbewahren und ausliefern. Doch bisher hat Wildberries diese „Fulfillment by Seller“ genannte Option unattraktiv gemacht und das „Fulfillment by Operator“ begünstigt, also durch sich selbst. Der Konzern errichtete dafür rund 25 große „Fulfillment-Zentren“, auf die es die Ukraine nun besonders abgesehen hat.
Auch andere Online-Marktplätze wie Wildberries’ Hauptwettbewerber Ozon haben enorme Summen in solche Logistik investiert. Bisher beschränken sich die ukrainischen Angriffe unter den E-Commerce-Akteuren aber auf Wildberries, wiewohl Fire-Point-Chef Schtilerman fordert, sie auf Ozon auszuweiten. Die Attacken verwandeln den Effizienzvorteil in einen Nachteil: In den Hallen werden die Waren, von denen viele selbst leicht entflammbar sind, dicht an dicht in Pappe, Plastik oder Holz verpackt, auf Paletten gelagert. Ein Feuer, wie es durch mit Sprengstoff bestückte Drohnen entsteht, kann sich in den gut belüfteten Gängen rasch ausbreiten.
Immer wieder versuchen Fachleute, das Ausmaß der bisherigen Schäden zu schätzen. Mal sollen zehn, dann 14 Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries betroffen sein. Aber die Zahlen veralten sofort, die Angriffe dauern an, die Luftabwehr wirkt lückenhaft. Vermutlich sind die Schäden nicht versichert, das ist für Drohnenattacken nicht üblich. Genauso hält es Wildberries gegenüber seinen „Sellern“: Kurz vor Beginn der Angriffe hat der Konzern in seinen AGB klargestellt, dass man nicht für Schäden durch Drohnen im Sinne einer „höheren Gewalt“ hafte. Wettbewerber wie Ozon zogen nach.
Eine Fusion und viele Schulden
Um welche Summen es geht, zeigt ein Vorfall aus dem Januar 2024. Damals ging das Wildberries-Lager in Schuschary, Sankt Petersburg, in Flammen auf; es wurde instand gesetzt, fing jüngst aber wieder Feuer, nun nach einer Attacke. Seinerzeit zahlte Wildberries „Sellern“ umgerechnet knapp 360 Millionen Euro Entschädigung, viele klagten gegen die aus ihrer Sicht zu geringe Summe, teils mit Erfolg.
Der Vorfall gilt als eine mögliche Erklärung dafür, dass Wildberries im Juli 2024 mit Russ fusionierte, Russlands größtem Anbieter für Außenwerbung. Diesem gehören die Werbetafeln, die dieser Tage in Moskau dazu aufrufen, die Unternehmer, die über Wildberries ihre Produkte verkaufen, „mit einer Bestellung zu unterstützen“. Einer Theorie zufolge half die Führung von Russ Wildberries seinerzeit bei Problemen mit Aufsichtsbehörden und Sicherheitskräften; eine weitere Theorie schrieb der Wildberries-Chefin Tatjana Kim, die seinerzeit noch den Nachnamen ihres damaligen Mannes Wladislaw Bakaltschuk trug, mit dem sie das Unternehmen 2004 gegründet hatte, eine entsprechende Affäre zu.
Bald entstand mit Präsident Wladimir Putins Plazet eine neue Gesellschaft mit beschränkter Haftung namens RWB. 65 Prozent der Anteile daran hält eine GmbH von Tatjana Kim, die restlichen eine andere GmbH, die viele mit den mächtigen Kreml-Funktionären Anton Wajno, Alexej Gromow sowie mit dem Unternehmer, Milliardär und Parlamentsoberhausmitglied Sulejman Kerimow verbinden. Das könnte erklären, dass exilrussischen Medienberichten zufolge fast der gesamte 2025 erzielte Gewinn von RWB als „Dividende“ in Höhe von umgerechnet knapp 570 Millionen Euro an diese Struktur abgeführt wurde, während Kims GmbH nichts bekommen habe.
Für Aufsehen sorgte seinerzeit, dass Wladislaw Bakaltschuk die Fusion bekämpfte, Rückhalt bei dem gefürchteten Tschetschenen-Herrscher Ramsan Kadyrow fand, im September 2024 mit Bewaffneten zum Moskauer Wildberries-Sitz kam, wo zwei Wachleute erschossen wurden. Dafür, dass Bakaltschuk auf freiem Fuß blieb, dankte er Kadyrow, der seinerseits Kerimow „Blutrache“ schwor, ehe sich die beiden Anfang dieses Jahres öffentlich aussöhnten.
Die Ehe der Bakaltschuks wurde geschieden, Tatjana Kim der Ein-Prozent-Anteil ihres Mannes an Wildberries gerichtlich zugesprochen, und RWB setzte voll auf Expansion, kaufte unter anderem die Kosmetikkette Rive Gauche, den Flughafen von Magas in Inguschetien, den Reiseanbieter Fun & Sun, Hotels in der Türkei und Ägypten sowie Anteile an der usbekischen Post. Zudem will der Konzern bis 2030 das mit 398 Metern höchste Gebäude des Moskauer Geschäftsviertels Moscow City bauen.
Auf diese Weise wuchsen die Schulden. Ende 2025 hätten die Verbindlichkeiten von RWB bei umgerechnet mehr 14 Milliarden Euro gelegen, berichtet das exilrussische Portal The Bell, davon mehr als 5,4 Milliarden Euro allein bei der VTB. Diese zweitgrößte Staatsbank ist seit Kurzem auch Teilhaber an Wildberries, die größte Staatsbank Sber dagegen beim Wettbewerber Ozon. So soll offenbar eine von Putin geforderte „gerechte Lösung“ in einem Streit zwischen Online-Marktplätzen und Banken aussehen, der dadurch entstand, dass Wildberries und Ozon eigene Banken gründeten und Kunden, die mit deren Karten bezahlten, günstigere Preise gewährten.
Hilferufe an die Machthaber
Anfang Juni traten Tatjana Kim und VTB-Chef Andrej Kostin bei Putins Internationalem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg dann demonstrativ Hand in Hand auf. Putin selbst pries in seiner Rede dort russische E-Commerce-Plattformen als „Entwicklungstreiber“ auch in Partnerländern. Schon Kerimow soll dem Herrscher die Fusion 2024 damit schmackhaft gemacht haben, dass RWB ein globaler Akteur nach dem Muster von Amazon, Alphabet und Alibaba sei und man zudem ein Bezahlsystem schaffen werde, mithilfe dessen man weltweit mit Rubel bezahlen und den internationalen Zahlungsdienstleister Swift umgehen könne, von dem die meisten russischen Banken mittlerweile ausgeschlossen worden sind. Stattdessen dürfte der Hoffnungsträger Wildberries nun zu einem weiteren Kostgänger des durch den Angriffskrieg ohnehin gebeutelten russischen Budgets werden.
Politisch aber dürfte der Boden für die Unterstützung, die infolge der ukrainischen Angriffe nötig wird, durch die Staatsbanken und letztlich die Zentralbank bereitet sein: Die Regierung prüfe Wege, Wildberries und die mit dem Konzern verbundenen Unternehmer zu unterstützen, meldete die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Putins Sprecher bestätigte einen „Dialog“, es gebe aber „noch keine konkreten Entscheidungen“.
Auch aus den Reihen der „Seller“ kommen Hilferufe. Anfang der Woche appellierte die Kosmetikunternehmerin Marina Gorschkowa an „die Führung unseres Landes, unsere Beamten“, sich der „sehr kritischen“ Lage anzunehmen. Ein Großteil der Wildberries-Verkäufer habe durch die Brände in den Lagern Verluste erlitten, und wenn ihre Unternehmen schließen müssten, verliere der Fiskus viele Steuereinnahmen, sagte Gorschkowa auf Instagram; die Plattform wird in Russland seit 2022 blockiert und so als Direktvertriebsweg für viele Kleinunternehmer entwertet (was Wildberries zugutekam), aber weiter von vielen über VPN-Umweg benutzt.
Kim hatte nach den ersten Attacken angekündigt, die „Seller“ freiwillig, ohne Anerkennung einer Rechtspflicht, zu entschädigen. Ein „Verkaufssimulator“ soll die Summe ausrechnen, die durch eine Veräußerung der Waren erzielt worden wäre. Bald kamen Gutschriften, aber viele Partner von Wildberries waren enttäuscht; manchen wurden bis zu zehn Prozent des Verkaufspreises der Ware gutgeschrieben, vielen weniger. Putins Sprecher pries dennoch die „beispiellose“ Hilfe durch Wildberries, das dazu „de jure“ nicht verpflichtet sei.
Die Unternehmerin Gorschkowa, die klagte, allein in drei Wildberries-Lagern seien mehr als 50 Prozent aller ihrer Waren vernichtet worden, hofft nicht auf die Entschädigung. Sondern auf den Staat, der „Seller“ wie sie –„und sei es für ein Jahr“ – von Steuern befreien und die Banken ersuchen solle, Darlehen zu stunden, „damit man sich in Ruhe wieder aufrichten und seine Kredite normal abbezahlen kann“.
Geschäftspartner in Not
Schätzungen zufolge hangeln sich etwa 60 Prozent der „Seller“ von Kredit zu Kredit, trotz hoher Zinsen; der Leitzins liegt seit Mitte Juni bei 14,25 Prozent. Sie erhielten ihr Geld von Wildberries schon vor den Attacken erst rund einen Monat nach Verkauf ihrer Waren. Der Impuls vieler Unternehmer ist nun, ihre Waren aus den Wildberries-Lagern, die noch nicht zu Zielen geworden sind, zurückzuholen. Früher sei die Rücknahme für eine Gebühr von umgerechnet zwei Euro je Wareneinheit möglich gewesen, jetzt verweigere Wildberries die Herausgabe, klagte Gorschkowa. So geht es vielen.
Offenkundig besteht eine Sorge Kims darin, dass Wildberries die Produkte ausgehen. Zugleich zwingen die Angriffe den „Marketplace“ dazu, seine „Logistik rasch umzubauen“, wie Kim ankündigte: Man beziehe „Tausende Sortierzentren im ganzen Land“ ein, leite Warenströme um. Das bedeutet einen Bruch mit dem alten Geschäftsmodell, längere Lieferzeiten, höhere Preise. Für die Russen also auch: noch mehr Inflation.
