Claudia kniet auf einer großen Decke vor einem lang gezogenen Wohnstallhaus aus der Zeit der Germanen. Die Niederländerin wirkt doppelt aus der Zeit gefallen. Denn zum einen trägt sie ein luftiges Oberteil aus dünnem hellem Leder und dazu eine Art Rock aus Tierhaut. Zum anderen mimt sie keine Germanin. Vielmehr nimmt die Frau auf der Zeiteninsel nahe Marburg an einem Treffen von Freunden der Steinzeit teil. Der schattige Platz vor dem Wohnstallhaus bietet sich für ihre mühselige Arbeit an: Claudia, die ihren Nachnamen für sich behält, gerbt gerade mit den Händen ein Rehfell.
Woher sie das Fell hat? „Vorgestern hat uns ein Jäger aus der Region ein frisch geschossenes Reh gebracht“, berichtet sie. Gemeinsam mit anderen Leuten aus der Steinzeit-Gruppe habe sie dem Tier das Fell abgezogen, es zerlegt und mittlerweile das gesamte Fleisch schon gegessen. Die guten Stücke landeten demnach direkt auf selbst gemachter Holzkohle – ohne mit Salz oder anderen Gewürzen eingerieben worden zu sein. „Reh schmeckt auch ohne Gewürze aromatisch.“
Das restliche Fleisch sei in einem Lehmtopf über längere Zeit weich gegart worden. Aus Knochen sind inzwischen Werkzeuge nach steinzeitlichem Vorbild geworden, darunter Dinge zum Abschaben von Fleischresten vom werdenden Leder. Denn Werkzeuge kann Claudia zum Gerben der mit einer Lecithinlösung befeuchteten Tierhaut gut gebrauchen. „Wir verschwenden nichts“, hebt sie hervor und lächelt, bevor sie die Rückseite des Fells weiter bearbeitet.
Steinzeit-Community wählt Zeiteninsel für Jahrestreffen
Die Zeiteninsel bietet sich für das Treffen der Steinzeitfreunde aus mehreren europäischen Staaten an. Das über knapp ein Jahrzehnt aufgebaute archäologische Freilichtmuseum in Weimar-Argenstein macht seine Besucher mit fünf Epochen der Menschheitsgeschichte vertraut – von der mittleren Jungsteinzeit bis zur Römerzeit mit den Germanen. Dort kann die überschaubare Urzeit-Community in einem abgeschlossenen Raum ihrer Leidenschaft frönen, etwa Feuersteine behauen, mit Steinbeilen frisches Holz für Unterstände schlagen oder mit Pyrit und Zunderschwämmen eine Glut zum Kochen und zum Wärmen in der abendlichen Kühle entfachen. Manche Frauen und Männer tragen außer Leder auch Felle am Leib, ein Mann bedeckt sich nur mit einem Lendenschurz. So ahmen sie eine Woche lang ein Leben nach, wie es in der Steinzeit gewesen sein könnte.

Für die Zeiteninsel bietet das Treffen eine gute Gelegenheit, ihren Ruf zu festigen und zu mehren. Zudem erzielt das Freilichtmuseum Einnahmen, auch wenn es nach eigenen Angaben keinen Gewinn damit macht. Mehr Geld sollen in den nächsten Jahren Besucher von Handwerkskursen und anderen Angeboten bringen, zumal die Anlage nun fast komplett ist.
Am vergangenen Wochenende wurde die Zeiteninsel feierlich eröffnet, mit den üblichen Reden im neu gebauten Empfangsgebäude, einem ganz und gar nicht urzeitlichen, sich in eine Ecke des Geländes schmiegenden geometrischen Bau mit keilförmig anmutenden Enden. 3,5 Millionen Euro hat es gekostet. Das ist in etwa die Hälfte des in das Vorhaben geflossenen Geldes. Nach der Saalburg im Taunus und der Keltenwelt in Glauburg ist das Freilichtmuseum nahe der Lahn die dritte Topadresse der hessischen Archäologie.

Verwirklicht haben es die hinter der Zeiteninsel stehende Genossenschaft und ihr Förderverein gemeinsam mit der Landesarchäologie, dem Kreis Marburg-Biedenkopf und der Stadt Marburg. Die Idee des Freilichtmuseums geht zurück auf Andreas Thiedmann. Er arbeitet als Bezirksarchäologe und zeichnet als einer der drei Vorstände der Genossenschaft und wissenschaftlicher Projektleiter.
„Das Kieswerk war unser Glücksfall“
Dass einmal eine solche Anlage nahe Argenstein entstehen könnte, galt lange Zeit als unwahrscheinlich. Denn die Ecke liegt in einem Überschwemmungsgebiet der Lahn und ihres Nebenflusses Allna. Deshalb lautete die Annahme, dort gebe es für Archäologen nichts zu holen. So berichtet es eine Sprecherin. Ausgerechnet eine industrielle Nutzung belehrte die mit der kulturellen Entwicklung der Menschheit in der Region befassten Forscher aber eines Besseren: Der für die Lahn typische Kiesabbau förderte Hinterlassenschaften früherer Kulturen zutage. „Das Kieswerk war unser Glücksfall“, sagt die Sprecherin und strahlt.
Es fanden sich Spuren, die auf Pfosten von Häusern schließen ließen. Es handelte sich um Hinterlassenschaften aus der Mittelsteinzeit, in der die letzten Jäger und Sammler lebten, und aus der darauffolgenden Jungsteinzeit, in der die Menschen den Landbau entdeckten nach dem Vorbild der in Ungarn aufgetauchten Rössener-Kultur. Auf ein Langhaus schließende Funde aus der Rössener-Zeit wurden seinerzeit in Niederweimar entdeckt – in der Nähe fördern Bagger derzeit Kies zutage.
Folgerichtig steht auf der Zeiteninsel unter anderem ein 30 Meter messendes Langhaus. Kleiner sind an die Bronzezeit angelehnte Bauten. In jener Epoche arbeiteten Menschen nicht nur erstmals mit einer Legierung aus Zinn und Kupfer, sie erlernten auch erste Schritte der Arbeitsteilung.

Die Gebäude auf der Zeiteninsel sind als Annäherung an die damalige Zeit zu verstehen, nicht als originalgetreue Kopie. Ein Haus aus der Bronzezeit gleicht aus der Vogelperspektive einem Schlüsselloch. Das Motto lautet: So könnte es, gemessen an Funden und weiteren Erkenntnissen der Forschung, ausgesehen haben. Gleiches gilt für das Mobiliar. Einfache dreibeinige Hocker, ein Stuhl mit drei Beinen und einer Lehne finden sich dort etwa in Nachbarschaft eines Webstuhls mit Gewichten nach dem Vorbild der von etwa 1300 bis 800 vor Christus weitverbreiteten Urnenfelderkultur, wie sie in Vitrinen anderer Museen ausgestellt werden.
Häuser sind mit Reet gedeckt, was sich in einem Feuchtgebiet mit dem entsprechenden Rohmaterial anbietet, oder mit Schindeln aus dem Holz von Lärchen. Sind die bronzezeitlichen Wände vorwiegend aus Lehm gebaut, kam für die Eisenzeit auch die Blockhüttenbauweise zum Tragen.
Beraten hat der deutsche Archäotechniker Wulf Hein die Zeiteninsel-Macher bei der Gestaltung der Häuser. Bisweilen überrascht den Laien die Liebe zum Detail. So sind zum Öffnen der einzelnen Häuser unterschiedliche Schlüssel nötig, gefertigt nach dem Vorbild der jeweiligen Epoche. In dem Römerzeit-Gebäude stehen, anders als in den Bauten zu den anderen Epochen, richtige Betten mit Stroh als Liegefläche. Statt Reet dient Stroh neben Lärchenrinde zur Abdeckung des Daches, Leder schützt den Giebel in voller Länge. Der Clou: „Stroh hält Jahre länger als Rinde“, sagt die Sprecherin.
