Am besten versteht man James Baldwin, diese bis heute prägende Stimme des schwarzen Amerika, wenn man ihn von der Musik her liest. Dies gilt auch für jenen Essay, der ihn Anfang der Sechzigerjahre berühmt, ja zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung machte: „The Fire Next Time“ – das ist ein Zitat aus dem Spiritual „I’ve Got a Home in That Rock“. Der Vers im Ganzen wird als Schlusssatz von Baldwin selbst wiedergegeben, und zwar mit solch einem rhythmischen punch, dass die Sprache zu klingen und zu schwingen beginnt: „God gave Noah the rainbow sign, / No more water, the fire next time!“
Baldwins Essay ist – so könnte die These lauten – ein Gospel in Prosa. Als solcher steht er in einer schwarzen Musiktradition, deren Charakter und Bestimmung der Verfasser, der in seinen Jugendjahren als Prediger in einer Pfingstgemeinde auftrat, an einer Stelle seines Essays selbst umreißt: „Die Freiheit, die man zum Beispiel im Gospel hört und im Jazz … ist immer auch herb, ironisch, streng und zweideutig.“ Genau das gilt für „The Fire Next Time“: Der Essay berichtet von einem tief sitzenden Schmerz, einer offenen Wunde, aber er tut es mit einer solchen Sinnlichkeit und „Präsenz“ (so ein Kernbegriff Baldwins), dass man ihn sich gut in einer Darbietung von Bessie Smith oder Robert Johnson vorstellen könnte.

Der Schmerz, das Feuer: Baldwins Essay ist in Buchform 1963 erschienen, genau hundert Jahre nach der Emanzipationsproklamation von Präsident Abraham Lincoln. Zusammengesetzt aus zwei Teilen – einem kurzen Brief an den Neffen Baldwins und einer deutlich längeren Abhandlung –, ist der Befund des Essays erschütternd. Der schwarze Mensch sei in den USA faktisch „wertlos“, was ihm „mit brutaler Offenheit“ mitgeteilt werde: in Gestalt der weiterhin bestehenden Segregation, mieser, schlecht bezahlter Jobs und ständiger Polizeigewalt sowie in der in den Südstaaten immer noch üblichen Praxis des Lynchens.
Die Antwort hierauf könne nur eine zweifache sein: erstens, indem die verinnerlichte Selbstverachtung durch ein neues Selbstbewusstsein ersetzt wird, durch eine Besinnung auf die eigene Geschichte und Kultur, wie es der Essay durch den Bezug auf die Musikgeschichte, aber auch durch den Rekurs auf Denker wie W. E. B. Du Bois selbst vormacht; und zweitens, indem man die Weißen aus einer neuen Position der Stärke heraus zu „akzeptieren“ beginnt, „und zwar mit Liebe“, die hier weniger als christliche Versöhnungsgeste denn als subversive politische Kraft begriffen wird. Nur so könne es gelingen, Amerika zu dem zu machen, was es der Idee nach immer schon hätte sein sollen: eine Gemeinschaft der Einzelnen und Verschiedenen.
„The Fire Next Time“ ist – wegen seines zornigen, fast schon aufwiegelnden Titels, der gern als prophetische Vorwegnahme der Aufstände in den afroamerikanischen Großstadtvierteln zwischen 1964 und 1967 verstanden wird, wie der Journalist René Aguigah in seinem lesenswerten Baldwin-Porträt „Der Zeuge“ darstellt – ein zutiefst amerikanisches Glaubensbekenntnis. Baldwin besingt das uneingelöste Freiheits- und Gleichheitsversprechen der USA aber nicht bloß. Drohend konfrontiert er die Nation mit der Konsequenz ihres moralischen Versagens.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
