
Dort war am Samstagabend bekanntlich der Islamist Abdul Ballout im Tiergarten in die Menschenmenge gefahren, hatte mit einer Machete um sich gestochen und eine Frau tödlich sowie weitere 28 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Was sollte der Minister auf die Frage sagen? „Es gibt keine Muster, die man bisher erzählen könnte, oder Muster, die identifiziert wurden, die man darlegen könnte“, sagte Dobrindt. Er habe Verständnis dafür, dass es „ein Gefühl gibt, das so einen Verdacht aufkommen lässt, aber ich kann weniger über Gefühle reden, sondern über das, was an Fakten da ist. Und bisher sind keine Muster erkennbar, dass so etwas gezielt gesteuert ist, wenngleich ich nicht in Abrede stellen will, dass man so ein Gefühl durchaus bekommen kann.“
Es kann nicht sein, dass ein Islamist den Anschlag verübt hat
Darauf lautet die abgewogene Einschätzung des Ministers, dessen Aufgabe die innere Sicherheit des Landes ist. Der Verdacht oder das „Gefühl“, auf das der ZDF-Moderator Sievers ihn ansprach, lautet: Es kann nicht sein, dass ein Islamist den Anschlag auf den Christopher Street Day verübt hat, dahinter muss etwas anderes stecken. Der russische Präsident Wladimir Putin zum Beispiel, dessen Geheimdienste bekanntlich auf „Wegwerfagenten“ zurückgreifen, mit dem Ziel, der russlandhörigen AfD Wähler zuzuschanzen.
Genauso erzählt es der Influencer Dara Marc Sasmaz, der als „DerDara“ auf Twitch und Youtube unterwegs und Mitglied der Linkspartei ist und nach eigenen Angaben deren Bundestagsfraktion zu Social-Media- und Wahlkampfstrategien berät. Im vergangenen Jahr hat „DerDara“ auf sich aufmerksam gemacht, als er sich über den Schmerz Michael Kyraths, dessen siebzehn Jahre alte Tochter Ann-Marie im Januar 2023 von einem staatenlosen Palästinenser in einem Regionalzug bei Hamburg-Brokstedt erstochen wurde, bei der Ansicht des ARD-Magazins „Klar“ köstlich amüsierte.
Nun serviert er zum CSD-Anschlag die Verschwörungsgeschichte, es gäbe „ein paar Hinweise darauf, dass die AfD selber hinter solchen Taten steckt“. Belege bleibt „DerDara“ für seine Behauptung schuldig; den Attentäter bezeichnet er als „islamischen Rechtsextremisten“. Am Ende seiner knapp drei Minuten langen Suada empfiehlt er, die Linkspartei zu wählen. Damit entspricht er der Haltung dieser Partei, Islamismus auch dann noch zu verharmlosen oder zu leugnen, wenn es zu einem Anschlag wie dem auf den CSD in Berlin gekommen ist.
Die Salafistin Hanna Hansen, die als Influencerin auf Instagram und Tiktok mehr als 200.000 Follower versammelt, verbreitet Ähnliches und zeigt zugleich, was queere Menschen aus – vermeintlich – muslimischer Sicht sind: Sündige, die zum Licht zurückkehren müssen. Dafür verweist sie auf die Geschichte von Lot und der Stadt Sodom.
Den „Terroranschlag“ setzt Hansen, wie der Journalist und Autor Eren Güvercin vermerkt, in Anführungszeichen und vermutet einen „Inside Job“ – es seien „ja bald Wahlen“, das passe zur „Stimmungsmache der antiislamischen Propaganda“. Das, schreibt Güvercin, sei die „Doppelstrategie“ des Islamismus: „den Hass ideologisch aufladen und die Tat zugleich als Verschwörung wegreden“. Ob das die queere und die linke Szene in diesem Land noch begreift oder begreifen will?
