„Take the risk or lose the chance“ – so lautet das Motto, das der neue deutsche Mehrkampfmeister Radomyr Stelmakh seinem Porträt auf der Homepage des Deutschen Turner-Bundes vorangestellt hat. Frei übersetzt: „Nutz die Gelegenheit.“ Im vergangenen Februar erhielt der in der ukrainischen Stadt Saporischschja Geborene – „auf eigenen Wunsch“, wie der Verband schreibt – die deutsche Staatsbürgerschaft.
In gut drei Wochen wird er im deutschen Aufgebot für die Europameisterschaft in Zagreb stehen. In Kroatien könnte er einen entscheidenden Beitrag zum deutschen Teamergebnis beitragen. Vor der Meisterschaft hatte er bereits zwei interne Qualifikationen für sich entschieden.
„Ich bin sehr froh und glücklich, dass wir Radomyr jetzt im deutschen Trikot sehen werden“, sagte Jens Milbradt, der Cheftrainer des Deutschen Turner-Bundes (DTB) nach dem Mehrkampfsieg in Hannover. Für Radomyr Stelmakh wird es die erste Chance seit den Olympischen Spielen 2024 in Paris sein, auf internationaler Bühne sein Können zu zeigen. Damals stand er als Achtzehnjähriger im Aufgebot der Ukraine, das im Teamfinale den fünften Rang belegte. Bei den Europameisterschaften 2024 hatte er mit der ukrainischen Mannschaft überraschend sogar den Titel in der Teamentscheidung gewonnen.
Cottbus als neues Zuhause
Auf die Frage, wie das Verhältnis zu den alten Mitstreitern ist, sagte er am vergangenen Donnerstag nur: „Nächste Frage.“ Auch die Frage, was den Ausschlag gegeben habe, für Deutschland starten zu wollen, beantwortete er nicht: „Auch nächste Frage.“ Es sei nicht der Zeitpunkt: „Wir haben Krieg in unserem Land, es ist eine schwierige Zeit für den ukrainischen Sport, für das Land, für die Menschen.“ Er sei „glücklich, eine zweite Heimat“ gefunden zu haben, fügte der junge Mann an, er habe eine „feste Beziehung mit allen Jungs und zur Mannschaft – alles super“.
Dass Radomyr Stelmakh ein deutsches Trikot tragen wird, hat der DTB nicht zuletzt den festen Beziehungen zu verdanken, die seit Jahrzehnten zwischen dem SC Cottbus und dem ukrainischen Männerturnen bestehen. Sie reichen mindestens dreißig Jahre zurück. Damals, so steht es in den Annalen des SC Cottbus, verhalf ein gewisser Grigori Misjutin – Weltmeister für die Sowjetunion, Team-Olympiasieger 1992 mit der „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ und später Weltmeister für die Ukraine – als Gastturner dem Bundesligateam des SC Cottbus zum zweiten Platz bei der deutschen Meisterschaft.
„Ich muss Leistung zeigen“
Etliche ukrainische Turner haben seitdem den SC Cottbus verstärkt. Oleksandr Suprun, der 2011 erstmals für den Verein startete und nach Ende seiner internationalen Karriere in die Lausitz zog, wurde dort Trainer. Es war wiederum sein ehemaliger ukrainischer Trainer, der wenig später mit einem kleinen Jungen zu einem internationalen Junioren-Turnier nach Cottbus gekommen sei, erzählt Suprun in Hannover. Er habe ihm damals schon gesagt, dieser kleine Kerl namens Radomyr sei „sehr zielstrebig“. Stelmakh kam in den folgenden Jahren häufiger nach Cottbus, seit 2017 sei man sich nah, sagte Suprun.
Im März 2022, nur wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, floh Radomyrs Mutter mit dem minderjährigen Turntalent und dessen Schwester in die Lausitz. Ein paar Trainingslager in der Ukraine habe er in den vergangenen vier Jahren absolviert, erzählte Stelmakh. In Cottbus lebt er mittlerweile in einer eigenen Wohnung, Mutter und Schwester zogen nach Bulgarien. Das Turnen versteht Stelmakh – in bester sowjetischer Schule – als seine Arbeit. Er habe über seine Favoritenrolle nicht nachgedacht, sagte er in Hannover: „Ich habe eine Arbeit, ich muss arbeiten, ich muss Leistung zeigen.“
Sein Trainer Oleksandr Suprun bemüht das gleiche Vokabular mit Blick auf das gemeinsame Training. Er habe Radomyr von Anfang an gesagt, „dass wir an unserem Arbeitsplatz nie über den Krieg reden“. Suprun macht eine wegschiebende Handbewegung: „Dass wir den vollen Fokus auf das Turnen haben und beiseite ist beiseite.“ Das habe gut geklappt: „Mental ist er ein starker Junge.“

Das Risiko, das Stelmakh mit der Entscheidung eingegangen ist, die Staatsbürgerschaft und das Startrecht für Deutschland zu beantragen, bestand zuvorderst in einer einjährigen Sperre. Nationale Verbände beantragen beim Internationalen Turner-Bund den Nationalitätenwechsel. Der veröffentlicht nach Begutachtung durch das Exekutivkomitee den Wechsel. So auch im Fall von Radomyr Stelmakh. Im vergangenen März tauchte sein Name in der entsprechenden Liste auf, allerdings mit einem Sternchen versehen. Das bedeutet: Der beantragte Wechsel tritt erst ein Jahr nach der Entscheidung in Kraft.
So war es seinem ehemaligen Teamkollegen Ilia Kovtun ergangen. Der hatte gemeinsam mit Stelmakh im erfolgreichen EM-Team 2024 gestanden und schon damals Osijek (Koratien) eine neue Heimat gefunden. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 gewann er für die Ukraine Silber am Barren, Anfang 2025 wurde sein Antrag auf Wechsel nach Kroatien bekannt. Doch die Ukraine gab ihn nicht frei. Sowohl der russische als auch der ukrainische Turnverband haben seit Kriegsbeginn kaum einen Athleten freigegeben. Ilia Kovtun wird nach einem Jahr des Wartens nun ausgerechnet bei der EM in Zagreb erstmals wieder an den Start gehen – als Kroate.
Im Fall Stelmakh ging es nun sehr schnell: Bereits Anfang Juli verkündete der DTB, er habe die Freigabe aus der Ukraine erhalten. Man habe „umfangreiche Kontakte“ mit der Ukraine gehabt, sagte dazu Cheftrainer Milbradt in Hannover. Die Haltung der „Verantwortlichen im sportlichen Bereich“ – also nicht unbedingt jene der Funktionäre – sei relativ klar gewesen: Man wolle diesem jungen Turner nicht ein Jahr Sperre aufbürden.
Zur Geschichte Radomyr Stelmakhs in Deutschland gehört auch, dass er schon bei der deutschen Meisterschaft im vergangenen Jahr der beste Turner war, mit mehr als zwei Punkten Vorsprung vor dem Sieger Timo Eder, der in Hannover nicht sein bestes Wochenende hatte. Doch gemäß den deutschen Regularien bekam der Ukrainer Stelmakh den Titel nicht zugesprochen und bei den Finalentscheidungen durfte er erst gar nicht antreten. In Hannover stand der Deutsche Stelmakh in fünf Gerätefinals und ist nun auch deutscher Meister am Pauschenpferd und am Barren.
