
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sitzt an einer langen Tafel, als sich von der Seite ein weißer Roboter nähert. Er ist 1,32 Meter groß, läuft aufrecht, mit großen Schritten. Die Bewegungen sind nur eine Spur zu präzise und getaktet, um menschlich zu wirken. Der „4NE1 Mini“ steuert auf den Mann gegenüber von Reiche zu, übergibt ihm ein Papier. Reiche schmunzelt, als sie dieses entgegennimmt. Auf dem Zettel stehen vier Forderungen des Start-ups Neura Robotics an die Politik: „Zielsetzung statt Zufall, Allianz statt Inseln, Priorität statt Gießkanne, Datensouveränität statt Abhängigkeit.“
Der Mann gegenüber von Reiche heißt David Reger und ist Gründer und Vorstandschef von Neura. Fast jedes Haus in der Industriestraße im baden-württembergischen Riederich gehört inzwischen dem Unternehmen, auch wenn noch nicht überall sein Logo an der Fassade hängt. Neura wächst schneller, als es renovieren kann. Das Unternehmen baut sogenannte kognitive Roboter, die sehen, hören und fühlen können. Reger hat mit seinem Unternehmen große Ziele, wie er im Beisein der Ministerin sagt: „Der größte Steuerzahler Europas werden.“
Die Zeiten waren schon mal einfacher
Der Besuch bei Neura am Montagnachmittag ist Teil von Reiches „Sommerbesuchen“. Im Berliner Politikbetrieb hat es Tradition, dass Minister in Begleitung von Journalisten auf Sommertour gehen. Es geht darum, sich geförderte Projekte anzuschauen, die Stimmung im Land zu ergründen, Bodenständigkeit zu signalisieren.
Für Katherina Reiche sind diese Besuche in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung. Die CDU-Politikerin pflegt sonst ein eher distanziertes Verhältnis zur Öffentlichkeit. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass Kanzler Friedrich Merz mit Reiches Amtsführung unzufrieden ist. Und dann ist da noch die wachsende Enttäuschung in der Wirtschaft über die Arbeit der Regierung. Die Wachstumsaussichten sind weiter schlecht, die Industrie baut jeden Monat 15.000 Arbeitsplätze ab. Es ist nicht die einfachste Zeit, um Wirtschaftsministerin zu sein. Das merkt man Reiche während ihrer Sommerbesuche an.
Neura ist einer der Hoffnungsträger der Politik. Das 2019 gegründete Start-up wird mit sieben Milliarden Dollar bewertet. Kürzlich konnte es in einer Finanzierungsrunde 1,4 Milliarden Dollar Kapital zum Wachsen einsammeln. Beteiligt sind unter anderem Nvidia und Amazon. Trotz vielversprechender Zahlen ist aber auch für Neura nicht alles einfach. Den Markt für „Physical AI“ dominiert derzeit China. Die Amerikaner setzen alles daran, aufzuholen. Das Problem der Europäer ist laut Reger nicht fehlendes Know-how, sondern die Regulierung. „Sie hochfahren bedeutet eigentlich, dass die Amerikaner langfristig gewinnen.“ Reiche spricht den Gründern Mut zu: „Wir wollen und können wieder gewinnen.“
Plötzlich steht da der neue Verkehrsminister
Wenige Stunden vor dem Termin bei Neura steht Katherina Reiche auf der Bühne im Ausbildungszentrum des Mittelständlers Trumpf in Ditzingen. Die Ministerin tauscht sich dort mit Azubis des Maschinenbauers aus. Es ist ein Routinetermin, perfekt für schöne Bilder. Doch er bekommt an diesem Tag eine ungeahnte politische Bedeutung, weil neben Reiche auch Steffen Bilger, in dessen Wahlkreis Ditzingen liegt, gekommen ist. Merz hat den CDU-Politiker zum neuen Verkehrsminister auserkoren. Der Besuch bei Trumpf ist Bilgers erster öffentlicher Auftritt seitdem. Er bedankt sich kurz für das Vertrauen des Kanzlers, Fragen zur Verkehrspolitik will er noch nicht beantworten. Heute stehe „der Besuch der Bundeswirtschaftsministerin im Mittelpunkt“.
Auch Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller scheint sich bewusst, dass der Besuch in einer politisch angespannten Lage stattfindet. Die Unternehmerin, die vor wenigen Wochen Merz auf einer Veranstaltung in Berlin noch ihre geballte Unzufriedenheit hat spüren lassen, verzichtet im Beisein von Reiche auf abermalige Kritik. Vielmehr betont sie, wie sich der Maschinenbauer aus „drei anstrengenden und schwierigen Jahren“ herausgekämpft habe. „Wir haben alle hart gearbeitet.“ Nun stiegen der Umsatz und die Auftragseingänge wieder.
Ein Achter, der synchroner werden sollte
Reiche hofft auf mehr Erfolgsgeschichten dieser Art. „Die Bundesrepublik geht durch einen längeren Dip, wir müssen da dringend wieder raus“, sagt sie. Als die Ministerin Deutschland mit einem Achter beim Rudern vergleicht, platziert sie eine Spitze in Richtung von Merz. „Wir sind nach wie vor relativ gut trainiert“, es fehle aber an Synchronität. Sie hätte auch sagen können: Für die schlechte wirtschaftliche Lage ist nicht allein die Wirtschaftsministerin verantwortlich. Was sie den Azubis mitgibt, könnte sich auch an ihre Kabinettskollegen richten: „Anstrengen, anstrengen, anstrengen.“ Die Azubiband von Trumpf spielt Reiche zum Abschied den Rock-Klassiker „Don’t Stop Believin’“ von Journey vor.
Seit Reiche am vergangenen Donnerstag ihre lose Folge von Unternehmensbesuchen in Köln mit der Grundsteinlegung einer Flusswasser-Wärmepumpe begann, schwang die Frage mit, ob auch sie ihren Platz im Kabinett womöglich bald räumen muss. Dass Patrick Schnieder als Verkehrsminister gehen muss, galt zu diesem Zeitpunkt schon als sicher. Wenig später wurde bekannt, dass Merz auch mit Reiche ein Gespräch geführt hatte. Gerüchte in Berlin, Digitalminister Karsten Wildberger könnte das Wirtschaftsministerium übernehmen, wurden zwar als wenig wahrscheinlich eingestuft, aber dennoch weiter verbreitet.
Am Freitagmorgen, beim Rüstungshersteller Hensoldt im bayerischen Fürstenfeldbruck, spielt Reiche die Bedeutung ihres Gesprächs mit Merz herunter. Den Kanzler und sie treibe die Frage um, wie Deutschland wirtschaftlich stärker werden könne, sagt Reiche, bevor sie sich von Vorstandschef Oliver Dörre ein Militärfahrzeug mit meterhoher Radaranlage erklären lässt. Unternehmen wie Hensoldt gehörten zu einer Wachstumsbranche. Andere Branchen stünden vor Brüchen. „Das besorgt uns, darüber haben wir gesprochen, sprechen wir täglich.“
Boombranche Rüstung
Hensoldt ist eines der wenigen Unternehmen in Deutschland, denen es derzeit blendend geht. Das Unternehmen entwickelt mithilfe von KI komplexe Verteidigungssysteme, unter anderem für die Ukraine. Die Mitarbeiterzahl hat sich binnen weniger Jahre auf fast 10.000 verdoppelt. 60 Prozent seines Umsatzes von rund 2,5 Milliarden Euro macht Hensoldt mit dem deutschen Staat. Der ist auch mit 25,1 Prozent an dem Unternehmen beteiligt. Am Vortag war Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) an einem anderen Hensoldt-Standort zu Gast.
„Wir wollen Ihnen, liebe Frau Ministerin, heute zeigen, dass wir uneingeschränkt Verantwortung übernehmen“, sagt Dörre. Bis zum Jahr 2028 will das Unternehmen eine Milliarde Euro investieren. Reiche hört das gerne. Die Verteidigungsindustrie müsse jetzt „skalieren“, sagt sie.
Dreieinhalb Autostunden später ist Reiche in einer anderen Welt. In Bamberg steht ein großes Werk des Automobilzulieferers Bosch. Reiche besichtigt hier ein Projekt, in dem mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen Strom für Lastwagen mit Elektroantrieb erzeugen. Doch nur etwa zehn Prozent der Mitarbeiter in Bamberg sind in diesem Segment beschäftigt. Weil es im Verbrennergeschäft schlecht läuft, arbeitet die Belegschaft seit Jahren nur noch 32 Stunden in der Woche, mit entsprechenden Gehaltseinbußen.
Die Chemikerin Reiche fachsimpelt mit dem Ingenieur und Bosch-Manager Klaus Mäder über Anoden, Kathoden und die PEM-Technologie. Später verspricht sie, Deutschland werde sich bei der EU-Kommission in Brüssel weiter für eine Lockerung der CO₂-Flottengrenzwerte einsetzen. Einen „Abbruch“ von Wertschöpfungsketten und Arbeitsplätzen könne Deutschland sich nicht leisten, mahnt Reiche. Mäder lobt, die Industrie fühle sich durch Reiche gut vertreten.
Die Wirtschaftsministerin bleibt, zumindest erst mal. Dass Merz Reiche im April nach ihrem Disput mit Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) öffentlich rüffelte, hat ihr nicht geschadet, im Gegenteil. Reiche hat seitdem im Wirtschaftsflügel der Union viele Fans und gilt als nahezu unkündbar.
Dass sich die Spekulationen über einen möglichen Wechsel im Wirtschaftsministerium halten, hat auch damit zu tun, dass Katherina Reiche in den nächsten Wochen krankheitsbedingt kürzertreten wird. Eine für das Frühjahr geplante Operation soll dann nachgeholt werden.
Im Wirtschaftsministerium ist die Unruhe groß, auch weil Reiches beliebte Staatssekretärin Gitta Connemann ins Digitalministerium wechselt, inklusive ihrer Aufgaben als Mittelstandsbeauftragte. Das ohnehin geschwächte Wirtschaftsministerium verliert damit weiter an Bedeutung.
Ihren Besuch beim Roboterhersteller Neura in Riederich beendet Reiche mit einem bezeichnenden Satz: „Jetzt bin ich mal froh, dass ich in der baden-württembergischen Provinz bin und nicht in der Berliner Blase.“
