
Über dem Rebstockpark steht die Sonne am Himmel, und die Musik ist so laut, dass man den Bass auf der Brust spürt. Am Samstag sind gut 15.000 Besucher zur 30. Ausgabe des Technofestivals Love Family Park nach Frankfurt gekommen, an beiden Tagen ist das Musikspektakel ausverkauft. „Die Leute kommen rein wie die Heuschrecken, tanzen und gehen wieder“, sagt Pressesprecher Lukas von Zittwitz. Am Samstag ist das Gelände schon um 14 Uhr gut gefüllt. Viele Fans – sehr junge, aber auch ältere – tanzen vor den Bühnen, essen und trinken an einem der zahlreichen Verpflegungsstände oder liegen einfach nur auf der Wiese und genießen die Musik.
Zur Premiere des Festivals seien 1996 gut 500 Gäste nach Hanau gekommen, berichtet Zittwitz. Inzwischen habe sich die Besucherzahl vervielfacht, und es gebe drei Bühnen, von denen jede ein anderes Genre bediene. Mehr als 20 Künstlerinnen und Künstler sind beim Jubiläum dabei, darunter Charlotte de Witte, Solomun und I Hate Models aus Frankreich.
Und über allem schwebt ein Name, den man an diesem Tag auf dem Festivalgelände noch öfter hört: Sven Väth. Der Frankfurter DJ ist seit 30 Jahren das Gesicht des Festivals, er ist einer der bekanntesten Technokünstler und vor allem für die Jüngeren ein Urgestein, dessen Auftritt man nicht verpassen darf. „Das ist mein Haupt-DJ, den will ich sehen“, sagt zum Beispiel der 26 Jahre alte Tim. Er ist mit seiner Schwester Antonia, 23 Jahre alt, gekommen. Sie sitzen auf einem Sofa im Backstage-Areal der zweiten Bühne und trinken Bier.
Nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl
In diesem Jahr mussten die Geschwister keine Karten kaufen, sie haben sie gewonnen, wie sie voller Freude berichten – und dann erzählen, dass ihr Weg zum Love Family Park von ihrer Mutter geebnet worden sei. Die habe Väth früher in Frankfurter Kneipen getroffen und im legendären Club Dorian Gray gesehen. „Das ist auf uns übergesprungen“, sagt Antonia. Ihre Mutter habe nicht nur einen Musikgeschmack weitergegeben, sondern auch ein Lebensgefühl.
Für Antonia hat dieses Gefühl einen konkreten Namen: Freiheit. Sie könne bei diesem Festival zum Beispiel anziehen, was sie wolle, ohne dass Männer sie belästigten. „Techno ist eine respektvolle Kultur. So freundlich und ohne Vorbehalte.“ Und unter freiem Himmel fühle sie sich noch wohler als in einem Club.
Ein paar Meter weiter stehen Anja und Markus an einem Tisch unter einem Pavillon. Sie sind 47 und 48 Jahre alt und seit den Neunzigerjahren dabei. Sie seien mit dieser Musik aufgewachsen, erzählen sie. Und sie seien in Clubs groß geworden, die es schon lange nicht mehr gebe. Auch Markus hat Väth früher im Dorian Gray gesehen. Er erinnert sich gern an die langen Nächte in dem Club im Flughafen – und den jeweils abschließenden Besuch bei McDonald’s. Techno halte sie beide jung, sagt Anja. „Wenn ich hier bin, fühle ich mich zurückversetzt.“ Und dann erzählt sie von einer Frau über 70, die sie manchmal tanzend auf dem Gelände sehe. So wolle sie das später auch machen und nicht ausgelacht werden. „Hier ist genau der richtige Ort dafür. Die Toleranz ist mega. Jung und Alt sitzen hier am selben Tisch.“
Dass sie sich heute einen Silberpass für die teureren Festival-Areale leisten könne, quittiert Anja mit einem Schulterzucken und einem Gefühl zwischen Stolz und leiser Wehmut. Früher habe es so etwas gar nicht gegeben. „Da bist du hin und fertig.“ Heute sei das Festival anders, vieles sei größer geworden, kommerzieller, exklusiver. Seit Tiktok und Corona habe sich etwas verschoben, das Publikum sei nun jünger und ziehe sich auch anders an. Markus ist derweil vor allem froh, dass ihn heute Abend niemand Papa nennt. „Die Kinder sind bei den Großeltern – hoffe ich zumindest.“
Pünktlich um 19 Uhr übernimmt Väth das Ruder. Vor der Bühne eins ist es nun noch voller als während der Stunden zuvor. Die Lautsprecher neben dem Pult sind so groß wie ein Kleinwagen, und das Publikum tanzt auf und ab. Markus und Anja verabschieden sich, drängen nach vorn und verschwinden in der Menge.
