Schon kurz nach sechs Uhr morgens hängt ein fahler Dunst in der Luft, doch von Frische keine Spur – die Luft steht förmlich. Während das Rhein-Main-Gebiet in diesen Tagen in einer neuen Hitzewelle steckt und das Thermometer unaufhaltsam auf 30 bis 40 Grad klettern wird, sind Dachdecker der Nolte Bedachungen GmbH & Co. KG auf einer Baustelle im Frankfurter Stadtteil Praunheim bereits im Einsatz. In diesen Sommerwochen gehört die frühe Morgenstunde zu den wenigen Gnadenfristen, bevor das Dach der Sonne unerbittlich ausgesetzt ist.
Während viele Menschen ihren Arbeitstag in klimatisierten Büros verbringen, erleben die Handwerker einen Berufsalltag, in dem sie sich der Sommerhitze nicht entziehen können. Nicht nur auf den Dächern, auch auf den Gemüsefeldern und selbst an vermeintlich geschützten Orten wie Friseursalons müssen die Menschen neue Wege finden, um ihre Berufe bei extremen Temperaturen ausüben zu können.
Spinat und die Kräuter für die Grüne Soße schaffen es nicht
So wie Horst Krämer, 76 Jahre alt. Er führt in Familientradition den „Gemüsebau und Hofladen Horst Krämer“. Je nach Saison beschäftigt er bis zu 15 Mitarbeiter – eine Mischung aus Festangestellten und Erntehelfern. Auf den Feldern gedeihen Kräuter, Salate und die essenziellen Zutaten für die Frankfurter Grüne Soße, ergänzt durch essbare Blüten und Wildkräuter für die gehobene Gastronomie. Der Großteil der Ernte verlässt den Betrieb nicht über den heimischen Hofladen, sondern wird an Restaurants und Großabnehmer in ganz Deutschland und Österreich geliefert.

Dass die Hitze Krämers Betrieb fest im Griff hat, zeigt sich im Tagesablauf: Man müsse so früh wie möglich anfangen, sagt er. „Am besten, wenn es noch kühl ist.“ Nur sei das zuletzt kaum mehr möglich gewesen, weil auch die Nächte kaum abkühlten. Inzwischen beginnt sein Arbeitstag um fünf Uhr früh und zieht sich bis zur Mittagszeit, bevor am späten Nachmittag eine zweite Schicht folgt. Die Stunden dazwischen dienen einer ausgedehnten Mittagspause. „Wir versuchen das quasi wie in Spanien oder Italien“, beschreibt Krämer, dies sei ein Arbeitsmodell, zu dem sich immer mehr Landwirte gezwungen sähen. Steigt das Thermometer auf 40 Grad, werde auf den Feldern die Notbremse gezogen: Ab dieser Grenze ruht die körperliche Feldarbeit, es wird nur noch bewässert.
Die Hitze trifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Ernte selbst. Für die Grüne Soße fehlten in diesem Jahr wichtige Kräuter fast komplett, Spinat sei „so gut wie gar nicht“ verfügbar, so Krämer. Auch das Wachstum von Salaten wie Lollo rosso leide unter hohen Temperaturen. Zur Belastung durch die Hitze kommt an Krämers Standort im Süden des Rhein-Main-Gebiets ein zweites Problem hinzu: Wasserknappheit. Ein 60 Meter tiefer Brunnen liefere nur eine begrenzte Menge, weshalb manche Flächen in diesem Jahr gar nicht erst bepflanzt worden seien.
Auch mit 76 Jahren steht Krämer noch selbst auf dem Feld. Bei den Rekordtemperaturen Ende Juni, als die Werte kurzzeitig auf über 40 Grad kletterten, habe ihn die Hitze „auch mal ein bisschen erwischt“, erzählt er. Nach einem Tag am Traktor bei Werten um die 38 Grad habe er die Erschöpfung noch zwei Tage später gespürt. Trotzdem kommt er nach eigener Aussage insgesamt „ganz gut“ mit der Hitze zurecht – wäre da nicht der fehlende Schlaf, den die schwülen Nächte ihm zusätzlich raubten.
Ziegel, die man nicht mehr anfassen kann
Auch das Unternehmen Nolte Bedachungen hat seine Arbeitszeiten dem Sommer angepasst. Der Tag beginnt um sechs Uhr, geht offiziell bis 16 Uhr, in der Praxis oft aber nur bis zur Mittagszeit – je nachdem, wie heiß es wird. Wird es zu warm, dürfen die Mitarbeiter „selbst entscheiden, wann für sie Feierabend ist“, erklärt Geschäftsführer Jens Schirmer-Arendt. Vereinzelt kann die Arbeit an extrem heißen Tagen im Notfall sogar noch früher enden. „So viel Menschlichkeit muss man dann doch haben“, sagt er.

Die frisch verlegten schwarzen Dachziegel liegen den ganzen Tag in der Sonne und speichern die Wärme so stark, dass man sich irgendwann „nicht mehr drauf bewegen“ kann, wie Schirmer-Arendt es beschreibt. Kühlt das Dach nachts nicht mehr ausreichend ab, was Ende Juni der Fall war, beginnt der nächste Arbeitstag bereits mit aufgeheiztem Material. Verbrennungen kämen zwar selten vor, doch die Belastung zeige sich anders: An den Handballen und Knien bilde sich mit der Zeit eine dickere Hornhaut.
Um die Belastung erträglich zu halten, hat die Firma aufgerüstet: Wasser wird kostenlos gestellt, dazu gibt es Sonnenbrillen, Mützen, Sonnencreme und Kühlwesten. Regelmäßig gönnen sich die Mitarbeiter eine Pause im Schatten, um „kurz auszukühlen“, sagt Schirmer-Arendt. Die derzeitige Hitzewelle mit abermals fast 40 Grad verändert auch die Planung: An solchen Tagen kalkuliert die Firma weniger Arbeitsleistung ein und verschiebt größere Aufgaben – etwa den Einbau von Fenstern, der viel Konzentration erfordert – auf kühlere Zeiten.
Von der körperlichen Seite der Arbeit erzählt Nathan Birklein, einer der jungen Mitarbeiter, der an diesem Vormittag eine Dachgaube neu verkleidet. Auf die Konstruktion kommen mehrere Schichten Dämmung, darunter eine feuerfeste Unterlegbahn, die mit einem Brenner verschweißt wird. „Das ist extrem heiß“, sagt Birklein. Überraschend kühl ist es dagegen im bereits gedämmten Dachgeschoss: 27 Zentimeter Dämmmaterial hielten die Hitze inzwischen erfolgreich draußen, berichtet er – noch vor zwei Wochen, ohne die Dämmschicht, sei es dort „brütend heiß“ gewesen.
Drei Berufe, eine Herausforderung
Ganz anders, aber nicht weniger von der Hitze geprägt, zeigt sich die Situation im Gents Room Barbershop in Darmstadt. Der Herrensalon, den Ayaz Cakmak seit mehr als zehn Jahren führt, beschäftigt fünf Mitarbeiter. Im Laden läuft Hip-Hop und R&B, an den Spiegeltischen stapeln sich Pomade und Haarspray, und auf der Couch warten die Kunden, oft ins Gespräch vertieft – über Motorräder, Politik, den anstehenden Urlaub oder eben, in diesen Tagen besonders häufig, über die Temperaturen draußen.

Seit vier Jahren verfügt der Laden über eine Klimaanlage – für Cakmak ist das Gerät heute nicht mehr wegzudenken. Vorher, erzählt er, mussten sich die Mitarbeiter nach jedem Kunden Arme und Gesicht waschen, weil ohne Kühlung „alles geklebt“ habe. Heute sorgt die Anlage für ein angenehmes Raumklima, obwohl das Gebäude selbst weder gedämmt noch mit isolierten Fenstern ausgestattet ist. Rund 200 Euro Mehrkosten pro Monat verursache der Strom für die Kühlung, sagt Cakmak. Für seinen Betrieb sei das verkraftbar.
Weil viele Kunden bei sommerlichen Temperaturen bei ihrer Ankunft im Salon noch schwitzten, etwa weil sie mit dem Fahrrad gekommen sind, liegen im Salon spezielle Puderquasten bereit, mit denen die Haut vor dem Schnitt sanft getrocknet werden kann. Wer sehr früh zum Termin erscheint und noch etwas abkühlen muss, bekommt zudem oft vorab die Haare gewaschen. Erstaunlicherweise verlangen manche Kunden trotz der Hitze draußen weiterhin ausdrücklich warmes Wasser für die Haarwäsche – ein Wunsch, den Cakmak natürlich erfüllt.
