
Vor 100.000 Jahren hat das Schaf den Menschen domestiziert. Seitdem lebt es an seiner Seite ganz angenehm. Bis es Zeit ist, zum „Obermoser“ zu gehen und sich zu „entfalten“. Und das wollen schließlich alle Schafe in der zotteligen ZDF-Serie „Sheep“: sich eben „mal so richtig entfalten“.
Da geht es den Schafen natürlich wie ihren zweibeinigen Versorgern. Hier und da könnte ein klein bisschen Entfaltung nicht schaden; statt immer nur Schmiersuff und dreimal „Markus Lanz“ die Woche. Letzterer hat hier sogar seine eigene Unterhosenkollektion.
Doch zur Entfaltung beim Obermoser darf nur, wer qua blauer Markierung auserwählt ist. Schaf Oliver (Stimme: Merlin Sandmeyer) ist es nicht – und „ob das jetzt gut ist oder schlecht“, das kann auch Olivers schwer esoterisch angehauchter Mitbewohner Manfred (Roland Düringer) „nicht deuten“.
Erfreulicherweise mehr als Problematisierungsfernsehen
Dass die bevorstehende Entfaltung beim Obermoser ausgeprochen körperlicher Natur ist, macht die zweite Folge „Luftpumpe“ nüchtern, unblutig, aber doch unverstellt klar. Milchzähne kauen Teddybärenwurst – und über Form, Inhalt und die Bedeutung von Teddybärenwurst denkt man dann auch unfreiwillig etwas länger nach.
Doch „Sheep“ ist erfreulicherweise mehr als Problematisierungsfernsehen für oder gegen zweibeinige Fleischfresser. Allein bildlich gelingt der Serie ein perfider Spagat zwischen appetitlich und Anstoß erregend.
Die Kommune der Schafe indes braucht ein bisschen – „Oliver, kann es sein, dass du einfach nur Angst vor Veränderung hast?“ –, bis sie ihren echten Erlöser als solchen anerkennt. Ein handliches Bolzenschussgerät spielt eine wesentliche Rolle dabei. Und die Erkenntnis: „Die essen uns.“
Dabei haben die, die hier schlachten und essen, ihre ganz eigenen Probleme. Verständlich sprechen können in „Sheep“ zwar nur die Tiere, die Kamera von Patrick Wally aber spürt auch dem tristen Alltag des Bauern (Markus Schramm) nach, der selbst stets nur in Einzelteile zerlegt zu sehen ist und so gern einmal wieder ganz wäre: nämlich bei einem Glas Rotwein mit seiner Frau (Angelika Strahser). Die ist allerdings mit der Bildschirmversion von Markus Lanz zusammen. Und das Söhnchen (Leander Rosskopf) spielt lieber Landwirtschaftssimulator als Karten mit dem Papa.
Bemerkenswert an „Sheep“ ist eine anarchische Zurückgelehntheit, die vieles manchmal ein Stück zu sehr laufen lässt, dem Zuschauer aber einen guten Teil der Deutungshoheit lässt. Details der Requisite – die Ausstattung der Schafskommune, Manfreds kleiner Sonnenaltar oder das Meerwassernasenspray auf dem Nachttisch des Bauern – tragen die Geschichte mit und sind viel mehr als optische Accessoires.
„Drogen, freie Liebe, Maoismus“
Zum Lokalkolorit trägt nicht nur der kurze Auftritt der Freiwilligen Feuerwehr Stössing bei, sondern auch der österreichische Dialekt, den hier fast alle außer Oliver sprechen. Am schönsten tut dies allerdings der während der Corona-Pandemie gern etwas kontrovers agierende Schauspieler Roland Düringer, wenn zum Beispiel Schaf Manfred darum bittet, dass „ois Negative in mir zu Licht werde“. Auch Manfred hat viel hinter sich: „Drogen, freie Liebe, Maoismus“. Es war halt eine „wuide Zeit“.
Das Schönste an Experimenten wie der Serie „Sheep“ sind die abstrusen Wendungen, die Überraschungsmomente. So trifft Oliver nach einem hübschen kleinen „Blair Witch Project“-Exkurs im Wald auf das wild lebende Schaf Joleene (Jella Haase) – „Manchmal nehme ich Pilze im Wald und schmier die Wände an“ –, die mit ihm gern nach Sardinien zu ihren „Ahnen“, den Mufflons, auswandern würde. Zu allen Volten liefert Paul Plut einen erfrischenden Soundtrack, der die Misere aller ungeouteten Spießer dieser Welt raffiniert in Musik kleidet.
Was aber bleibt den Schafen nun? Ein anderes Leben ist möglich. Oder? Also Widerstand! Auch hier, ganz menschlich-alltägliche Probleme: „Wir wissen nicht, wie man einen Fernzünder baut.“
Frei von Klamauk und Klischee ist „Sheep“ nicht, doch liefert die Serie eine Fülle von Metatext, also übergeordneten Bedeutungsangeboten und Bezügen, sodass, wer kurz hinter die Kulissen blickt, sie fast schon als zu doppelbödig-vertrackt empfinden kann. „Sheep“ zu schauen, heißt, hinter den Kulissen der blökenden Sehnsucht nach einem wilden und freien Leben zu suchen. Selig sind die Schafe.
