Er war ein junger Mann, der allein auf einem kleinen Brett im Mittelmeer fischte – und wie er da so in den Wellen treibt, bäuchlings auf einem Bodyboard, mit Taucherbrille und Schnorchel, Kopf halb unter Wasser, in der Hand eine Schnur mit einem Stück luftgetrockneter Salami am Haken, hat er erst mal wenig gemein mit dem alten Mann aus der weltbekannten Erzählung von Ernest Hemingway, von der wir uns hier Titel und Einstieg geborgt haben.
Aber der Schein trügt. Im Herzen des Jungen, neun Jahre alt, schlägt die Sehnsucht eines echten Fischers. Der alte Mann und das Meer – wie oft haben wir die Geschichte gelesen? Vom alten Fischer Santiago, dem nach 84 fischlosen Tagen der Fang seines Lebens an den Haken geht. Vom Kampf mit dem riesigen Schwertfisch, der ihn weit raus auf den Golf vor Kuba zieht, bis der alte Mann ihn nach zwei Tagen und zwei Nächten mit letzter Kraft besiegt. Von den Haien, die sich über den Fisch hermachen, von dem am Ende nichts bleibt als ein Gerippe und die Achtung der anderen Fischer und die Ignoranz der Touristen im Café am Hafen, die wenig verstehen von Fischen und Kämpfen und dem echten Leben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Jagd nach dem großen Fisch: Der junge Mann, der nun auf seinem kleinen Brett in der See vor der Küste Korsikas schaukelt, kriegt davon nie genug. Und wie beim alten Mann, der von den anderen Fischern am Anfang der Erzählung wegen seiner Erfolglosigkeit gehänselt wird, wird auch der junge Mann belächelt. Auf Sicht fischen, vom Bodyboard, mit einem Stück Salami – das wird doch nie was.
Zu klein für den Grill
„Hab einen!“, ruft der Junge und paddelt zur Badeleiter, die von einem Felsen ins Meer führt. An seiner Schnur zappelt ein Fisch mit fein gemustertem Kopf und einem hellblauen Punkt an der gestreiften Flanke: ein Schriftbarsch. So ist das oft, wenn der Junge nicht hören will und es auf seine Weise probiert: Es klappt.
Doch der Fisch ist zu klein für den Grill, der Junge nicht zufrieden. Als die Angel an der Hütte lehnt und der Vater unter einer Tamariske am Strand in einer Hängematte baumelt und den Tag verstreichen lässt, klettert der Junge auf einen Ast und hält Ausschau. Er steht da wie auf einem Mast und blickt hinaus aufs Meer. Santiago fischt mit Sardinen, nicht mit Salami!
So kurven wir am nächsten Tag auf der staubigen Küstenstraße gen Süden, zu einem Angelladen in Porto-Vecchio. Mit zwei Packungen Würmern fahren wir zu einem Angelplatz am Hafen, den der Verkäufer empfohlen hat. Am Fuße von Bauzäunen liegen Getränkedosen und Tetrapaks, die Steine am Ufer sind von weißen Planen überdeckt, von der Autofähre schallen monotone Sicherheitsansagen. Den Jungen scheint all das nicht zu stören. Sightseeing interessiert ihn nicht, er will seinen Fisch. Er öffnet die Köderbox und spießt einen Wurm auf. Plötzlich ein Schrei. Der Wurm windet sich am Boden. „Der hat mich gebissen!“
Tatsächlich: Die Seeringelwürmer, die wir gekauft haben und die aussehen wie Tausendfüßler, haben rüsselartige Mäuler, aus denen sie bei Ungemach schwarze Beißzangen ausfahren. Der Junge wurde von seinem eigenen Köder gebissen. Und das ist leider auch das Einzige, was am Hafen von Porto-Vecchio beißt.
Was Dickes an der Leine
Zurück in Sari-Solenzara, an unserem Häuschen am Meer, macht er sich gleich wieder auf den Weg: Kappe auf den Kopf, Zange, Bleie und Haken in die Bauchtasche, Wurmbox in die Hand – los geht’s. Diesmal nicht vom Brett aus, sondern von den Felsen. Nicht mit Salami, sondern mit Seeringelwürmern. Die Rifffische sind verrückt danach. Bei jedem Biss glaubt er, er hätte was Dickes an der Leine – aber dann ist es doch wieder nur ein Kleiner, der sich gewehrt hat wie ein Großer. Das Meer, folgert er, ist wilder und stärker als die Flüsse und Seen bei uns zu Hause. Also sind es auch die Fische.
Nach zwei Stunden liegt ein halbes Dutzend Fische auf den Felsen: zwei Schriftbarsche, eine Zweibindenbrasse mit schwarzen Streifen vorn und hinten. Ein Lippfisch, ein schillernder Meerpfau, ein Roter Drachenkopf. Der Junge betrachtet sie eingehend, fährt mit den Fingern über ihre Flossen, öffnet ihre Mäuler, untersucht ihre Zähne, Nase an Nase blickt er in ihre toten Gesichter. Er liebt diese Fische, so wie der alte Mann sie liebt. Santiago nennt sie seine „wahren Brüder“.

Dann macht der Junge seinen ersten guten Fang: eine Goldbrasse, auch bekannt als Dorade, ein vorzüglicher Speisefisch. Tellerformat, perfekt. Noch am Wasser schneidet der Vater dem Tier den Bauch auf, entnimmt die Eingeweide. Ein Schrei – und der Fisch trudelt auf den flachen Grund. Blut rinnt von der Hand des Vaters. Beim alten Mann sind es die Haie, die ihm den Fang streitig machen und deren Müttern er Unheil wünscht. Bei uns ist es eine Muräne.
„Du Bastard!“
Mit stumpfen Augen und halb offenem Maul schlängelt sich die gelb gepunktete Muräne aus ihrer Höhle unter dem Felsen, auf dem wir stehen. Nachdem eine Weile keine Hand mehr in ihr Revier eingedrungen ist, packt sie den Fisch am Schwanz und zerrt ihn in ihr dunkles Reich. „Ey! Nimm dir nicht meine Dorade!“, ruft der Junge. Aber die Muräne will nicht hören. Wie Santiago muss auch der Junge lernen: Was man dem Meer abringt, kann einem das Meer auch wieder nehmen. „Du Bastard!“, ruft er. Seine Version von: Unheil deiner Mutter!
Man könnte viel unternehmen im Süden Korsikas. Man könnte auf Berge steigen und in Badegumpen abtauchen, durch Pinienwälder wandern und sich in Canyons abseilen, an weißen Sandstränden braten oder Austern schlürfen in der Altstadt von Bonifacio, hoch auf den möwenumflogenen Kalkklippen. Man könnte auch, weil ja Urlaub ist, einfach mal ausschlafen. Aber der Junge will fischen. Immer. Nur. Fischen. Und die beste Zeit zum Angeln, das weiß jeder, der sich auskennt, ist bei Sonnenaufgang.

„Willst du jetzt wirklich schon …“ Der Satz ist noch nicht zu Ende gesprochen, da ist der Junge schon aus den Federn gesprungen. Es ist halb sechs morgens. Die Küstenstraße ist wie leer gefegt, über dem Meer bricht die Sonne aus dem Dunst. In der Lagune hinter der Plage du Benedettu spiegeln sich die Wolken, an einigen Stellen wird die glasglatte Oberfläche von Rückenflossen durchbrochen. Wir sehen Krabben mit blauen Beinen durch das seichte Wasser stelzen und versinken mit unseren Flip-Flops im sumpfigen Grund der Lagune. Am Ende gehen uns zwei schöne Doraden an die Angel – allerdings nicht an die des Jungen, sondern an die des Vaters. Schweigend fahren wir zurück in unser Häuschen, wo der Rest der Familie noch schläft.
Auch nach zwei Wochen am Meer ist ihm der große Fisch noch nicht an den Haken gegangen. Für die letzten Urlaubstage ziehen wir nach Propriano, ein Hafenstädtchen im Südwesten. Ruhelos streift der Junge zwischen den Segelbooten umher. An einer Kaimauer sitzt ein alter Fischer mit langem Bart und wenigen Zähnen und leert seine Netze. So ungefähr kann man ihn sich vorstellen, den alten Santiago. Aus den Augenwinkeln sieht er dem Jungen zu, wie er Knödel aus Weißbrot knetet, zum Anfüttern. Ab und zu wirft der Alte uns einen Fisch herüber: einen Graubarsch, einen Roten Knurrhahn, gefragte Speisefische, zu klein für den Verkauf. Der Junge nickt kurz, dann wendet er sich ab. Er will keine Almosen.
„Ich zittere immer noch am ganzen Körper“
Plötzlich läuft er aufgebracht über den Steg, holt seine Rute, spießt zwei Würmer auf und wirft aus. „Goldmakrelen“, sagt er. Weiß Gott, woher er die kennt und ob das wirklich welche waren. „So groß“, sagt er und breitet die Arme aus. Später, als sie längst davongezogen sind, sagt er: „Ich zittere immer noch am ganzen Körper.“
Und dann kommt unser letzter Angeltag am Meer. Die letzte Chance auf den großen Fang. Es ist sein zehnter Geburtstag. Er wünscht sich, dass die ganze Familie um fünf Uhr aufsteht und angeln geht. In der Dunkelheit des frühen Morgens fahren wir runter zum Hafen. Was er nicht weiß: Dort wartet ein Boot, gebucht schon Wochen zuvor, mit Captain Loris Tamburini, dem meistgelobten Hochseefischer weit und breit.
Im Westen hängt der Mond über dem Horizont. Aus den Boxen tönen italienische Schlager, es gibt Kaffee aus Plastikbechern. Der Wind ist noch kühl, die Fahrt dauert eine halbe Ewigkeit, das Land ist kaum noch zu sehen. Wir sind nun fast so weit draußen wie der alte Mann Santiago. Als auf dem Sonar die ersten Schwärme auftauchen, drosselt Loris den Außenborder. „Okay, go!“

Wir spießen Tintenfischhälften auf unsere Doppelhaken und lassen die Köder hinab auf vierzig Meter Tiefe. Fünf Männer und ein Junge stehen rund um die Reling, und es dauert nicht lange, bis sich die erste Rute biegt. Es ist die von Loris – und weil er weiß, dass der Junge Geburtstag hat, drückt er ihm die Angel in die Hand. Der Fisch daran ist so schwer, dass er ihn kaum einrollen kann. Nach minutenlangem Kampf durchbricht er die Oberfläche: ein Zahnbrasse, bestimmt 80 Zentimeter lang, sieben, acht Kilo schwer.
Ein merkwürdiges Schweigen
Auch die anderen Ruten schlagen an. Wir fangen kapitale Schnapper, Rotbrassen, Doraden – aber der Junge ist merkwürdig schweigsam. Immer wieder nimmt Loris ihm die Angel aus der Hand, haut für ihn an, hebt die Fische für ihn ins Boot. Mehrmals wechseln wir die Angelplätze, folgen der Anzeige auf dem Sonar, das die Schwärme in der Tiefe anzeigt. Immer ist es Loris, der das Kommando gibt, der uns sagt, wann und wo wir unsere Ruten auswerfen sollen. Und mit jedem neuen Fang, den der Junge in die Kamera hält, ahnt sein Vater, dass auch dieser Trip seine Sehnsucht nicht stillen wird.
Loris bläst einen Luftballon auf, als Schwimmer für seine Thunfischangel, an der eine lebende Makrele als Köder zappelt. An einer anderen Rute lässt er mit einer Elektrorolle eine Handvoll Sardinen hinab, in einer kleinen Box, die sich in sechzig Meter Tiefe automatisch öffnet. Und als die Sonne hoch am Himmel steht, kurz vor Ende des Ausflugs, versuchen drei erwachsene Männer im Wechsel einen Fisch hereinzukurbeln, der fast so groß sein muss wie der des alten Mannes.
Nach einer halben Stunde Drill taucht er an der Seite des Bootes auf: kein Schwertfisch wie bei Santiago, aber eine Große Bernsteinmakrele, so lang wie der Junge. Nachdem wir sie ins Boot gehievt haben und jeder sie einmal in die Kamera gehalten hat, liegt der geschlagene Fisch im Heck und klatscht mit dem Schwanz auf den metallenen Boden. Der Junge sieht ihn unverwandt an.
Es geht hier ja, wie bei Hemingway, nicht um den Fisch an sich. „Die Erzählung“, so steht es auf dem Buchrücken unserer Ausgabe, „wird Gleichnis für ein von Mühsal und Tapferkeit gezeichnetes Dasein, dessen Sinnhaftigkeit nicht durch äußere Siege bestätigt werden muss“.

Seinen großen Fang muss der Junge schon selbst machen. Von Felsen, die er allein erklimmt, in Lagunen, die er selbst erkundet. Er muss es auf seine Weise versuchen, mit Würmern, die ihn in die Finger beißen, verfolgt von Muränen, die ihm seine Beute streitig machen.
Beim alten Mann ist vom Schwertfisch am Ende nur das Gerippe übrig. Beim jungen Mann ist der Fisch im Heck des Bootes noch ganz. Aber was nützt das, wenn man den Kampf nicht selbst gekämpft hat? Noch einmal sieht der Junge in das stumpfe Auge des Fisches. Dann wendet er sich ab und setzt sich in den Bug, den Blick nach vorn, hinaus aufs Meer. Sein Fisch schwimmt noch irgendwo da draußen.
