„Herr Doktor, können Sie mir bitte das Rezept unterschreiben?“, sagte meine Mitarbeiterin. Ich schaute mir das Rezept genauer an. Den Patienten kenne ich gut, jedoch war mir das Medikament völlig unbekannt. Ich hatte gleich ein etwas komisches Gefühl. Der Patient war zur Behandlung in der Uniklinik gewesen, hatte dort dieses Medikament verschrieben bekommen, und nun sollen wir es ihm weiter verordnen.
Ich sagte meiner Mitarbeiterin, der Patient müsse sich noch einen Moment gedulden, und recherchierte . Was ich schnell herausfand: Das Medikament kostet pro Monat 10.006,27 Euro. Es soll verhindern, dass sich falsche Eiweiße im Herzen ablagern und es zu einer zunehmenden Herzschwäche bei den Patienten kommt.
Wenn man sich dafür entscheidet, das Medikament zu nehmen, dann muss es auch bis zum Lebensende eingenommen werden. Und sicherlich sind Sie in Mathe mindestens genauso gut wie ich. Pro Jahr kostete diese Therapie für den Patienten dann also rund 120.000 Euro. Oft betreffen solche Medikamente alte Patienten. Mein Patient in diesem Fall ist 90 Jahre alt.
Wir brauchen als Gesellschaft eine Meinung dazu
Anderer Fall, auch aus diesen Tagen. Es geht ebenfalls um eine Patientin, die in einer Uniklinik behandelt wurde. Ihre Diagnose: tertiäre Syphilis. Das bedeutet, es handelt sich nicht um eine akute Erkrankung, sondern um ein Spätstadium der Erkrankung, das durchaus erst zehn Jahre nach der Ansteckung auftreten kann und deshalb oft erst einmal nicht erkannt wird. Die Behandlung ist aber relativ einfach, normalerweise reicht eine Antibiotikatherapie für einen Heilungserfolg.
Jedoch waren die Kollegen in der Klinik sich unsicher, ob die Symptome bei meiner Patientin wirklich daher kamen. Sie fanden bei ihr auch vergrößerte Lymphknoten, die sie histologisch untersuchen wollten und für die sie einen kleinen Eingriff planten. Die Patientin ist in einem befriedigenden Allgemeinzustand und 100 Jahre alt. Hier geht es nicht um hohe Kosten, sondern eher um eine Überdiagnostik. Sie war in so vielen Kliniken und hatte so viele Untersuchungen – auch das sind alles Kosten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Letzte Woche habe ich außerdem mit einem Kollegen telefoniert. Er hat mir erzählt, dass er eine Familie in Behandlung hat, deren Kind an einer sehr seltenen Nervenerkrankung leidet. Die Familie lebt noch nicht lange in Deutschland, hier aber konnte man die Diagnose stellen. Mit einer Gentherapie könnte man dem Kleinkind sehr gut helfen, es vielleicht sogar heilen. Die Kosten dafür: über 1,5 Millionen Euro. Es gab Weigerungen, diese Kosten zu übernehmen, dann hat ein Gericht entschieden: Die Krankenkasse muss die Behandlung bezahlen.
Warum erzähle ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, diese Geschichten? Natürlich habe ich zu jedem dieser Fälle auch eine persönliche Meinung. Ich würde aber zehn Kolumnen brauchen, um sie ausreichend darzulegen. Aber Doch geht es dabei gar nicht nur um meine Meinung. Wir als Gesellschaft benötigen dazu eine Haltung. Und auch Sie müssen Ihre Meinung einbringen.
Die Medizin wird immer weiter fortschreiten, insbesondere im Bereich möglicher und teurer Therapien – auch von Erkrankungen, die bis heute unheilbar waren. Wir werden uns dieser Diskussion stellen müssen, denn es kann nicht sein, dass manche die Therapien bekommen und andere nicht.
Republik heißt übersetzt „gemeinsame Sache“. Also stellen wir uns der Diskussion – und zwar jetzt.
Ich wünsche Ihnen eine gute und gesunde Woche – Ihr Landarzt
Dr. Thomas Aßmann, 63 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land und berichtet hier regelmäßig über seine Arbeit und das, was seine Patienten beschäftigt.
