Die Serie bestimmt den Menschen. Ikea bietet Einrichtung und Gestaltung in den verlässlichen Formen von Lack und Billy, Netflix offeriert Fiktion und Unterhaltung in Staffeln und Episoden. Das Prinzip der Serialität fasziniert Kunst, Handwerk, Ingenieure und Architekten, seit der industrielle und technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts die immer schnellere und billigere Fertigung immer neuer Produkte erlaubte.
Die Wiederholung des Immergleichen, hoffnungsvoll beglaubigt durch die Genialität des jeweiligen Entwerfers, fasziniert Avantgarde und Alltag bis heute, vom Städtebau des „Neuen Frankfurt“ über die serielle Musik der Nachkriegsavantgarde bis zum Tupperdosen-Set für den Kühlschrank.
Die Ausstellung „Im Modus der Serie“ wirft im Frankfurter Museum Angewandte Kunst einen Blick auf das, was das städtische Leben seit dem 20. Jahrhundert zunehmend bestimmt: schnelles, effizientes Bauen mithilfe industrieller Fertigung und serieller Produktion.
Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, sozialer Wohnungsbau
Im zweiten Stock geht es auf Schauwänden, die Studenten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) zusammengestellt haben, um den Wiederaufbau des kriegszerstörten Le Havre nach 1945. Den Bau einer Stadt für 80.000 Bewohner konnten Auguste Perret und Raymond Camus nur durch den Einsatz serieller Verfahren bewältigen. Auf einem Quadratraster mit einer Seitenlänge von 6,24 Metern entstanden Wohn- und Geschäftsgebäude.

Das erste Haus, das mithilfe des von Camus entwickelten Produktionsverfahrens errichtet wurde, bestand aus zwölf Wohnungen, sieben Geschäften und 700 Einzelteilen. Die vier Tonnen schweren Tafeln wurden im Werk gegossen, trockneten 48 Stunden und wurden mit einer Dämmschicht, einer Außenwandverkleidung und auf den Innenseiten mit Putz versehen, ehe sie mithilfe von Kränen montiert wurden.
Frühestes Beispiel für ein solches Bauen ist das „Betondorp“ in der Siedlung Watergraafsmeer, die Dick Greiner und andere Architekten zwischen 1923 und 1927 im Südosten von Amsterdam als Werkstatt für die Erprobung von Betonbauweisen diente. Ein Beispiel seriell hergestellter Innenarchitektur aus derselben Zeit ist die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky, die zwischen 1926 und 1930 in Frankfurt mehr als 10.000 Mal eingebaut wurde. Als eines der seltenen Beispiele aus Design und Architektur, in denen die Utopie auf Einwände im Praxistest reagierte, wurde die Küche in Details immer wieder umgeplant.

Anders verhielt es mit dem Konzept der Metastadt, das Richard Dietrich Mitte der Sechzigerjahre als kritische Reaktion auf den einförmigen Nachkriegsstädtebau entwarf. Es sollte bestehende Strukturen ergänzen, kam 1974 in Wulfen zum Einsatz und führte zum Rückzug Dietrichs aus dem Projekt. Zwölf Jahre später stand das Ensemble leer und wurde abgerissen.
Noch immer fasziniert die Idee, dass das stählerne Tragwerk mit eingehängten Wänden und Haustechnik es den Bewohnern durch einfache Verschraubungen erlaubt hätte, ihre Wohnung eigenständig zu verändern. Aber nicht jeder begreift Wohnen als Basteln. Dass der eine Nachkriegs-Aufbruch dem anderen nicht grün war und pragmatische und utopische Lösungen in Gleichförmigkeit endeten, verrät, warum das serielle Bauen nach dem Boom des DDR-Plattenbaus und des westdeutschen sozialen Wohnungsbaus in eine Krise geriet.
„Wir haben den Faden verloren“, sagt Axel Sowa, Architekturtheoretiker an der RWTH und Kurator der Ausstellung. Man müsse sich die Serie wieder erobern, gerade vor dem Hintergrund fehlenden Wohnraums: „Insofern ist die Ausstellung auch eine Einladung, Beispiele anzuschauen, die uns das serielle Denken näherbringen können.“
Die Schau, die zum Programm des „World Design Capital“-Jahres zählt, zeigt neben einigen klug ausgewählten Beispielen seriellen Designs daher auch serielle Städtebau-Lösungen der Gegenwart wie den Holzmodul-Campus, den Sauerbruch Hutton seit 2024 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen realisiert haben, und das Gebäude-Ensemble, das Kuehn Malvezzi für ein Stadtquartier in Paris entworfen haben.
In Rostock fügen sich 1000 Module aus nachhaltigem Holz zu einem Seminargebäude und zwei Wohngebäuden zusammen, nehmen sich gegenüber den umgebenden Großwohnsiedlungen aus Plattenbauten aber noch immer verschwindend klein aus. In Paris sieht das Berliner Büro Fassaden aus bis zu 30 Zentimeter starken Steinwänden vor, sodass die Serialität in diesem Fall schon im Steinbruch beginnt. Zu etwas anderem als Lochfassaden führt das trotzdem nicht.
„Im Modus der Serie“, Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt, bis 18. Oktober
