
Manchem Ruheständler wäre das vermutlich zu viel: Sich im Freundeskreis des Jüdischen Museums zu engagieren, im Stiftungsrat des Instituts für Sozialforschung und des Sigmund-Freud-Instituts sowie im Beirat der Heinrich-Böll-Stiftung in Hessen und im Kuratorium der Stiftung Citoyen mitzuarbeiten. Für Jutta Ebeling heißt das hingegen, deutlich kürzerzutreten. „Das ist ein Witz im Vergleich zu früher.“
Früher, das war nicht nur die Zeit als hauptamtliche Stadträtin. 2012 ist die Grünen-Politikerin aus dem hauptamtlichen Magistrat ausgeschieden, davor war sie 23 Jahre lang Dezernentin gewesen. In ihr Amt wurde die Gymnasiallehrerin, die unter anderem an der Carl-Schurz-Schule Deutsch unterrichtet hatte, 1989 gewählt. Damals löste eine Koalition von SPD und Grünen die CDU-Mehrheit ab.
Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg
Ebeling übernahm die Zuständigkeit für Schule und Bildung. Das Bildungsdezernat blieb durchgängig in ihrer Hand. Sie war zeitweise aber auch für multikulturelle Angelegenheiten, Umwelt und Frauen zuständig. Als erste Frau wurde Jutta Ebeling 2006 von der schwarz-grünen Koalition zur Bürgermeisterin und damit Stellvertreterin von Petra Roth (CDU) gewählt.
Nicht nur mit Roth verband die Realpolitikerin eine konstruktive Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg. Zusammen mit Boris Rhein (CDU), damals hessischer Wissenschaftsminister, setzte sie sich für die 2017 eingerichtete erste Holocaust-Professur in Deutschland ein. Es war nur eines ihrer vielen Engagements nach dem Ausscheiden aus der hauptamtlichen Politik. 2019 berief die schwarz-grüne Landesregierung Ebeling zur Vorstandsvorsitzenden der Hessischen Kulturstiftung.
An der Stadtpolitik hat sie die Jahre über immer regen Anteil genommen, doch „draußen ist draußen“, sagt sie. „Ungefragt sage ich nichts mehr.“ Sie wolle nicht dem Vorbild der beiden Grantler Waldorf und Statler aus der Muppet-Show nacheifern und aus der Seitenloge anderen sagen, wie sie es besser machen könnten. Wenn man sie aber fragt, dann vermisst sie den Geist der Zusammenarbeit. Die gerade entstandene Koalition könne daran arbeiten, sich mehr als Team zu verstehen. „Vielleicht kommt da aber auch die Nostalgie durch.“
Ebeling, die 1946 in Streitberg in Oberfranken geboren wurde und in Frankfurt zur Schule gegangen ist, vermisst die Politik nicht. Auch, weil diese durch das Internet und die sozialen Medien nochmals härter und schneller geworden sei. „Die heutigen Politiker haben es schwer. Sie haben kaum Zeit nachzudenken und sind permanent aufgefordert, sich darzustellen.“
Ihr selbst geht es gut. „Ich kann nicht klagen.“ Manche alte Gewohnheit hat sie aufgegeben, sogar die geliebten Zigarillos. „Seit fünf Jahren rauche ich nicht mehr und trinke auch keinen Alkohol.“ Das sei ihr gut bekommen. „Ich kenne mich gar nicht mehr“, sagt sie scherzhaft. An diesem Samstag wird die ehemalige Bürgermeisterin 80 Jahre alt, was sie selbst nicht recht glauben mag. Sie feiert deshalb mit Freundinnen und Freunden, die ihr dabei helfen, „meinen inneren Kalender mit dem äußeren kompatibel zu machen“.
