Hörbar gut gelaunt kommt Isabella Rossellini an einem Junivormittag ans Telefon. Dass sie am 5. August, zur Eröffnung des Filmfestivals im schweizerischen Locarno, einen Ehrenpreis bekommen wird, den vor ihr bereits Isabelle Huppert, Charlotte Rampling oder Ethan Hawke erhalten haben, ist nur zum Teil Grund für ihre Ausgelassenheit. Außerdem sollen wenige Tage später die Dreharbeiten zu ihrem jüngsten Film beginnen; deshalb nimmt sie den Anruf auch nicht zu Hause in Upstate New York, sondern in Italien, nahe Perugia, an. Der Brückenschlag zwischen den europäischen Wurzeln ihrer Eltern Roberto Rossellini und Ingrid Bergman einerseits und ihrer amerikanischen Wahlheimat andererseits bestimmt das private wie künstlerische Leben der 74-Jährigen seit ihren Studien- und Model-Tagen im New York der späten 1970er-Jahre. 40 Jahre nach dem großen Durchbruch als Schauspielerin mit David Lynchs Kultfilm „Blue Velvet“ blickt sie zurück auf Leben und Arbeit.
Ms. Rossellini, beim Filmfestival in Locarno erhalten Sie einen Preis für Ihr Lebenswerk, den „Excellence Award“. Wann fanden Sie denn sich selbst oder Ihre Arbeit zuletzt exzellent?
Über die Auszeichnung freue ich mich wirklich sehr. Aber mit dem Begriff „Exzellenz“ habe ich eher Schwierigkeiten. Das auf sich selbst anzuwenden, ist doch eher seltsam und den meisten Menschen eher fremd. Wenn ich mich selbst in einer Rolle sehe, dann denke ich höchstens manchmal: Ach, das hast du doch ganz gut gemacht. Und nicht selten sehe ich vor allem all die Dinge, die ich hätte besser machen können.
„Ganz gut“ ist natürlich sehr bescheiden. Immerhin wurden Sie 2025 sogar für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. War das, nach mehr als 40 Jahren in der Branche, eine Genugtuung?
Ehrlich gesagt kann ich bis heute noch nicht ganz fassen, dass ich diese Nominierung bekommen habe. Früher war es praktisch ausgemachte Sache, dass die Karrieren der meisten Schauspielerinnen zum Erliegen kommen, wenn sie älter werden. Aber meine läuft seit einigen Jahren immer besser und besser. So ganz kann ich mir das wirklich nicht erklären. Die Oscar-Nominierung ist natürlich die Krönung dieser Entwicklung, und die habe ich einfach dem unglaublichen Erfolg des Films „Konklave“ zu verdanken. Aber dass ich trotz meines hohen Alters so gut im Geschäft bin wie nie zuvor, fing schon eine Weile vorher an.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie scheinen insgesamt gerade aber auch einfach Freude an der Arbeit zu haben, oder?
Die habe ich, immer schon. Aber das ist ja nicht gleichbedeutend damit, dass ich auch wirklich gute Jobs bekomme. Es gab eine Zeit, da war ich 45 oder 50 Jahre alt, in der ich praktisch keine Rollen bekam. Das machte mich wirklich traurig, auch wenn ich schnell erkannte, dass die Situation wenig mit mir persönlich zu tun hatte. Denn den meisten meiner Freundinnen gleichen Alters in der Branche ging es ähnlich. Dass die Situation heute im Großen und Ganzen eine andere zu sein scheint, nicht nur für mich persönlich, freut mich wirklich sehr.
Was hat sich in der Branche geändert?
Da fragen Sie mich was. Mit Bestimmtheit kann ich das gar nicht sagen. Aber ich denke auf jeden Fall, dass sich mit dem Beginn der Streaming-Ära etwas verschoben hat. Dadurch, dass man heutzutage erstklassige Geschichten zu Hause auf dem Sofa gucken kann, wird ein ganz anderes Publikum erreicht als früher. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe das Kino, und wir alle kämpfen für das Überleben des Kinos. Aber ich kann nachvollziehen, warum viele es bequemer finden, zu Hause zu streamen. Gerade wenn man kleine Kinder hat, ist ein Kinoabend aufwendig und teuer, schließlich braucht man einen Babysitter, und je nachdem, wo man wohnt, kostet einen das dann vier und mehr Stunden.
Zugleich ist so ein Abend doch auch ein echtes Ereignis!
Im besten Fall natürlich. Aber nicht jeder Filmabend muss ein Ereignis sein. Es gibt durchaus Filme, die ich gucke, wie ich ein Buch lese. Hier mal ein halbes Stündchen, am nächsten Tag noch eins. Darüber kann man die Nase rümpfen, aber so sieht die Realität doch für viele aus. Jetzt habe ich aber fast den Faden verloren. Was ich eigentlich sagen wollte: Durch das Streaming wurden nicht zuletzt viel mehr Frauen als Zielgruppe erreicht, glaube ich. Arbeitende Mütter zum Beispiel, überhaupt umtriebige Frauen mit wenig Zeit. Und irgendwann dämmerte den Verantwortlichen, dass dieses Publikum Geschichten sehen will, die es als interessant empfindet und in denen es sich wiederfindet. Da brauchte es andere Frauenfiguren als immer nur die Schöne, das Sexobjekt, das nette Mädchen, das man heiraten möchte. Entsprechend veränderte sich nicht zuletzt das Angebot an Rollen für Frauen jenseits der 40.
Umtriebig sind Sie selbst ja auch, denn Ihr Leben besteht aus sehr viel mehr als der Arbeit als Schauspielerin. Sie haben Kinder und Enkelkinder und betreiben eine Farm mit vielen Tieren in Brookhaven im Bundesstaat New York. Könnten Sie sich ein Leben ohne den Job vorstellen?

Definitiv, denn während mancher Phasen habe ich genau das ja schon erlebt. Hätte es nicht immer wieder diese Durststrecken gegeben, in denen ich kaum Rollen als Schauspielerin und keine Aufträge als Model hatte, hätte ich nie begonnen, die Farm aufzubauen. Das war auch die Zeit in meinen Fünfzigern, in der ich in New York noch mal studierte, Tierverhalten und Artenschutz. Und in der ich anfing, über diese Themen meine eigenen kleinen Filme als Regisseurin zu drehen. Denn das ist natürlich das Ding: Ein Leben ohne Film kann ich mir nicht vorstellen. Dank meiner Eltern sind Filme seit meiner Geburt fester Bestandteil meiner Existenz. Nicht mehr als Schauspielerin tätig zu sein, würde mich also traurig machen, aber es würde nicht bedeuten, dass ich nicht mehr künstlerisch in diesem Medium tätig wäre.
Vor der Kamera schlagen Sie die Brücke zwischen Hollywood und europäischen Produktionen, wie das früher Ihre Mutter Ingrid Bergman tat. Gerade haben Sie einen neuen Film mit der italienischen Arthouse-Regisseurin Alice Rohrwacher gedreht; davor waren Sie in der US-Serie „The Beauty“ zu sehen. Wie treffen Sie bei so vielen Angeboten aus beiden Welten die Entscheidung, welche Rollen Sie übernehmen?
Entscheidend sind für mich immer die Menschen, die ich treffe, denn einen Film zu drehen, ist immer eine Zusammenarbeit. Das Drehbuch gibt einem eine Ahnung davon, wohin die Reise geht. Aber wirklich ausschlaggebend ist für mich die Person dahinter. Die muss mich interessieren und begeistern. So wie Alice Rohrwacher, die für mich eine der interessantesten Regisseurinnen unserer Zeit ist.
Sie könnte mit ihren eigenwilligen Filmen allerdings nicht weiter weg sein von Ryan Murphy, Produzent von „The Beauty“, der eine Hochglanzserie nach der nächsten verantwortet.
Thematisch natürlich. Ryan ist besessen von Mord und anderen Grausamkeiten, weswegen ich „The Beauty“ recht furchterregend fand. Aber er ist eben auch unglaublich talentiert und klug, weswegen es eine Freude war, ihn kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten. Für mich ist Ryan Murphy nicht weniger ein Meister-Autor und Geschichtenerzähler als zum Beispiel David Lynch. Der Unterschied ist weniger die Art und Weise des Erzählens als die Tatsache, dass Ryan anders als David ein unfassbarer kommerzieller Erfolg beschieden ist.
Wo wir gerade Ihre Mutter erwähnt haben, fällt einem das Stichwort „Nepo Babys“ ein, von dem zuletzt ja viel die Rede ist: Menschen, die ihren Ruhm auch berühmten Eltern zu verdanken haben. Als Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini könnte man Sie praktisch den Prototyp des „Nepo Babys“ nennen.
Hahaha, das amüsiert mich. Ich gehöre wohl wirklich zu den ersten „Nepo Babys“. Wobei wir ein paar andere nicht vergessen sollten, Vanessa Redgrave, Jane Fonda oder Liza Minnelli zum Beispiel.
Sie haben nie versucht, sich von Ihren Eltern und deren Ruhm zu distanzieren, sondern sich das immer zu eigen gemacht.
Ich habe mich einfach immer glücklich geschätzt, derart wundervolle und talentierte Eltern zu haben. Gerade gestern bin ich auf Instagram in die Bresche gesprungen für Francesca Scorsese, die Tochter meines wunderbaren Ex-Mannes Martin Scorsese. Was sie sich online oft anhören muss, weil sie diesen berühmten Vater hat, ist fürchterlich. Entsetzliche Kommentare, etwa mit Blick auf ihr Aussehen. Da war es mir wichtig, ihr zu sagen, dass ich genau weiß, wie sie sich fühlt. Und dass es natürlich hilft, wenn man die Tochter von jemandem wie Scorsese ist. Nicht, weil er berühmt ist. Sondern weil es einen enormen Vorsprung im Leben bedeutet, wenn man intelligente, kreative Eltern hat, die Abenteurer und Künstler sind.
Der Ruhm und der Erfolg der Eltern haben aber natürlich auch Auswirkungen auf den Nachwuchs!
Erfolg ist nicht unbedingt das, worum es mir als Künstlerin je gegangen ist. Höchstens in dem Sinn, dass er es einem ermöglicht, Projekte zu verwirklichen. Und so gesehen ist es selbstverständlich nicht folgenlos, wenn man die eigene Karriere als „Tochter von“ beginnt. Sicher haben sich für mich früher ein paar Türen geöffnet, weil die Leute neugierig waren auf die Tochter von Ingrid Bergman. Aber die Sache hat natürlich eine Kehrseite, denn damit gehen enorme Erwartungen einher. Als junge Schauspielerin ist man noch nicht auf der Höhe seines Könnens und hat seine eigene Stimme noch nicht gefunden. Wie soll man da mithalten mit einer dreifachen Oscar-Gewinnerin als Mutter? Entsprechend harsch fielen manche Urteile über meine Fähigkeiten aus. Aber wie ich auch zu Francesca gesagt habe: Mit Mitte 20 ist es nicht so einfach, das alles auszuhalten. Doch mit den Jahren verändert sich das – und irgendwann freut man sich darüber, wenn man sieht, wie viel Bewunderung die Menschen für die eigenen Eltern haben, deren Geschichte und Werk man irgendwann am Leben erhalten darf.
Aufgewachsen sind Sie größtenteils in Italien, und aus Ihrer Liebe zu dem Land machen Sie kein Geheimnis. Inzwischen haben Sie aber längst auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und dort Ihren Hauptwohnsitz. Wie amerikanisch fühlen Sie sich?
In mancherlei Hinsicht bin ich sicherlich inzwischen ziemlich amerikanisch. Zum Beispiel bin ich ein enorm organisierter Mensch mit viel Sinn für Effizienz. Da mag auch die Schwedin in mir durchkommen, meine Mutter war ähnlich. Aber ich glaube, ich habe mir das größtenteils in den USA angeeignet, wo diese Zielstrebigkeit ja fester Bestandteil der Kultur ist. Nicht, dass man in Italien nichts von Effizienz hält, aber da geht es doch geselliger und entspannter zu. Das fiel mir gerade wieder auf, als ich für Dreharbeiten nach Umbrien kam. Wo in Amerika die Vorbereitung für eine Filmcrew vor allem aus möglichst präzisen Plänen und Listen besteht, ist es in Italien das Wichtigste, erst einmal eine Woche lang zusammen Zeit zu verbringen und als Team zusammenzukommen. Was mir zum Glück auch gefällt.
Haben Sie in den zurückliegenden Jahren mal darüber nachgedacht, in den USA Ihre Zelte abzubrechen und komplett nach Europa zu ziehen?
Ja, manchmal. Wir alle haben Angst davor, wie die Stimmung sich verändert und die politische Lage sich verschärft. Sie als Deutscher dürften wissen, wovon ich spreche. Aber seien Sie mir nicht böse, wenn ich gerade nicht über Politik sprechen möchte. Das ist mir als Thema ein bisschen zu komplex und heikel für ein kurzes Interview.
Dann sprechen wir doch kurz über den im vergangenen Jahr verstorbenen Regisseur David Lynch, dessen Name bereits fiel. Er hat Sie nicht nur als Schauspielerin berühmt gemacht, vor genau 40 Jahren mit „Blue Velvet“. Sie waren auch privat rund fünf Jahre lang ein Paar. Wie denken Sie heute an ihn zurück?
Als David starb, sagte der Regisseur Denis Villeneuve, der ja seine eigene Adaption von „Dune“ gedreht hatte, es fühle sich für ihn so an, als habe ein Planet unser Sonnensystem verlassen. Das war eine phantastische, enorm treffende Beschreibung für diesen immensen Verlust. David war die wichtigste künstlerische Stimme des Independent-Kinos; er stand wie kein anderer für experimentelles Filmemachen und Mystery. Er tat das mit so viel Charme und Klugheit, dass ich verstehe, warum so viele Menschen Anhänger seines Werks sind. Entsprechend tief ist das schwarze Loch, das seine Abwesenheit hinterlässt – ganz unabhängig von der Rolle, die er in meinem persönlichen Leben gespielt hat.
Sind Sie allgemein jemand, der gerne zurückblickt und an früher denkt? An Ihre Anfänge als Schauspielerin in den Achtzigerjahren etwa?
Eine Sehnsucht nach den damaligen Zeiten habe ich nicht. Heute bin ich doch viel besser dran als damals. Nicht nur, weil ich mehr Arbeit habe. Ich kann jedem nur empfehlen, älter zu werden. Das Alter hat einen schlechten Ruf, den ich nie nachvollziehen konnte. Ich zumindest erlebe einen anderen Respekt als früher. Damals hat man mich als unerfahrenes Küken abgetan, heute fragt man mich nach meiner Meinung. Mein Leben hat seine volle Blüte jedenfalls erst nach meinem 60. Geburtstag erlangt.
Wo Sie gerade übers Älterwerden sprechen, muss ich an die inzwischen 93-jährige Joan Collins denken. Mit ihr haben Sie vergangenes Jahr einen Film gedreht, der demnächst in die Kinos kommen soll, und sich wirklich angefreundet, nicht wahr?
Was für eine außergewöhnliche Frau. Wenn man mich fragt, wie Joan im echten Leben ist, sage ich immer: Sie mag aussehen wie eine Barbie, aber wenn sie den Mund aufmacht, ist sie klug wie Madame Curie. Sie ist eine echte Freude. Und geht mit einer Mischung aus Pragmatismus und Positivität durchs Leben, die nachvollziehbar macht, warum sie seit so vielen Jahrzehnten erfolgreich ist. Auf unseren gemeinsamen Film „My Duchess“ können Sie sich freuen!
In Locarno läuft der Film leider noch nicht, sondern stattdessen eine Retrospektive mit allen Ihren Kurzfilmen, in denen Sie sich auf höchst originelle Weise der Tierwelt widmeten. War das Ihr Wunsch?
Ja, der Gedanke kam mir, als ich gefragt wurde, welchen Film ich anlässlich meines Ehrenpreises gerne zeigen würde. Mir bedeuten diese Arbeiten viel – und weil sie alle so kurz sind, wirklich immer nur ein oder zwei Minuten, kann man praktischerweise mein gesamtes Werk als Regisseurin in anderthalb Stunden zeigen. Das ist das erste Mal überhaupt, dass alle meine bisherigen Arbeiten als Filmemacherin an einem Stück gezeigt werden. Ich fand das mit Blick auf mich als Person und Künstlerin aussagekräftiger, als einfach noch mal „Blue Velvet“ oder „Konklave“ zu zeigen. Außerdem bietet sich so vielleicht die Möglichkeit, mit den Gästen in Locarno danach über Tiere und Naturschutz ins Gespräch zu kommen.
