Die eigene Pride-Parade zum Christopher Street Day (CSD) ist längst beendet, als am späten Samstagabend die ersten Nachrichten vom Anschlag am Berliner Tiergarten in Mainz eingehen. Dass es beim Angriff eines mutmaßlich islamistisch motivierten Täters, der in der Bundeshauptstadt gegen 22 Uhr absichtlich einen Kleintransporter in eine Menschengruppe gelenkt haben soll, mindestens eine Tote sowie mehrere Verletzte gegeben hat, trifft viele Mitglieder der queeren Gemeinschaft in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz gänzlich unvorbereitet auf der eigenen After-Demo-Party im Alten Postlager am Hauptbahnhof. „Wir waren geeint als Community heute für die gleiche Sache auf der Straße und stehen auch jetzt solidarisch zusammen“, lautet später ein erster Instagram-Eintrag der Mainzer CSD-Szene: „Unsere Gedanken sind bei den Opfern.“
„Feige und verabscheuungswürdige Gewalttat“
Von einer „dunklen Stunde“ spricht am Sonntag die stellvertretende Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Sozial- und Familienministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), die den Angriff am Rande des CSD in Berlin eine „feige und verabscheuungswürdige Gewalttat“ nennt. Auch wenn in diesem Moment das Leid und die Hoffnung, dass alle Verletzten schnell und vollständig wieder gesunden, im Vordergrund stünden, müsse trotzdem klar sein: „Unsere Gesellschaft steht für Toleranz und Gemeinschaft und gegen jede Form von Hass und Hetze.“ Dabei sei „Pride stärker als Hass“, so die Ministerin. Das sieht Kathrin Anklam-Trapp (SPD), die Landesbeauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Geschlechtsidentität in Mainz, ähnlich: „Wir werden eng zusammenstehen und die Werte von Toleranz und Vielfalt weiterhin strikt verteidigen: Pride heißt immer auch Sichtbarkeit.“

Auf die für beißende Kritik bekannten Motivwagen, wie sie am Rosenmontag jedes Jahr in Mainz zu sehen sind, hatten die Veranstalter bei der Pride-Parade am Samstagnachmittag bewusst verzichtet. Die queere Community, die sich in der Rhein-Main-Region für eine bunte, offene und demokratische Gesellschaft einsetzt, hat den Anspruch, als politische Bewegung wahrgenommen und nicht nur als Party-Community oder gar als närrische Pappnasen-Bewegung gesehen zu werden.
Viele Farben und Verkleidungen, wie etwa die Fursuits genannten handgemachten Masken und Tierkostüme, die zum Beispiel von Mitgliedern einer offenbar rasch wachsenden Furry-Community getragen werden, gehören allerdings unverkennbar zum Lebensgefühl all jener, die beim Mainzer CSD-Umzug mit auf die Straße gingen. Mehr als 10.000 Teilnehmer dürften es nach Schätzungen der Polizei gewesen sein, die sich unter dem Motto „Vielfalt leben – Demokratie verteidigen – Menschenrechte sichern“ an der Parade am Samstag beteiligten. Die Organisatoren vom Verein Schwuguntia gingen am Ende sogar noch von ein paar Tausend Mitmarschierern mehr aus.
Mehrere CSD-Redner wiesen darauf hin, dass das „gesellschaftliche Klima“ rauer geworden sei. Was all jene, die sich in ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer sexuellen Identität nicht der „heteronormativen Mehrheitsgesellschaft“ zugehörig fühlten – also etwa lesbische, schwule, transsexuelle oder nichtbinäre Menschen –, oft genug am eigenen Leib erfahren müssten. Man fordere deshalb „keine Sonderrechte“ für die queere Gemeinde, hieß es: „Echte Gleichbehandlung“ würde reichen.
