Herr Krienke, die Arbeitslosenquote in Frankfurt liegt spürbar über dem hessischen Landesdurchschnitt. Woran liegt das?
Frankfurt ist damit kein Sonderfall – das sehen wir in allen großen Städten, ob Stuttgart, München oder Hamburg. Der entscheidende Unterschied zum ländlichen Raum ist zunächst demographischer Natur: Auf dem Land gehen die Erwerbspersonen schlicht aus. Junge Menschen zieht es in die Städte, weil sie dort Hochschulen und gute Chancen vorfinden. Gleichzeitig wächst Frankfurt weiter: Wir haben aktuell knapp 800.000 Einwohner – die Zahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren nochmals signifikant gesteigert. Das führt zu einem scheinbaren Widerspruch: Wir verzeichnen mit rund 650.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein Allzeithoch – und haben Monat für Monat ein weiteres Rekordniveau. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit.
Wie erklärt sich dieser Widerspruch?
Es kommen viele Menschen nach Frankfurt – gut ausgebildete, aber auch einfach Menschen, die Chancen suchen. Ein Teil findet schnell eine Stelle, dadurch wächst die Beschäftigung. Ein anderer Teil braucht länger, die Prozesse dazwischen dauern. Damit wächst Arbeitslosigkeit. Wir haben in Frankfurt kein Beschäftigungs-, wir haben ein Passungsproblem. Und genau das ist unsere Aufgabe: dieses Passungsproblem durch gute Begleitung, durch Orientierung und Beratung auszugleichen.
Was braucht es konkret, um diese Passung herzustellen?
Ich würde zwei Hebel unterscheiden. Der erste und wirksamste, den wir in der Hand haben, ist Ausbildung. Der zweite Hebel ist Qualifizierung – also Menschen, die bereits hier sind, Arbeitssuchende wie Beschäftigte gleichermaßen, fit zu machen für die Anforderungen, die der Arbeitsmarkt zukünftig stellt. Doch es gibt Grenzen für die Ausbildung und Qualifizierung. Das sehen wir in der Pflege, in der Erziehung, aber auch in technischen Berufen, für die man nicht jeden qualifizieren kann. Da bleibt dann nur die internationale Anwerbung von Fachkräften.

Warum gelingt es nicht, mehr Arbeitslose in Mangelberufe zu qualifizieren und vermitteln?
Beim aktuellen Strukturwandel verändern sich Anforderungen schneller als in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Und nicht für jeden ist eine Tätigkeit beispielsweise in der Pflege der richtige Weg. Aber es gibt weit mehr als Pflege und Kita: Wir sehen robuste Bedarfe im Handwerk, in der Logistik, in der IT – Frankfurt hat da nach wie vor viel Bedarf –, und in technischen Berufen generell.
Sind die Arbeitgeber bei der Auswahl zu wählerisch?
Ich nehme schon wahr, dass Unternehmen selektiver entscheiden – und ich würde mir wünschen, dass man Arbeitnehmern die Möglichkeit bietet, sich in eine Tätigkeit hineinzuentwickeln, auch wenn es auf den ersten Blick nicht hundertprozentig passt. Wir als Arbeitsagentur können da mit vielen Instrumenten unterstützen: Praktika, Einstiegsqualifizierungen, Qualifizierungen im Betrieb, das Qualifizierungsgeld. Ich bin viel im Gespräch mit Unternehmen und Verbänden – und bin immer wieder überrascht, wie wenig das bekannt ist. Meine Kolleginnen und Kollegen sind intensiv in der Arbeitgeberberatung unterwegs, aber die Instrumente könnten noch viel stärker genutzt werden.
Spielt KI beim Auswahlprozess inzwischen eine problematische Rolle?
Das lässt sich wissenschaftlich nicht abschließend beurteilen, aber ich beobachte: Vorgeschaltete Bewerberportale – ob KI-gestützt oder nicht – selektieren bereits dann, wenn jemand keinen geradlinigen Lebenslauf hat oder die gesuchten Qualifikationen nicht exakt benennen kann. Da wird schon im Vorfeld aussortiert, was im Ergebnis dazu führt, dass man das Bewerberpotential beschneidet. Auf der anderen Seite setzen manche Unternehmen IT-Lösungen durchaus sinnvoll ein – etwa indem Bewerber am Tag eines Vorstellungstermins automatisch per Whatsapp erinnert werden, um die gestiegene No-Show-Rate aufzufangen. Es gibt also beide Trends. Bei Großunternehmen mit reinen Portallösungen sehe ich aber die Gefahr, dass viele durchs Raster fallen, aus denen man eigentlich gut etwas machen könnte.
„Wer erfahrene Kräfte freisetzt, bestellt sich selbst die Fachkräftelücke“
Ältere Beschäftigte werden teils mit attraktiven Angeboten vorzeitig aus dem Berufsleben verabschiedet. Ist das ein Fehler?
Ich sage klar: Wer erfahrene Kräfte mit Qualifikation freisetzt, bestellt sich selbst die Fachkräftelücke. Und es passt überhaupt nicht zusammen mit der gesellschaftlichen Debatte über verlängerte Lebensarbeitszeiten und einen späteren Rentenbeginn. Wir brauchen ältere Arbeitnehmer gleich dreifach: um den demographischen Wandel zu bewältigen, um den Fachkräftebedarf zu decken, wenn die Konjunktur wieder anzieht – und zur Finanzierung der Sozialversicherung.
Dafür braucht man auch Nachwuchskräfte, doch die gemeldeten Ausbildungsstellen sind signifikant zurückgegangen …
Das bereitet mir große Sorge. Der Trend ist alarmierend: Wir haben über alle Branchen hinweg deutlich weniger gemeldete Ausbildungsstellen als noch im Vorjahr. Die Unternehmen agieren in der aktuellen konjunkturellen Lage sehr vorsichtig – aber wer heute nicht ausbildet, dem fehlen die Fachkräfte morgen. Gleichzeitig gibt es ermutigende Zeichen: Die Handwerkskammer verzeichnet dieses Jahr wieder mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr. Und bei unserer Messe „Take-Off“ für junge Menschen haben sich bei 35 Grad mehr als 500 Jugendliche für die duale Ausbildung interessiert. Das duale Ausbildungssystem und das Handwerk rücken wieder stärker in den Fokus.
Auch weil KI diese Berufe schwerer ersetzen kann?
Das ist richtig. Wir sehen aktuell sogar einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Akademikern. Einstiegsjobs, etwa in Unternehmensberatungen oder Anwaltskanzleien, sind spürbar schwieriger zu finden. Die duale Ausbildung bietet demgegenüber echte Perspektiven – man kann den Meister machen, sich selbständig machen. Und das sage ich mit einem leichten Augenzwinkern auch in Richtung akademisierter Elternhäuser: Eltern sind nach wie vor die wichtigsten Einflussfaktoren bei der Berufswahl.
Sind es nur die Akademiker-Eltern?
Nicht nur. Viele Kulturkreise kennen das duale Ausbildungssystem nicht. Deshalb haben wir gemeinsam mit Handwerkskammer, IHK, Jobcenter und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten ein Netzwerk aufgebaut, um mehrsprachige Elternarbeit zu etablieren – dort, wo die Familien wirklich sind: am Wochenende auf dem Fußballplatz oder auch im Einkaufszentrum. Dazu kommt ein weiteres Problem: Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund verdienen über Minijobs früh ganz gut, bleiben aber ohne formale Ausbildung. Das rächt sich mittel- und langfristig. Die Zahlen sind eindeutig: Zwei Drittel der Arbeitslosen in Frankfurt haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ausbildung ist und bleibt die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.
Was raten Sie jungen Menschen?
Zunächst: Etwas lernen, das den eigenen Stärken und Interessen entspricht. Wer Freude an seinem Beruf hat, entwickelt sich auch weiter. Aber entscheidend ist, einen anerkannten Ausbildungsberuf zu wählen, in den man hineinwachsen kann. Denn was man mit 18 oder 20 lernt, übt man mit 45 nicht mehr identisch aus – die Tätigkeiten verändern sich rasanter als noch vor 20 oder 30 Jahren. Es geht also darum, einen Beruf mit echtem Interesse zu wählen. Also nicht: Ich mache eine kaufmännische Lehre, weil man damit alles machen kann – sondern: Was entspricht meinen Stärken, und wo kann ich mich wirklich entfalten?
