Wenn man im tiefen Südwesten Berlins an der Ecke Riemeisterstraße/Argentinische Allee steht und Richtung Osten blickt, bekommt man einen schlüssigen Eindruck von der Idee, die der Architekt Bruno Taut mit der Waldsiedlung Zehlendorf verwirklicht hat. Rechts die fast fünfhundert Meter lange, durch zurückspringende Gebäudestufen in Rostrot, Hellblau und Weiß zwischen sandgelb bemalten Wohneinheiten gegliederte Fassade des viergeschossigen Häuserblocks, der die Allee von der U-Bahn-Trasse trennt. Links die quergestellten, von der Straße abgewandten, genau gleich hohen Blöcke, die mit ihren weiten Abständen den Übergang zur nördlich anschließenden Einfamilienhaus-Bebauung bilden. Südlich der Kreuzung dann, an der Stelle, wo die Bahntrasse die Straße unterquert, das gesellschaftliche Zentrum der Siedlung mit dem Restaurant „Kretaner“, dem lichten Flachbau der „Frisierkunst“, in dem heute eine Stadtteil-Initiative residiert, einer Zahnarztpraxis und einer Kita – vor allem aber mit der zweizeiligen Ladenpassage des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte, der allerdings nicht mehr von Taut konzipiert wurde.
Taut starb im türkischen Exil an einem Asthmaleiden
Hier steht auch, als dreigeteiltes Bronzerelief auf einem Buntziegelsockel, das Denkmal des Landes Berlin für Bruno Taut. Taut, 1880 in Königsberg geboren, kam über Stuttgart in die Reichs- und Republikhauptstadt, wo er von 1924 an gemeinsam mit Kollegen wie Otto Gropius, Hans Scharoun, Martin Wagner und Heinrich Tessenow den Siedlungsbau prägte, mit dem die Weimarer Demokratie die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu bekämpfen suchte. Während er bei Projekten wie der Siedlung Schillerpark im Wedding, der Weißen Stadt in Reinickendorf und der Siemensstadt in Charlottenburg nur einer unter mehreren Architekten war, prägte er der von 1926 an entstehenden Waldsiedlung Zehlendorf ebenso wie der kurz zuvor begonnenen Britzer Hufeisensiedlung fast allein seinen Stempel auf. Die Waldsiedlung, 1931 fertiggestellt, war das letzte seiner Großvorhaben in Deutschland, bevor er 1932 nach Moskau und nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin ins Exil nach Japan und von dort in die Türkei ging. 1938 starb er in Istanbul an einem Asthmaleiden.

Das UNESCO-Komitee hat Tauts Waldsiedlung nun am Sonntag auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt – endlich, muss man sagen, denn diese Auszeichnung war seit achtzehn Jahren fällig. Damals, im Juli 2008, bekamen sechs andere Berliner Leuchttürme des neuen Bauens den Welterbestatus, darunter die Hufeisen- und die Schillerparksiedlung und sogar die biedere Gartenstadt Falkenberg, nur Zehlendorf ging leer aus. Dabei bildet die Waldsiedlung geradezu die Krone eines Baustils, der in der Nachkriegszeit zur Betonklotzerei degenerierte, hier aber seinen ganzen sachlichen Zauber entfaltete. Flachdächer, vorspringende Treppenhäuser, Eckbalkone, bunte Türen, Ziegelrahmungen, lichte Räume nach Süden und Westen, karge Quadratfenster nach Norden und Osten und vor allem die farbliche Gestaltung der Fassaden sind die Grundelemente dieses Stils; in Zehlendorf treffen sie alle zusammen.
Die Nationalsozialisten verspotteten das Ensemble aus 1100 Wohnungen und gut achthundert Reihen- und Einzelhäusern wegen seiner heiteren Farbigkeit als „Papageiensiedlung“ und errichteten direkt nordwestlich davon eine weitere Waldsiedlung an der Krummen Lanke, in der sie SS-Kader in „germanisch“ gestalteten Einfamilienhäusern mit Satteldach unterbrachten. Schon während der Errichtung der Taut-Siedlung hatte zwischen dem Architekten und den Erbauern der südlich angrenzenden Reihenhaussiedlung am Fischtalpark, einer eiszeitlichen Rinne, ein in Zeitungen und Fachzeitschriften ausgetragener „Dächerstreit“ getobt, in dem Tessenow, Hans Poelzig und der Nazi-Günstling Paul Schmitthenner auf der traditionstrunkenen Gegenseite standen. Die Erbitterung, mit der damals geredet und geschrieben wurde, erinnert an die Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses siebzig Jahre später.
Taut hatte eine neue Gesellschaft im Sinn. Wenn man an einem Sommerabend durch die Straßen rechts und links der Argentinischen Allee läuft, ahnt man noch, wovon er geträumt hat: von der Versöhnung zwischen Industriearbeitern und Kleinbürgertum, von einer Welt der kleinen Leute mitten im größten Berliner Villenviertel. Aber die Mietpreise in der Siedlung waren wegen der gestiegenen Baukosten von Anfang an so hoch, dass nur wenige Proletarier dort einzogen, und heute muss man für eine Eigentumswohnung im Eisvogelweg, wo der große Sozialdemokrat und Widerstandskämpfer Julius Leber gewohnt hat, oder ein Reihenhaus im nördlichen Teil der Siedlung nicht selten das Zehnfache eines Jahreseinkommens hinblättern. Dafür blüht hier die neusachliche Idylle, als hätte Berlin seine besten Jahre immer noch vor sich. Mittelklasse-Limousinen parken im Schatten der Kiefern, Fliederduft strömt aus den Vorgärten, Kinderstimmen und Klaviermusik dringen aus geöffneten Fenstern. Das alles ist jetzt Weltkulturerbe. Zu Recht.
