
In Gebäuden des Sozialwesens – darunter fallen auch Pflegeheime – ist nur in jedem siebten eine Kühlanlage. „Ein Skandal“, findet Lieselotte Klotz. Lieselotte Klotz. Sie ist 66 Jahre alt und hat kürzlich erlebt, wie ihr Bruder Paul im Krankenhaus unter der Hitze leiden musste. „Die Menschen, die Hitze am wenigsten vertragen, werden in Gebäuden versorgt, die für diese Belastung nicht gebaut sind.“ Jetzt aber überall sofort Klimaanlagen einzubauen, wäre absurd, meint Clemens Becker. Er ist Professor für Geriatrie und zuständig für Klimawandel im Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. „Das würde das Stromnetz akut völlig überlasten. Kliniken und Pflegeheime hätten vor zehn Jahren Hitzeschutz bei Neubau und Sanierung systematisch einplanen müssen. Kühlanlagen sind nur ein Baustein.“
Eigentlich verfügt der Körper über diverse Mechanismen, sich an die Hitze anzupassen. „Leider klappt das bei älteren Menschen nicht mehr so gut“, sagt Richard Dodel, Leiter des Lehrstuhls Geriatrie in der Uni Duisburg-Essen. Steigt die Temperatur im Körperinneren, weiten sich die Blutgefäße in der Haut und werden mehr durchblutet. So kann Wärme abgegeben werden. Das funktioniert aber nur, solange die Umgebungstemperatur deutlich niedriger ist als die Körpertemperatur. Wird es um uns herum heißer, fangen wir an zu schwitzen und verlieren über den Schweiß die überschüssige Wärme. Um die Flüssigkeit zu ersetzen, spüren wir Durst und trinken. Bei Menschen von 60 an lassen aber die Regulationsmechanismen nach.
Seit vielen Jahren ist all dies bekannt. 2024 gab die Bundesregierung einen Musterhitzeschutzplan für Kliniken heraus, die Länder haben Vorlagen für Pflegeheime. Das Internet ist voll mit Anleitungen, wie man die Pläne umsetzt, welche bauliche Maßnahmen nützen, was organisatorisch und pflegerisch gemacht werden muss, und es gibt Listen für Ärzte, welche Medikamente sie wie bei Hitze anpassen müssen.
Bis jetzt gibt es keine systematischen Statistiken, wie viele Kliniken und Heime solche Hitzeschutzpläne umsetzen und was diese bringen. In einer Umfrage der deutschen Krankenhausgesellschaft von 2021 gab es in gut sechs von zehn der 263 befragten Kliniken nicht ein einziges gekühltes Patientenzimmer. Seitdem passierte kaum etwas. 2024 wurden demnach in sechzig Prozent der Kliniken keine oder gezieltere Hitzeschutzmaßnahmen ergriffen. Fast alle Befragten sagten, das Haupthindernis seien fehlende finanzielle Mittel. Die meisten klagten über hohen bürokratischen Aufwand und dass die Klinik im Moment andere Prioritäten habe.
Auch Pflegeheime kämpfen mit fehlendem Geld. Das zeigt eine Umfrage, die der GKV-Spitzenverband in Auftrag gegeben hat und die bei 282 Heimen in den Jahren 2024 bis 2026 vorgenommen wurde. Immerhin setzen demnach die meisten pflegerische und einfache baulich-technische Maßnahmen um, aber intensiven Hitzeschutz haben die meisten nicht auf dem Schirm. So haben drei von zehn Pflegeheimen kein Hitzeschutzkonzept, oder die Befragten wussten nicht einmal, ob das überhaupt existiert. Jede dritte Heimleitung veranlasste keine baulichen Veränderungen im Außenbereich – zum Beispiel Außenjalousien –, in jedem zweiten gab es keine Klimaanlage, und in mehr als 80 Prozent keine passive Raumkühlung wie Wärmepumpen mit Kühlfunktion.
Für viele Heimleitungen scheint auch das Motto zu gelten: Hauptsache, irgendetwas tun. Ob das dann auch etwas nützt, prüfte die Hälfte gar nicht. Die baulichen Maßnahmen galten als größte Herausforderung, und auch hier mäkelten fast alle, die Finanzierung sei das Problem.
Apropos Geld: Mehr Personal, das sich um den Hitzeschutz kümmert, wurde in weniger als jedem zehnten Heim eingestellt. Das Gesetz kann man für mangelnden Hitzeschutz nicht verantwortlich machen: Krankenhäuser und Pflegeheime müssen keine Kühlanlage einbauen, ein Hitzeplan ist keine Pflicht, und der Gesetzgeber hat auch keine Höchsttemperatur festgelegt, von der an etwas zu tun ist. „Bewohner und Patienten müssen aber vor Gesundheitsschäden geschützt werden“, sagt Christian Wagner, Fachanwalt für Sozialrecht im Deutschen Anwaltverein. Abhängig von der Bauweise des Gebäudes, Sonneneinstrahlung, Temperatur im Zimmer und wie sehr Bewohner oder Patienten gefährdet sind, müssen die Leiter festlegen, welche Hitzeschutzmaßnahmen notwendig sind.
Mehr als 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege und Wohlfahrt forderten kürzlich, Hitzeschutz solle zum Katastrophenschutz gehören – ähnlich wie Hochwasser oder ein Unfall in einer Chemiefirma. Dafür ist auch Geriater Clemens Becker: „Regierungspräsidien könnten dann Anweisungen veranlassen, die die Senioren akut vor extremer Hitze schützen“, sagt er. „Zum Beispiel Tausende ehrenamtliche Personen aktivieren oder im Extremfall auch Urlaubssperren für Beschäftigte im Gesundheitswesen, damit mehr Personal da ist, um sich um Hitzeschutzmaßnahmen zu kümmern.“
