
Wer nach Griesheim kommt, kann sich die Finger verbrennen. So wie Kolja Müller, als er an das in der Sonne glänzende Edelstahlgeländer fasst, das zur Fußgängerunterführung hinunterführt. „Wenn man ein Ei dabei hätte, könnte man’s drauf braten“, sagt der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Römer. Einige der etwa 30 Bürger, die an diesem Nachmittag an einem der heißesten Tage des Jahres an die Nordseite des Bahnhofs gekommen sind, haben ihn zu dieser Form der Selbsterfahrung aufgefordert. Die Menschen in Griesheim setzen auf die Praxis. Denn die sei manchmal nicht so, wie andere sich das am Schreibtisch ausdenken, sagen sie.
Auf ihrer Sommertour macht die SPD-Fraktion in dem Stadtteil im Frankfurter Westen Station, und die Griesheimer nutzen die Gelegenheit, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie fühlen sich vom Verkehr abgehängt, und im Juli kam alles zusammen: Weil der Bahnhof saniert wird und derzeit der Mittelbahnsteig gesperrt ist, halten die stadtauswärts fahrenden S-Bahn-Linien S 1 und S 2 nicht in Griesheim. Fahrgäste müssen bis Nied weiterfahren und einen Zug in die Gegenrichtung nehmen.
Bürger weisen Busfahrern den Weg
Wegen Bauarbeiten ist die Mainzer Landstraße gesperrt, und vier Wochen lang waren deshalb auch die Straßenbahnen keine Alternative. Die Buslinie 89, die von der Straßenbahnhaltestelle in den Süden Griesheims fährt, muss wegen Leitungsarbeiten der Mainova im alten Ortskern einen Umweg fahren, wodurch erst einmal an der Umleitungsstrecke zahlreiche Parkplätze wegfielen und die Busse trotzdem stecken blieben. Nach langem Drängen, auch des Ortsbeirats, fahren sie nun eine andere Route. Wo diese entlangführt, wüssten die Fahrer aber oft nicht, so die Klage. Dabei belassen es die Griesheimer nicht: Die Aktionsgemeinschaft Griesheimer Bahnhof hat dieser Tage den Fahrern Wasserflaschen und Hinweise für den richtigen Weg mitgegeben.
Die nächste Herausforderung steht im Oktober an. Dann wird bis Mitte Februar Gleis 1 gesperrt, und die Verhältnisse am Bahnhof kehren sich um. Die stadteinwärts fahrenden S-Bahnen halten nicht. Wer den nur eine Station entfernten Hauptbahnhof erreichen will, muss erst in die Gegenrichtung nach Nied fahren. „Hat jemand an die Schüler gedacht, die um 8 Uhr in der Schule sein müssen?“, fragt eine Frau. „Busse sind kein Ersatz angesichts der vielen Menschen, die in eine S-Bahn passen.“ Eine Pendlerin ist schon jetzt auf das Auto umgestiegen, weil sie damit nur 15 Minuten bis zum Arbeitsplatz unterwegs sei. Mit der Bahn benötige sie derzeit mehr als eine Stunde.
„Wir sind dran“, sagt die stellvertretende Ortsvorsteherin Birgit Puttendörfer (SPD) und verweist auf Bemühungen, die Deutsche Bahn bis zum Oktober umzustimmen. „Warum können die Züge nicht an Gleis 2 und 3 halten?“, fragt sie. Die Lage ist aber auch vertrackt. Jahrzehntelang hat auch die Vereinsringvorsitzende Ursula Schmidt mit dem Aktionsbündnis für die Sanierung des Griesheimer Bahnhofs gekämpft. Als die endlich begann, musste im September 2023 kurzfristig die über die Gleise führende Omegabrücke aus Sicherheitsgründen abgerissen werden. Jetzt gibt es eine Behelfsbrücke für Radfahrer; die zwischendurch umgebaute und deshalb gesperrte Fußgängerunterführung kann wieder genutzt werden.
Schmidt hofft, dass ein Ersatz für die Omegabrücke nach dem Vorbild der Zeller Brücke der B 45 im Odenwald in Rekordzeit gebaut werden kann, indem man auf ein Planfeststellungsverfahren verzichtet. Das werde in Wiesbaden und Bonn entschieden. Zuvor muss aber noch klar sein, ob künftig eine Brücke oder ein Tunnel in Griesheim die Querung der Gleise ermöglichen soll. „Es passiert zu viel auf einmal, ohne die Menschen mitzunehmen“, fasst Puttendörfer die Herausforderungen rund um den Verkehr zusammen.
Außer den offiziellen Widrigkeiten gibt es auch andere. Die neuen Aufzüge an den Bahnsteigen stehen immer wieder, weil sie mutwillig zerstört werden. „Da wird sogar die Steuerung herausgerissen“, sagt die stellvertretende Ortsvorsteherin, die diesmal die Bahn in Schutz nimmt. „Das sind die modernsten Modelle, die eigentlich widerstandsfähig sein sollen. Das hat sich die Bahn etwas kosten lassen.“ Kameras oder ein Wachdienst rund um die Uhr lauten die Vorschläge der Bürger. Ob es frustrierte Jugendliche seien, die so etwas machten? „Ich bin auch frustriert und mache trotzdem nichts kaputt“, sagt ein älterer Mann mit Kappe.
