
Die Deutsche Bank war unerbittlich. Sie hat gemeinsam mit drei in London ansässigen Fonds am frühestmöglichen Stichtag beschlossen, Kasse zu machen und sich den wertvollsten Teil von Varta zu sichern. Der Batteriehersteller wird zerschlagen, die Einzelteile werden in alle Welt verkauft. Für die Haushaltsgerätesparte gibt es Interessenten aus China, für den Geschäftsbereich Hörgeräte Käufer aus den USA.
Die Bereitschaft der vier Hauptgläubiger, eine Lösung zu suchen, in der das Wissen um Zellchemie und Batterietechnik für den Wirtschaftsstandort gesichert wird, war nur gespielt. Die Gläubiger haben einen Chief Restructuring Officer im Varta-Management platziert, der diese Versuche torpediert und sich hinter dem Rücken seiner Vorstandskollegen mit dem früheren Hauptgesellschafter Michael Tojner getroffen hat, um die Zerschlagung vorzubereiten.
Keine Frage, weder die Deutsche Bank noch die Investmentgesellschaften Blantyre, Bluebay und Whitebox sind schuld am Niedergang von Varta. Der Grund für das Scheitern liegt in einem Fehler, vor dem Börsenneulinge mit dem alten Spruch „Lege niemals alle Eier in einen Korb“ gewarnt werden: Von 2021 an hatte Varta sich abhängig gemacht von den Bestellungen des US-amerikanischen Technologiekonzerns Apple und sich so ein exorbitantes Klumpenrisiko geschaffen.
Der Großauftrag von Apple
Das Unternehmen hat allein für die Aufträge aus Kalifornien seine Produktionskapazitäten ausgeweitet und war auf die fortlaufenden Abrufe von Apple angewiesen, um Zins und Tilgung der für die Produktionsanlagen aufgenommenen Kredite zu bezahlen. Als Apple die Bestellungen leistungsfähiger Knopfzellen für Ohrhörer reduzierte, um einen zweiten Zulieferer aufzubauen und nicht allein auf den Hersteller aus Schwaben angewiesen zu sein, begann im Herbst 2022 das Batteriedrama von der Ostalb.
Eine unrühmliche Rolle spielte der österreichische Unternehmer Tojner, der als Mehrheitsaktionär an der Spitze des Aufsichtsrats stand, die riskanten Entscheidungen des Managements gebilligt und sich im Glanz der zweistelligen Wachstumsraten gesonnt hat. Nachdem Varta im Rahmen des Gesetzes über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) neu aufgestellt wurde, weinte der Österreicher Krokodilstränen, weil Tausende Aktionäre ihre Anteile verloren. Zwar wurden auch Tojners Anteilsscheine wertlos, im Gegensatz zu den Kleinanlegern durfte der Unternehmer sich aber wieder an Varta beteiligen, nachdem er drauf gedrängt hatte, die anderen Anteilseigner auszuschließen.
Hauptgläubigern sind industriepolitische Perspektiven egal
Der Kern des Niedergangs war da schon angelegt. Die Deutsche Bank und die drei Investmentfonds hatten sich weitreichende Zugriffsrechte gesichert, indem sie von anderen Geldinstituten, die das Vertrauen in Varta verloren hatten, günstig Darlehen übernahmen. An einer Lösung, die das Wissen in der Batteriechemie sichert, hatte das Quartett kein Interesse. Dass in der Varta-Gruppe die Expertise für eine Natrium-Ionen-Fertigung liegt, die Deutschland und Europa zumindest ein klein wenig unabhängiger von chinesischen Batterieherstellern machen könnte, war den Gläubigern egal. Als Apple vor wenigen Wochen seine Bestellungen bei Varta ganz stornierte, intensivierten die Deutsche Bank und die vier Fonds die Vorbereitungen für die Zerschlagung.
Auch der Vorstoß der Allswiss-Gruppe, die Varta als Ganzes erhalten wollte, um den Natrium-Ionen-Plan doch noch umzusetzen, stoppte die Prozesse zur Verwertung der Sicherheiten in Frankfurt und London nicht. Der Schweizer Investor hatte Anfang Juni angeboten, die Hauptgläubiger auszulösen und ihnen die Darlehen zum Nominalwert abzukaufen. Fragwürdig ist, dass die Deutsche Bank und die Investmentfonds in den vergangenen Wochen jedes direkte Gespräch, jede direkte Verhandlung mit Allswiss ablehnten.
Vor allem die Deutsche Bank hätte die Pflicht gehabt, intensiv zu prüfen, ob Varta gerettet werden könnte – vor allem, nachdem die Landesbank Saar sich entschieden hatte, die finanztechnische Begleitung der Transaktion zu übernehmen und Allswiss bei der Übernahme der Darlehen zu unterstützen. Eine Landesbank mag sich auch von politischen Zwecken leiten lassen, aber ganz risikoblind wird sie ihre Zusage nicht gemacht haben.
Zwei Landesregierungen und der frühere Ministerpräsident eines dritten Bundeslandes haben versucht, auf Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing einzuwirken, um das Geldinstitut dazu zu bringen, die Offerte aus der Schweiz seriös zu prüfen und die Chance auf eine von Varta getragene Natrium-Ionen-Fertigung in Deutschland nicht zu verspielen. Genutzt hat es nichts.
Am Mittwoch hat die Deutsche Bank begonnen, den wertvollsten Teil von Varta aus dem Unternehmen herauszulösen, um ihn zu verwerten. Hohl klingen vor diesem Hintergrund die Beteuerungen Sewings, dass er sich in der von ihm mit initiierten Kampagne „Made for Germany“ um den deutschen Wirtschaftsstandort sorgt.
