Überall hört man von Opfern, von ihrem Gejammer und Geweine über ihr schweres Schicksal. Doch sind mit Opfer nicht mehr diejenigen gemeint, denen Unrecht oder Leid widerfahren ist, sondern solche, die die Harmonie stören. Darin sieht die Autorin Alice Hasters einen Aufstieg des „Antiviktimismus“, also einer Haltung, die Opfer bekämpft und ablehnt. Sie versucht in ihrem Buch dem unscharfen Begriff wieder Konturen zu geben, indem sie das Opfer von seinem Doppelgänger, dem titelgebenden „Anti-Opfer“, abgrenzt. Sie sind es, die sich selbst als „Opfer der Opfer“ stilisieren.
Überzeugend schält Hasters die zentralen Spannungen des modernen Opferverständnisses heraus: zwischen seinem Selbstbild und der Realität, wahren und falschen Opfern, Überlebenden und Benachteiligten. Dafür geht sie zurück bis zu Jesus, der für die Menschen gestorben ist und zu einem unerreichbaren westlichen Opfer-Ideal wurde: frei von Groll, Bitterkeit oder Rachegelüsten. Weitaus schwieriger ist es für Hasters, das in der Jugendsprache verbreitete Schimpfwort eines Schwächlings zu verstehen, da als Folge der Pathologisierung des Alltäglichen – der zahlreichen Mikroaggressionen und Triggerwarnungen – sogar eine gewisse Opfersehnsucht entstanden ist.
In die Rolle des Vorzeige-Opfers gedrängt
Gleichzeitig wollen sich viele Leidtragende nicht als Opfer bezeichnen. Womöglich, um ihre Unterlegenheit von sich zu weisen und sich vor Fremdbestimmung zu schützen – für Hasters liegt hier internalisierter Antiviktimismus vor. Diese „triumphierende Distanzierung“ von dem Begriff beobachtet die Autorin bei berühmten Opfern, wie Nicole Barrett oder Gisèle Pelicot. Sie sind Teil einer breiten Palette von konkreten Fällen aus der Politik oder den Medien, die auch anders gelagert sein können und deswegen auch anders zu bewerten sind, wie etwa bei der Rapperin Zsá Zsá, die in ihrem Song „Bad Bunnies“ männliche Gewaltphantasien erotisiert.

Fälle wie diese sind nur Beispiele für den komplizierten gegenwärtigen Opferdiskurs. Der Autorin gelingt es aber, sie aus einer neuen Perspektive zu beleuchten und mit soziologischen, historischen und psychologischen Theorien zu verknüpfen. Zwangsläufig stellt sich die Erkenntnis ein, dass nicht alle Betroffene, die sich als Opfer bezeichnen, auch solche sind. Und dass viele Opfer wiederum nicht gesehen werden.
Dass aus der Popularität des Opfers mittlerweile ein ganzes Geschäftsmodell entstanden ist, macht den Gegenstand nicht weniger komplex. Alice Hasters, die als Journalistin arbeitete, profitiert finanziell von dem Sprechen und Schreiben über Krisen. Nach dem Anschlag in Hanau oder dem Mord an George Floyd stiegen die Verkäufe ihres ersten Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ enorm an. Zugleich häuften sich sowohl in den Kommentarspalten als auch in der öffentlichen Berichterstattung kritische Bemerkungen, bis hin zu Anfeindungen und Morddrohungen.
Diese doppelte Betroffenheit erlaubt der Autorin, beide Perspektiven zu beleuchten. Gerade weil sie selbst oft in die Rolle eines „Vorzeige-Opfers“ gedrängt wurde – etwa in Interviews, in denen sie nach ihren Gefühlen gefragt wurde –, kann sie die Mechanismen des medialen „Opfertheaters“ mit journalistischer Präzision und gleichzeitiger Empathie dekonstruieren. In einer Gesellschaft, die Härte heroisiere und Verletzlichkeit verachte, sei ihr nachdenkliches, dicht geschriebenes Buch ein versuchter Akt des Widerstands. Schonungslos rückt sie ihre eigene Verletzlichkeit ins Zentrum, wenn sie ihren Aufenthalt auf einer westafrikanischen Sklavenburg in Ghana beschreibt oder intime Gedanken aus Gesprächen mit ihrem Partner teilt.
Besonders die sozialen Medien, wo Politiker und Influencer um die Aufmerksamkeit der Jugend kämpfen, beflügeln das Erstarken traditioneller Männlichkeitsbilder, die solcher offener Verletzlichkeit feindlich gegenüberstehen. Hasters warnt, dass die dort gepflegte gefühlskalte Rhetorik in Gewalt enden kann. Das von ihr geforderte gegenseitige Verstehen will sie als Gegengift gegen die neue Rhetorik der Härte verstanden wissen. Ob das Buch dieser viel entgegensetzen kann, ist eine andere Frage. Zu wünschen immerhin wäre es.
Alice Hasters: „Anti-Opfer“. Warum wir Verletzlichkeit verachten. Ullstein Verlag, Berlin 2026. 288 S., geb., 22,99 €.
