
Drei, vier sehr gute Jahre hat EEW hinter sich. „Wir haben unsere Werke 24/7 laufen lassen, um die Aufträge abarbeiten zu können“, berichtet Markus Völkel, Finanzgeschäftsführer der EEW-Gruppe über die Sonderkonjunktur in Zeiten der Energiewende. In Rostock, direkt am Hafen, produziert EEW die Stahlfundamente für Windräder auf hoher See, Monopiles genannt. Die Röhren sind bis zu 150 Meter lang, haben einen Durchmesser von bis zu zwölf Metern, wiegen knapp 2000 Tonnen.
EEW ist einer der Pioniere in diesem Geschäft. Mehr als die Hälfte der installierten Offshore-Windenergie in ganz Europa stammt von Windrädern mit EEW-Gründungspfählen. Das macht stolz. Aber der Erfolg ist in Gefahr. Jetzt geht es nicht mehr um Überstunden, sondern um Kurzarbeit.
Schlechte Nachrichten im Wochenrhythmus
Was ist passiert? „Quasi im Wochenrhythmus gibt es schlechte Nachrichten für uns“, berichtet der Rostocker Geschäftsführer Robert Dreves über den rasanten Abschwung, der sich seit Anfang 2025 durch äußere Umstände immer mehr beschleunigt. Die Abkehr der Trump-Regierung von der Offshore-Windenergie und die scharfe Zollpolitik schaden dem Geschäft gewaltig. Für die chinesische Industrie wird Europa als Absatzmarkt noch wichtiger, der Wettbewerb wird entsprechend aggressiver geführt, mit Dumpingpreisen.
Dazu kommt die Schwäche im deutschen Offshore-Geschäft. Die ist absehbar, weil sich zuletzt keine Investoren mehr fanden, als neue Windparkflächen in der Nordsee ausgeschrieben wurden. Dieses Jahr sind von der Bundesnetzagentur gar keine Auktionen für solche Flächen mehr geplant. Wegen der langen Vorlaufzeiten solcher Projekte kann EEW daher schon jetzt absehen, dass die Nachfrage in den nächsten Jahren deutlich sinken wird.
Wichtiger Arbeitgeber im strukturschwachen Nordosten
Von Existenzkampf ist jetzt die Rede. Nicht nur bei EEW in Rostock. Woanders stehen schon Werke leer, die ganze europäische Monopile-Industrie sei in Existenznöten, macht Geschäftsführer Dreves deutlich, als Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, auf ihrer Reise durch Mecklenburg-Vorpommern Station macht bei der Rostocker EEW SPC (Special Pipe Constructions) GmbH. Mit mittlerweile knapp 1000 Mitarbeitern zählt das EEW-Werk zu den wichtigen industriellen Arbeitgebern im strukturschwachen Nordosten. Es gebe „politischen Handlungsbedarf“, sagt Dreves, vor allem mit Blick auf China.
EU-Schutz für Stahl gilt nicht für Monopiles
Der raue Wind, dem sich die Monopiles-Hersteller ausgesetzt sehen, hängt zum Teil mit politischen Weichenstellungen zusammen. Mit dem sogenannten „EU Steel Safeguard“-Management wird die europäische Stahlindustrie seit dem 1. Juli deutlich stärker als bisher gegen globale, vor allem chinesische Überkapazitäten und Handelsumlenkungen geschützt. Die zollfreie Einfuhrmenge wurde drastisch reduziert. Für Stahlimporte jenseits dieses Kontingents sind hohe Zölle fällig. Auf chinesisches Blech müssen aktuell knapp 74 Prozent Zoll bezahlt werden.
Den Monopiles-Herstellern hilft das kein bisschen, im Gegenteil. Obwohl die Gründungspfeiler für Windräder praktisch komplett aus Stahl bestehen, werden die Monopiles von den aktuellen EU-Steel-Safeguard-Regeln als verarbeitetes Produkt eingestuft. Das Ergebnis: Die Chinesen können ihren Stahl in Form von Monopiles zu Billigstpreisen in die EU einführen. Im Ergebnis gehe es um eine Preisdifferenz von mindestens 40 Prozent, berichtet Finanzvorstand Völkel.
Hoffnung auf die Ostbeauftragte
„Das können wir nicht kompensieren. Das wird existenziell“, sagte Dreves an die Ostbeauftragte Kaiser gewandt: „Ein Zoll, der die deutsche Stahlindustrie schützt, wird zum Nachteil für uns.“ Seine Hoffnung ist, dass Kaiser ihre politischen Kontakte nutzt – damit diese Verwerfungen mit einer Neuregelung der Safeguard-Maßnahmen zum Jahreswechsel beseitigt werden. Auch EEW-Konkurrent Steelwind aus Nordenham hat getrommelt, und die Offshore Wind Foundations Alliance sowieso.
Die Zuversicht haben sie in Rostock aber nicht komplett verloren. „Einerseits haben wir raue See, andererseits darf man nicht zu spät investieren – sonst ist die Chance weg“, bringt Finanzgeschäftsführer Markus Völkel das Dilemma auf den Punkt. Deutlich mehr als 100 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in den Standort investiert. Eine Werkserweiterung auf dem Hafengelände in Rostock ist in der Diskussion.
Gleichzeitig wird die Internationalisierung vorangetrieben. In Korea, wo EEW bisher nur verhältnismäßig kleine Windfundamente bauen konnte, wird eines der beiden Werke ausgebaut. Die Kapazität dort steigt damit von aktuell rund 60.000 Tonnen auf 200.000 Tonnen jährlich – und damit auf Rostocker Dimensionen. Die Offshore-Windindustrie in Südostasien werde in den nächsten Jahren dynamisch wachsen, erwartet man bei EEW. Letztlich dient diese Investition auch der Stabilisierung, wie Völkel deutlich macht: „Es ist immer besser, wenn man breiter aufgestellt ist.“
