Grünes Licht bricht durch das Blätterdach. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich den Duft nach Harz und Kiefernnadeln, nach warmer Erde und nach Sommer. Es ist still, so still, dass ich das Wasser rauschen höre, warmes Wasser, das aus den Düsen meines Hot Tubs sprudelt – so hat die freundliche Rezeptionistin den runden Pool auf der Terrasse vor meiner Hütte genannt, als ich gestern erschöpft von der Autofahrt in Vrhpolje angekommen bin. Ich habe einen Whirlpool ganz für mich. Die Hütten sind so über das Gelände verteilt, dass jede Terrasse samt Pool vor Blicken geschützt ist.
Hütte ist eine vorsichtige Untertreibung für den gemütlichen Quader aus Holz und Glas, in dem ich wohne. Ein wenig futuristisch ragt er über den Hang hinaus. Die Vorderfront, eingerahmt von einem Holzrahmen, der die Terrasse überdacht, ist ganz aus Glas, sodass ich selbst vom Bett aus in den lichten Kiefernwald blicken kann. Im Innern ist die Hütte mit Holz verkleidet, Wände und Decke aus hellem Holz. Die maßgeschreinerte Schrankwand ist stylisch schlicht. Alles in dieser Hütte ist funktional und elegant zugleich, auch das geräumige Badezimmer, durch eine Glaswand abgetrennt. Als Sichtschutz dient ein Baumwollvorhang.
Die Engländer sollen das Glamping erfunden haben
Die Beleuchtung kann über einen Touchscreen gesteuert werden, es gibt die Auswahl zwischen raffinierter indirekter Beleuchtung, zur Entspannung, oder taghell, wie man es eben wünscht. Aber man kann auch schlicht auf die diversen Lichtschalter drücken. Ein Lesesessel, ein niederer Tisch und ein Flachbildschirm fehlen natürlich nicht. Aber ich brauche ihn nicht, ich liebe es, auf dem Bett zu liegen und das Spiel von Licht und Schatten unter dem Blätterdach draußen vor meinem Fenster zu beobachten. Im Einbauschrank verborgen sind der Kühlschrank, eine Espressomaschine, ein Teekocher, Mineralwasser und eine Flasche Zelen, ein typischer autochthoner Weißwein aus dem Vipava-Tal. Davon habe ich mir ein Glas ausgeschenkt, an den Rand meines Pools gestellt, und wie die junge Frau an der Rezeption es versprochen hat, bin ich binnen Minuten tiefenentspannt.
Es ist meine erste Erfahrung mit Glamping, und ich möchte gar nicht mehr fort von hier. Die Engländer sollen das Glamping erfunden haben, ein Kofferwort aus glamourous und Camping. Sie wollten auf ihren Safaris nicht auf Komfort verzichten, und so ließen sie sich luxuriöse Lodges in der Wildnis errichten. Hier im Theodosius Forest Village am Rand von Vrhpolje in Slowenien gibt es weder Löwen noch Bären. Nur Eichhörnchen, die von einem Ast zum andern hüpfen. Das sanfte Plätschern im Whirlpool auf meiner Terrasse. Den Duft nach Holz und Kiefernnadeln. Nach Lavendel und Rosmarin. Die nächste Hütte ist zwar in Schrittnähe, aber hohe Büsche verbergen die Sicht, so habe ich die Illusion, dieser Wald sei ganz für mich.

Pfade führen auf eine kleine Lichtung, eine Hängematte ist zwischen zwei Kiefern gespannt. Eine Schaukel baumelt von den hohen Ästen einer Eiche. Die Bäume sind himmelhoch und mehr als hundert Jahre alt. Liegestühle stehen unter einem Baldachin auf einer Sonnenterrasse. Neun Hütten sind auf dem steil ansteigenden Gelände verteilt, jeweils für zwei Personen. Die Komfort-Variante ist etwas geräumiger. Eine Hütte besitzt eine eigene Sauna. Es gibt aber auch eine Gemeinschaftssauna am oberen Rand des Geländes, die eine Stunde vorab, über den Touchscreen in der Hütte, geheizt werden kann. Zur Rezeption führt ein Pfad durch den Kiefernwald. An einem sonnigen Hang am Rande des Geländes liegt sogar ein Weinberg. Dort, wo der Wald in Wiesen und Felder übergeht, sind für Sonnenhungrige auch einige Liegestühle aufgestellt. Ein jeder im Vipava-Tal habe seinen eigenen Weinberg, erklärt die freundliche junge Frau beim Frühstück, und sie schlägt auch gleich vor, mit Jani Peljhan, einem örtlichen Guide, eine Tour durch die Weingüter im Tal zu buchen, wahlweise als Fahrradtour oder mit dem Auto von Dorf zu Dorf.
Abendessen gibt es im Theodosius Village nicht, dafür ist das Frühstück umso üppiger. Es wird auf der Frühstücksterrasse am Tisch serviert. Wer will, kann auch einen Frühstückskorb mit hinauf zur Hütte nehmen, gefüllt mit Köstlichkeiten aus der Region, angefangen von Schaf- und Ziegenkäse, luftgetrocknetem Schinken, Wildschweinsalami bis zu frischen Beeren, Dips und Salaten. Jeden Morgen ist das Frühstück anders und überraschend. Es gibt Omelett und gegrilltes Gemüse, Kräutertees und Kaffee, Mortadella und Müsli. Die Aussicht von der Terrasse fällt dabei über das Tal, über Weinberge, Wiesen und Felder zu einem spitzen Kirchturm in der Ferne.
Wir sind nur eine knappe Stunde von Ljubljana, der slowenischen Hauptstadt, entfernt, und etwa ebenso weit von Triest, und doch in einer anderen Welt. Die großen Touristenströme fließen am Vipava-Tal vorbei direkt von den Alpen zum Meer. Hier dagegen, etwas abseits, zwischen den Höhenrücken des slowenischen Karsts, ist alles überschaubar und klein. Ideal, um einen sanften Tourismus aufzubauen, bei dem Nachhaltigkeit nicht nur eine Floskel ist. Das ist auch in unserem Hotel spürbar. Zum Frühstück werden nicht Melonen und Ananas serviert, wenn im Tal die Erdbeeren und Kirschen reif sind. Der Schinken kommt von örtlichen Produzenten. Und das Baumaterial der Hütten aus dem heimischen Wald.

Mehr als sechzig Prozent von Slowenien sind bewaldet. Selbst die felsigen Hügel im Karst sind mit Wald bedeckt und laden zum Wandern ein. Die Rezeptionistin drückt mir auch gleich eine Karte mit markierten Wander- und Fahrradwegen in die Hand. Man könnte vom Hotel aus gleich zu Fuß loswandern zum Theodosiuskreuz zum Beispiel, wo einst der römische Kaiser die Schlacht gegen die heidnischen Slawen gewonnen haben soll. Ausgerechnet der Borawind soll den Römern geholfen haben und lenkte die Pfeile ihrer Gegner ab.
Die Tour zu den Felsenfenstern von Ajdovščina, die wir am nächsten Tag unternehmen, ist da schon etwas anspruchsvoller. Aber gibt es etwas Schöneres, als nach einem schweißtreibenden Aufstieg mit einem großartigen Ausblick über das Tal und die grünen Hügel bis hinunter zur Adria belohnt zu werden und sich, zurück im Hotel, in den Whirlpool sinken zu lassen, in die Baumwipfel zu schauen und vor dem inneren Auge die Eindrücke des Tages noch einmal vorbeiziehen zu lassen?
Man könnte auch einfach ins nächste Dorf spazieren. Weinfelder und Obstgärten säumen den Weg. Spitze Kirchtürme aus grauem Kalkstein ragen aus den Gassen hervor, in denen zwei Autos kaum aneinander vorbeikommen. Die Dörfer sind hübsch, aber nicht überrenoviert. Nur gut zweitausend Einwohner leben in der Gemeinde Vipava, zu der auch Vrhpolje gehört. Am Fuße des Nanosgebirges sprudeln Bäche und Quellen aus dem Karst hervor. Aus sieben Quellen wird die Vipava gespeist. Allein fünfundzwanzig Brücken nennt die gleichnamige Gemeinde ihr Eigen, außerdem ein kleines Weinbaumuseum, eine Burgruine und einen romantischen Kirchplatz.
Vor allem aber kann man in Vipava hervorragend essen, im Restaurant Gustl zum Beispiel, einem steinernen Haus, gleich um die Ecke vom Kirchplatz, wo in der gemütlichen Gaststube neben italienisch inspirierter Küche oder slowenischem Bohneneintopf auch hervorragende Weine ausgeschenkt werden. Oder man könnte hinauf zum Schloss Zemono fahren und dort unter den Renaissancearkaden fein speisen. Auf einem grünen Hügel zwischen Vrhpolje und Vipava hat sich Tomaž Kavčič einen Michelin-Stern erkocht. Hier inmitten der Weinberge fühlt man sich wie in der Toskana.
Es ist dieser Kontrast zwischen mediterraner Leichtigkeit und rauer Bergwelt, die den Reiz des Vipava-Tales ausmacht. Selbst Regentage sind hier angenehm. Man kann einfach im Hotel bleiben, den Deckel seines Hot Tubs zur Seite schieben, sich ins warme Wasser gleiten lassen, das Gesicht in den Regen halten, der durchs Blätterdach tropft oder von der breiten Fensterfront in der Hütte aus die grüne Stille genießen.
